Lieber gelassen bleiben: Wut macht noch wütender
zuletzt aktualisiert: 02.11.2006 - 20:08Frankfurt/Main (RPO). Wer sich über eine Sache ärgert, soll ruhig Dampf ablassen, empfiehlt der Volksmund. Doch Psychologen warnen vor unkontrolliertert Wut. Denn wer seine Wut nicht kontrolliert, werde bald von ihr kontrolliert, so die Experten.
"Aber die Überzeugung, dass das Ausleben von Gefühlen die Neigung zu Aggressionen mindert, hält sich weiter hartnäckig", sagt Leo Montada, Professor für Psychologie an der Universität Trier.
Ein berühmter Verfechter des Gedankens, seine Wut heraus zu lassen, sei gut, war Sigmund Freud, der Begründer der Triebtheorie. Der österreichische Arzt und Vater der Psychoanalyse ging dabei von einem angeborenen Aggressionstrieb aus. Wenn dieser immer wieder unterdrückt werde, seien seelische Störungen die Folge. "Unsinn", sagt der Psychologe Karl Landscheidt aus Oberhausen. "Natürlich ist Wut eine emotionale Reaktion auf bestimmte Umstände. Aber die Vorstellung, es sei ungesund, Wut zu unterdrücken, ist schlicht falsch."
Alltagssprachliche Begriffe wie "Wut herauslassen" bedürfen daher der Klärung. "Wer Unrecht wahrnimmt, ob es ihm selbst oder anderen angetan wird, sollte nicht schweigen, sondern sich äußern", erklärt Prof. Montada. Dabei rät er zur so genannten Ich-Botschaft und Sätzen wie: "Ich erlebe mich von Dir ungerecht behandelt."
Die andere Seite könne dadurch angeregt werden, ihr Handeln zu überdenken, einen Fehler einzusehen und um Verzeihung bitten, eine falsche Wahrnehmung zu korrigieren und ihr Handeln einsehbar zu rechtfertigen. "Wird dagegen Wut oder Empörung als heftiger Vorwurf, also negative Du-Botschaft oder als aggressive Handlung "herausgelassen", führt das oft zu Konflikten statt zu Klärungen."
Entscheidend ist dabei nicht die Situation selbst, sondern wie der Betroffene sie einordnet. "Unsere menschliche Reaktion erfolgt in drei Schritten", erklärt die Psychologin und Unternehmensberaterin Peri Kholghi aus Bensheim. Auf die Wahrnehmung folge eine individuellen, subjektive Bewertung, die dann zur Reaktion führt. "Ob man auf etwas wütend reagiert, hängt also davon ab, wie die Sache bewertet wird."
Psychologe Landscheidt ergänzt: Bei Wut wird dem Gegenüber häufig eine böse Absicht unterstellt. Umgekehrt kann Wut sofort verschwinden, wenn dieser Grund plötzlich nicht mehr greift. Landscheidt nennt ein Beispiel: "Stellen Sie sich vor, Ihnen fährt auf der Autobahn ein Sechser BMW dicht auf. Das macht Sie wütend. Plötzlich sehen Sie, dass das ein Arzt im Einsatz ist und der BMW es aus diesem Grund eilig hat: Die Wut ist dann von der einen zur anderen Sekunde weg."
Wut ist also auch Einstellungssache. Landscheidt erklärt: "Wenig aggressive Personen empfinden seltener Situationen als ärgerlich. Das hängt viel von erlerntem Verhalten ab." Zwar spielten die Gene mit eine Rolle, so der Psychologe, aber diese setzten sich nicht eins zu eins im Verhalten um, sondern werden durch Lernen beeinflusst. Einige werden indes häufiger und heftiger wütend.
"Wer viele egoistische Ansprüche hat, sieht sie eher als verletzt an als jemand, der seine eigenen Ansprüche mit den berechtigten Anliegen anderer abgleicht", erläutert Prof. Montada. Wer seine Vorstellungen von Recht und Gerechtigkeit nicht reflektiert und sich selbst im Recht, die anderen im Unrecht sieht, wird sich häufiger empören."
Dabei gehen Männer und Frauen mit ihrer Wut unterschiedlich um. "Männer sind eher wettbewerbsorientiert und sehen die Wut auch als Möglichkeit an, sich mit jemanden auseinander zu setzen und möglicherweise als Sieger aus der Situation hervorzugehen", erklärt Psychologin Kholghi. Dagegen seien Frauen eher nach innen gerichtet und stellten sich Fragen wie: "Warum regst du dich auf, bleib doch gelassen."
Wut zunächst akzeptieren
Weder das eine noch das andere Extrem ist laut Kholgi richtig: "Wir brauchen beides. Wenn man die Wut immer nur auf sich selber zurückführt, dann vermeidet man die Auseinandersetzung und damit eine Lösung des Konflikts." Richtig wäre es, zunächst die Wut zu akzeptieren, um dann mit dem Betreffenden in Ruhe darüber zu reden. "Denn das wird immer schwieriger, je länger man wartet, da sich dann die Aggression immer mehr aufstaut." Ob einem das die Sache dann wert ist, muss jeder für sich selbst entscheiden. "Man muss nicht alles problematisieren und ausfechten", sagt Kholghi.
Wer nicht gleich rot sieht, kann sogar Positives aus seiner Wut ziehen. "Wut wird immer nur als etwas Schlechtes dargestellt, doch sie kann auch durchaus Gutes bewirken und zu Leistungen anspornen, die man sonst nicht zustande gebracht hätte", erklärt Kholghi. So lasse sich aus der Wut Energie ableiten, um die Situation beim nächsten Mal besser zu meistern.
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