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Eine Analyse: Lieblingsschule Gymnasium

VON FRANK VOLLMER - zuletzt aktualisiert: 22.07.2010 - 15:20

Düsseldorf (RP). Den Deutschen ist ihre "höhere Lehranstalt" lieb und teuer – die Gymnasien können sich vor Anmeldungen kaum retten. Dennoch schlägt ihnen Misstrauen entgegen: Sie seien elitär, lautet der Vorwurf. Tatsächlich ist das Gymnasium die große deutsche Aufstiegsschule.

Es hat sich ganz gut gehalten für seine 200 Jahre. Zumindest wenn man nach seiner Beliebtheit urteilt, steht das deutsche Gymnasium in schönster Blüte. Zweieinhalb Millionen Gymnasiasten gibt es. Machte vor 100 Jahren nur jeder Hundertste das Abitur, ist es heute fast jeder Zweite. Tendenz steigend: Der Anteil der Gymnasiasten hat in Nordrhein-Westfalen seit 1999 um mehr als drei Punkte auf derzeit 38,5 Prozent zugelegt.

Trotzdem: Mit der Blüte ist es so eine Sache. Dem Gymnasium schlägt Misstrauen entgegen. Die Gymnasien hätten Nachholbedarf bei der Verantwortung für jedes einzelne Kind, sagte die grüne NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann unserer Zeitung. Und weil in Hamburg, wo ein Volksentscheid die sechsjährige Primarschule und damit die Verkürzung des klassischen Gymnasiums kippte, vor allem Bürger der wohlhabenden Stadtteile an die Urnen strömten, ätzte die linke "Tageszeitung": "Das Großbürgertum riegelt hinter sich ab. Das Establishment hat ganz selbst-bewusst entschieden, seine Kinder nur vier Jahre mit den Bildungsverlierern zu belästigen."

Reaktionär ist modern

Gymnasien sind Elitentempel, soll das heißen, Bollwerke des Bürgertums gegen Arme, Ausländer und die Kinder von solchen, bei denen nur Telefonbuch und Rätsellexikon im Regal stehen. Den Bildungsforscher Wolfgang Edelstein führte das unlängst gar zu dem Urteil, das deutsche Schulsystem sei "das reaktionärste der Welt".

Wer auf die Zahlen schaut, der müsste ihm freilich ironisch entgegenhalten: Reaktionär ist modern. Denn die Gymnasien haben Erfolg. Mehr noch: Sie sind eine nationale Erfolgsgeschichte. Sie beginnt 1809, als Preußen im Tal der Tränen ist, besiegt von Napoleon, und seine militärische, soziale und politische Verfassung ändern muss, um wieder auf die Beine zu kommen.

Wilhelm von Humboldt, Leiter der Sektion Kultus und Unterricht im Innenministerium, skizziert einen Bildungsplan: ein Dreisprung Elementarschule – Sekundarschule – Universität. Aus dem Militär- soll ein Bildungsstaat werden: "Alle Schulen, deren sich die ganze Nation oder der Staat annimmt, müssen nur allgemeine Menschenbildung bezwecken." Seit 1812 heißen in Preußen alle Schulen Gymnasium, die zur Universität entlassen.

"Allgemeine Menschenbildung"

Das ist, grob gesagt, die Geburt des Gymnasiums aus der Staatskrise. Eine Schule, die Lernkompetenz vermittelt, nicht durch Herbeten von Daten, sondern durch "allgemeine Menschenbildung" – dieses Ideal ist den Deutschen lieb und teuer.

Die Erfolgsgeschichte Gymnasium wird lang und länger. Ihr wird ein neues Kapitel angefügt, als das Gymnasium nach 1945 eine Massenschule wird, eine Aufstiegsmaschine. Millionen sind seither die ersten ihrer Familie gewesen, die ein Gymnasium von innen sahen, Abitur machten, studierten. Das Gymnasium als Tor zur Welt – auch für Hannelore Kraft, deren Eltern Straßenbahner in Mülheim waren, und für Sylvia Löhrmann, die ein katholisches Mädchengymnasium in Essen besuchte.

Zur Erfolgsgeschichte der Volks-Schule Gymnasium gehört auch dies: Der Lernfortschritt ausländischer Schüler, das hat eine Berliner Studie 2004 herausgefunden, ist in Lesen und Mathematik, also in zwei Kernkompetenzen, in der Klasse 5 am Gymnasium deutlich höher als bei deutschen Schülern. Das Gymnasium als Integrationsmaschine – was Humboldt die Bürger waren, die durch Bildung gleiche Chancen wie die Sprösslinge der Adelsfamilien bekommen sollten, das sind dem Gymnasium von 2010 die Migrantenkinder. Auch sie müssen aufholen, was die Eltern ihnen nicht vermitteln können.

Herkunft und Bildungschancen

Richtig bleibt allerdings auch, dass der Anteil von Schülern mit Migrationshintergrund an Gymnasien unterdurchschnittlich ist. Und Grundschulkinder von Akademikern erhalten fast fünfmal so häufig eine Gymnasial-Empfehlung wie Kinder, deren Eltern höchstens einen Hauptschulabschluss haben. "Zu 28 Prozent wird die Übergangsentscheidung durch eine Sozialschicht-Komponente bestimmt", sagt Jürgen Baumert, Ex-Direktor des Berliner Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung.

In Deutschland hängen Herkunft und Bildungschancen immer noch zu stark zusammen – trotz Humboldt, trotz der großen Öffnung seit 1945. Das Problem scheint aber eher eins des Übergangs zu sein als der Gymnasien selbst. Die Kritik von Löhrmann, die Gymnasien hätten "Nachholbedarf" zum Beispiel dabei, den Schülern Bildungserfolg ohne Nachhilfe zu ermöglichen, ist jedenfalls zweischneidig: Laut Bildungsbericht der Bundesregierung bekommen zwar 26,9 Prozent der 15-jährigen Gymnasiasten Nachhilfe, mehr als jeder Vierte. Und doch ist das der zweitniedrigste Wert aller Schulformen.

Auch die Gymnasien müssten sich weiterentwickeln, hat Löhrmann gesagt. Davor dürfte ihnen eigentlich nicht bange sein. Mit Weiterentwicklung haben die Gymnasien 200 Jahre Erfahrung.


 
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