Interview: Wie wird der Winter?
zuletzt aktualisiert: 30.10.2005 - 09:58Berlin (rpo). Ein halbwegs realistische Wettervorhersage ist heutzutage lediglich für ein paar Tage möglich. Wissenschaftliche Langzeitprognosen sind nicht möglich. Aber neben Wettersatelliten, Computern und Strömungsdiagrammen gibt es ja noch Jahrhunderte alte Bauernregeln. Und die hat der Meteorologe Horst Mahlberg untersucht und sie haben sich als recht zuverlässig erwiesen. Und so können wir jetzt schon verraten, wie der Winter wird.
Herr Professor, können Sie denn sagen, wie der Winter in diesem Jahr wird? Wird es ein schneereicher Winter oder ein kalter Winter?
Mahlberg: Die Wissenschaft versucht, Methoden zu entwickeln, um Jahreszeitenvorhersagen zu machen. Aber das steckt noch in den Kinderschuhen. Ich habe dagegen Bauernregeln untersucht und festgestellt, dass es für den Winter einige sehr gute Bauernregeln gibt. Die erste Regel, die eine Eintreffwahrscheinlichkeit von 80 Prozent hat, lautet: "Ist der September lind, wird der Winter ein Kind". Also bei einem überdurchschnittlich warmen September haben wir auch einen milden Winter zu erwarten. Und in diesem Jahr war der September in weiten Teilen Deutschlands deutlich zu warm. Das heißt, wir können mit hoher Wahrscheinlichkeit sagen, dass ein milder Winter kommt.
Welche Bauernregeln über den Winter gibt es denn noch?
Mahlberg: Die zweite Regel, die auch enorm gut ist, nämlich eine Eintreffwahrscheinlichkeit von 90 Prozent hat, lautet: "Ist der Oktober lind und fein, so folgt ein strenger Winter drein." Nun, was macht dieser Oktober? Wir haben alle den Eindruck, dass der Oktober deutlich zu warm ist, zu sonnig, aber die Frage ist auch "lind und fein" und das heißt auch Niederschlag. Und hier sieht es nun so aus, dass der Oktober zwar zwischen einem und anderthalb Grad zu warm ist, aber dass der Niederschlag übernormal ist.
Die letzten Tagen haben dazu geführt, dass mehr Niederschlag als im Monatsdurchschnitt gefallen ist. Und das bedeutet, dass diese Regel offensichtlich in diesem Jahr nicht zutrifft. Das bestätigt wieder die Septemberregel, dass nämlich der Winter eine Tendenz zu milder Witterung hat - was nicht heißt, dass nicht einige Phasen dazwischen sind, wo das sibirische Hoch sich bei uns durchsetzen kann und die atlantischen Tiefs zurückdrängt. Aber insgesamt können wir nach der Oktoberregel auch davon ausgehen, dass der Winter im Prinzip mild wird.
Bauernregeln werden ja zum Teil belächelt, aber Ihre Untersuchung belegt ja das Gegenteil, oder? Sie haben angesprochen, dass diese Regeln eine Wahrscheinlichkeit von 80 bis 90 Prozent haben das ist ja sehr viel mehr, als vielleicht der Normalbürger glaubt.
Mahlberg: Wer heute noch über die Bauernregeln lächelt, der hat keine Ahnung. Die Langfristregeln haben eine durchschnittliche Eintreffwahrscheinlichkeit von 65 Prozent, aber es gibt eben auch Spitzenregeln mit 80 bis 90 Prozent. Daran sieht man: Unsere Vorfahren waren hervorragende Naturbeobachter warum waren sie das? Bei den Kurzfristregeln, um ihren Arbeitstag einzuteilen, und bei den Langfristregeln, um ihre Ernte abzuschätzen.
Denn wenn heute die Erntezeit verregnet ist, dann tun uns die Bauern leid, aber wir merken wenig davon, wir holen uns unser Getreide aus Kanada oder Argentinien oder irgendwoher. Und früher? In den Annalen heißt es, eine schlechte Ernte machte den reichen Bauern arm, und die armen Bauern starben an Krankheit, Seuchen, Hunger. Das heißt, für sie war es lebenswichtig. Und auch die moderne Meteorologie macht ja im Grunde nichts anderes als zunächst einmal eine gute Wetterbeobachtung.
Ohne sie kann es keine gute Wetterprognose geben. Insofern waren die Bauernregeln die Meteorologie des Mittelalters. Man hat sehr gut beobachtet und daraus seine Schlussfolgerungen gezogen, ohne natürlich die Dinge physikalisch oder meteorologisch erklären zu können.
(Horst Malberg, "Bauernregeln aus meteorologischer Sicht", Springer-Verlag, ISBN 3-540-00673-7)
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