Drei Chemiker ausgezeichnet: Nobelpreis für die Enthüllung der Zellen
zuletzt aktualisiert: 07.10.2009 - 15:24Stockholm (RPO). Sie haben für einen enthüllenden Blick auf kleinste Zellbestandteile gesorgt. Dafür bekommen der Brite Venkatraman Ramakrishnan, der US-Amerikaner Thomas A. Steitz und die Israelin Ada E. Yonath in diesem Jahr den Chemie-Nobelpreis.
Wie das Nobelkomitee am Mittwoch in Stockholm bekanntgab, werden die drei Preisträger ausgezeichnet für die Erforschung von Struktur und Funktion der Ribosomen, der in jeder Zelle jedes Lebewesens vorhandenen Proteinfabriken. Ihre Arbeiten haben unmittelbare Auswirkung auf die Entwicklung lebensrettender Medikamente.
Ribosomen nehmen eine Schlüsselstellung in jedem Lebewesen ein, ob Mensch, Tier oder Pflanze. Sie lesen den genetischen Bauplan von der DNA ab und produzieren nach dieser Anleitung Zehntausende von Proteinen, wie das Preiskomitee in seiner Würdigung erläuterte. Diese Stellung macht sie aber auch zu einem guten Ziel für Angriffe. Viele moderne Antibiotika wirken gegen verschiedene Krankheiten, indem sie die Ribosomen in Bakterien blockieren.
In ihren Forschungsarbeiten haben die diesjährigen Chemie-Nobelpreisträger mit Hilfe der Röntgenkristallografie dreidimensionale Darstellungen von Ribosomen ermöglicht. Damit könnten Forscher heute neue Antibiotika entwickeln, erklärte die Königlich Schwedische Akademie der Wissenschaften. Die von den Preisträgern entwickelten Modelle trügen also direkt zur Rettung von Menschenleben und zur Linderung menschlichen Leidens bei.
Ribosomen
Die unter dem Elektronenmikroskop erkennbaren Ribosomen kommen in den Zellen aller lebenden Organismen vor. Sie lesen mit Hilfe einer Botensubstanz die in der Erbsubstanz, der DNA, gespeicherten Informationen und stellen nach diesem Bauplan Proteine her.
Diese Eiweißmoleküle bauen letztlich den Körper von Mensch, Tier und Pflanze auf und bestimmen die chemischen Abläufe im Organismus, wie das Nobelpreiskomitee in Stockholm bei der Benennung der Nobelpreisträger für Chemie erläuterte.
Zu den Proteinen, die von den Ribosomen hergestellt werden, gehören das Hämoglobin, der sauerstoffbindende rote Farbstoff in Blutkörperchen, ebenso wie beispielsweise Antikörper des Immunsystems, Hormone wie Insulin, das Kollagen der Haut oder Enzyme, die Zucker aufspalten. Es gibt zehntausende verschiedene Proteine im Körper, mit höchst unterschiedlichen Formen und Funktionen.
Auch in Deutschland geforscht
Die 70-jährige Jonath ist erst die vierte Frau, die den Chemie-Nobelpreis erhält. Zuletzt wurde die Britin Dorothy Crowfoot Hodgkin im Jahr 1964 ausgezeichnet. Erste weibliche Preisträgerin war 1911 Marie Curie, die Entdeckerin der radioaktiven Elemente Radium und Polonium.
Jonath hat auch in Deutschland geforscht: Am Max-Planck-Institut für Molekulare Genetik in Berlin entwickelte sie als Gastprofessorin von 1979 bis 1983 die Grundlagen für die Kristallisation von Ribosomen. Von 1986 bis 2004 leitete sie eine Forschungsgruppe des Max-Planck-Instituts am Deutschen Elektronen-Synchrotron (DESY) in Hamburg.
Jonath ist Professorin am Weizmann-Institut für Wissenschaften in Rechowot in Israel. Der 69-jährige Steitz stammt aus Milwaukee im US-Staat Wisconsin. Er ist Professor für molekulare Biophysik und Biochemie an der Yale-Universität in New Haven im US-Staat Connecticut.
Die Forschungsarbeiten seien parallel, aber unabhängig voneinander gelaufen, sagte Steitz der Nachrichtenagentur AP. "Wir wollten alle dasselbe Ziel erreichen, und das so schnell wie möglich", sagte der Wissenschaftler. "Ich habe das nicht als persönlichen Wettkampf verstanden, aber es war schon eine Art Rennen."
Ramakrishnan glaubte an einen Scherz
Die Geehrten erhalten jeweils ein Drittel des Preisgelds von zehn Millionen Kronen (1,09 Millionen Euro). Der jüngste unter ihnen ist mit 57 Jahren der in Indien geborene Ramakrishnan. Er leitet einen Arbeitsgruppe am Medical Research Council (MRC) in Cambridge in Großbritannien.
Als er den Anruf aus Stockholm erhalten habe, habe er zunächst an einen ausgeklügelten Scherz geglaubt, erzählte Ramakrishnan, der sich von Kollegen und Mitarbeitern "Venki" nennen lässt. "Ich habe Freunde, die so etwas machen. Ich habe dem Anrufer sogar Komplimente für seinen schwedischen Akzent gemacht."
Bei den Forschungen an Ribosomen gehe es darum, die "große molekulare Maschine zu verstehen, die Informationen aus den Genen holt und sie verwendet, um Eiweißmoleküle zusammenzunähen", sagte Ramakrishnan. Nachdem mit der Röntgenkristallografie Bilder dieser enormen Maschine in atomarer Präzision entstanden seien, "können wir nun beginnen, herauszufinden, wie dieser komplizierte Vorgang abläuft".
Mit den Nobelpreisen wollte der 1896 verstorbene Preisstifter Alfred Nobel wissenschaftlichen Einsatz zugunsten der Menschheit fördern. Traditionell wird zuerst der Medizin-Preis vergeben, gefolgt von Physik und Chemie. Am Donnerstag wird der Träger des Literatur-Nobelpreises, am Freitag der des Friedensnobelpreises bekanntgegeben. Den Abschluss bildet der Preis für Wirtschaftswissenschaften am Montag. Die Preisverleihung erfolgt alljährlich am 10. Dezember, dem Todestag Nobels.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum








