Frühling im November: Wann beginnt der Klimawandel?
VON RAINER KURLEMANN - zuletzt aktualisiert: 28.11.2006 - 15:44Düsseldorf (RP). In den vergangenen Tagen wurden ständig Rekordwerte gemeldet. Der Deutsche Wetterdienst zählt in der Branche zu den besonders seriös auftretenden Wetterkundigen. Doch selbst die Offenbacher titelten Mitte November ihre Wettervorhersage schlicht und treffend: Biergartenwetter. Ein Blick in die Zukunft.
In Oberstdorf, wo sich die Hotelwirte sonst auf den ersten Schnee vorbereiten, wurden am Samstag 21,3 Grad gemessen - zu warm für den Ski-Anzug. Im norwegischen Lillehammer soll am kommenden Wochenende der Weltcup der Skispringer und Kombinierer stattfinden, allerdings regnet es dort seit zehn Tagen. Bundestrainer Behle klagte gestern: "Es gibt fast nirgendwo in Europa Schnee." Im Fürstentum Liechtenstein sank das Thermometer in der Nacht zu Sonntag nur auf 21 Grad. Das macht Lust auf laue Sommerabende, wenn nicht die früh einsetzende Dunkelheit verwirrend wäre.
Das Wetter ist extremer
Das Wetter hat längst seine Superlative verloren. Das Prädikat "Jahrhundert-Herbst" hält kaum noch zehn Jahre. Gleichzeitig müssen wir erkennen, dass wir uns an den Umgang mit Extremwetterlagen gewöhnen müssen, die einzelne Menschen hart treffen können. So wie vor einem Jahr, als binnen weniger Stunden das Münsterland im Schnee versank und der Strom tagelang ausfiel. Oder in Bayern, als die Flachdächer unter der Last des Schnees einknickten wie Streichholzhäuschen. Oder wie im September, als Wassermassen nach einem Regen die Stadt Dillenburg überflutete. Das Wetter hat in Deutschland in diesem Jahr Kapriolen geschlagen. Kein einzelnes Ereignis für sich allein genommen kann mit dem beginnenden Klimawandel begründet werden. Trotzdem passen die Unstetigkeiten der Natur fast perfekt auf die Vorhersagen der Klimaforscher.
Die Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts in Hamburg haben berechnet, dass Deutschland auf dem Weg in ein eher mediterranes Klima ist. Lange, trockene Sommer, milde, feuchtere Winter - will sagen: So schlimm wie andere Gebiete der Erde wird es uns nicht treffen. Schon jetzt geben viele Menschen unverhohlen zu, dass sie Temperaturerhöhungen von drei Grad befürworten würden: Urlaubswetter vor der Haustür.
Natürlich ist das zu kurz gedacht. Manche Teile der Welt müssen stärker leiden. Spanien, ein Lieblingsurlaubsland der Deutschen, wird im Sommer unter großer Hitze stöhnen. In Städten ohne Kühlung vom Meer wie etwa Madrid wird es im August wochenlang fast unerträglich heiß. Diese Liste der Einzelschicksale ließe sich fortsetzen. Es gibt (wenige) Gewinner und (viele) Verlierer. Zudem schmelzen die Gletscher, das scheinbar ewige Eis auf Grönland und das Packeis im Polarmeer.
Alles könnte schlimmer werden
All diese Phänomene sind schon Realität, auch wenn das allmähliche Steigen der Meeresspiegel noch folgenlos bleibt. In den Niederlanden denken Ingenieure bereits über höhere Deiche nach, die das Land wohl schützen werden. Und die Folgen des Klimawandels werden wiederum den Klimawandel beeinflussen. Der Golfstrom, der für wärmere Temperaturen in Westeuropa sorgt, wird geringer werden. Wenn Meeresströmungen sich ändern, wird die ganze Wetterküche neu gemischt.
"Welche Auswirkungen Veränderungen der Vegetationsbereiche oder das Auftauen des Permafrost-Bodens in Sibirien auf die Treibhausgas-Bilanz in der Atmosphäre haben, weiß niemand genau", sagt Annette Kirk vom MPI in Hamburg. Die derzeitigen Rechenmodelle haben diese Informationen noch nicht verarbeitet. Zu vermuten ist: Alles könnte noch schlimmer werden.
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