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Felder für jedermann: Miete einen Bio-Acker

VON DIETER DORMANN - zuletzt aktualisiert: 09.07.2008 - 16:18

Jüchen/Büderich (RP). Die Nachfrage nach ökologisch erzeugten Lebensmitteln steigt ständig. Meist sind sie aber teurer als konventionell produzierte Waren. Dank einer neuen Idee können Ernährungsbewusste nun auf kleinen Parzellen von Bio-Bauernhöfen für einen geringen Mietpreis Gemüse anbauen und ernten.

Heimisches Gemüse ist nicht gesundheitsgefährdend.  Foto: ddp, ddp
Heimisches Gemüse ist nicht gesundheitsgefährdend. Foto: ddp, ddp

Jakob Kessel, der früher als Ofenmaurer sein Geld verdient hat, ist 77 Jahre alt. Aber das Unkraut, das zwischen Mangold, Salat, Fenchel und Kartoffeln auf dem Acker des Biobauernhofes Essers im Dörfchen Neuenhoven bei Jüchen wuchert, jätet der Rentner aus Grevenbroich mit dem Elan eines Zwanzigjährigen. Trotz der anstrengenden Arbeit strahlt der 77-Jährige und meint: „Gartenarbeit ist meine liebste Beschäftigung. Ich wünschte, das Stückchen Land hier wäre meins.“

Jakob Kessels Wunsch ist - zumindest ein wenig - Realität: Die 80Quadratmeter große Parzelle, auf der der rüstige Rentner arbeitet, ist Eigentum von Biobauer Thomas Sablonski, der vor einigen Jahren den Essers-Hof von seinem Stiefvater übernommen hat. Auf Anregung von Markus Profijt vom „Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland“ (BUND) in Mönchengladbach entschloss sich der 27-jährige Landwirt, beim Projekt „Gemüse-Selbst-Ernte“ mitzumachen.

Die Idee, die dahinter steht: Im Frühjahr beackert der Biobauer die etwa 80 Quadratmeter großen Parzellen, sät und pflanzt darauf etwa 20 verschiedene Gemüsesorten von Buschbohnen über Kohlrabi bis hin zu Zucchini und vermietet sie für 170 Euro pro Jahr. Bezahlt wird im Frühjahr. Im April/Mai werden die Parzellen vom Landwirt an die Mieter „übergeben“. Ab dann jäten, gießen und ernten sie das Bio-Gemüse selbst. Zwei, drei Stunden Arbeitseinsatz pro Woche reichen aus, um das Beet ausreichend zu pflegen.

Thomas Sablonski wollte für den Anfang nur 20Parzellen anbieten, vermietet hat er letztlich 34. Eine an Jakob Kessels Tochter Doris. Und weil die derzeit Urlaub macht, kann der 77-Jährige dort derzeit nach Herzenslust seiner Lieblingsbeschäftigung nachgehen.

Dass so viel Interesse an den Parzellen bestand, überrascht nicht. Bio boomt. Die Nachfrage nach ökologisch erzeugten Nahrungsmitteln steigt ständig - nicht nur wegen immer öfter auftretenden Lebensmittelskandalen. So kletterte 2006 und 2007 der Umsatz von Bio-Lebensmitteln in Deutschland im Vergleich zum Vorjahr um je 18Prozent. Längst bieten auch Discounter wie Aldi und Lidl Bio-Waren an. Doch immer noch verhindert der höhrere Preis der Öko-Waren, dass alle, die „Bio“ kaufen wollen, es sich auch leisten können.

Dieser finanzielle Aspekt war einer der Gründe, warum Anja Etzhold (36) aus Rheydt zusammen mit einer Freundin eine Parzelle auf dem Hof von Thomas Sablonski gemietet hat. Immerhin deckt das auf einer Parzelle geerntete Gemüse den Bedarf einer vierköpfigen Familie. Der Warenwert übersteigt die Miete um das Vierfache. Doch die Heilpraktikerin nennt weitere Gründe, warum sie sich ein Stückchen Bio-Acker gemietet hat. „Es ist einfach toll zu sehen, wie das alles unter der eigenen Pflege wächst und gedeiht. Außerdem schmeckt Bio einfach besser und ist gut für die Umwelt.“ Rosemarie Wichmann (60), deren Sohn mit seiner Frau und den Kindern Lars (15) und Lara (4) eine Parzelle gemietet hat, begeistert noch etwas am Projekt „Gemüse-Selbst-Ernte“: „Hier sehen die Kinder mal, wo Möhren oder Kohl herkommen.“

Parzellen-Vermieter Thomas Sablonski hat es nicht bereut, dass er die „Gemüse-Selbst-Ernte“-Idee in die Tat umgesetzt hat. Die anfängliche Angst, Mieter könnten durch die Verwendung von nicht zugelassenen Dünge- oder Spritzmitteln seine Zulassung als Bio-Betrieb gefährden, ist verflogen. „Die sind alle selbst so bio-begeistert, das würde keiner machen.“ Große finanzielle Gewinne bringen die Mieteinnahmen dem Landwirt nicht. Schließlich stellt er den Mietern auch Gartengeräte wie Schubkarren und Spaten zur Verfügung. Immer mal wieder kommen zudem Mieter zu ihm und stellen Fragen zur Pflege der Parzellen. „Das Ganze dient eher der Abrundung unserer Hof-Angebote und der Werbung“, meint der 27-Jährige. So seien zahlreiche Parzellen-Mieter zu Neukunden im hofeigenen Bio-Laden geworden.

Diesen Nebeneffekt der Vermietung bestätigt Bio-Landwirt Volker Rahm vom „Hof am Deich“ in Büderich. Der 48-Jährige vermietet im fünften Jahr Parzellen. Waren es anfangs 20, so sind es nun 40. „Was die Mieter betrifft, so geht das querbeet - von Singles über Rentner bis zu Familien“, sagt der Bio-Landwirt. Einige hätten selbst einen Garten. Aber entweder sei das nur ein Ziergarten, oder sie trauten sich nicht - ohne Rat und Hilfe eines Fachmannes - Gemüse zu pflanzen.

Noch sind Thomas Sablonski und Volker Rahm zwei von nur vier Landwirten in NRW, die laut Angaben der Landwirtschaftskammer das Projekt „Gemüse-Selbst-Ernte“ umgesetzt haben. In Österreich und in Süddeutschland ist es seit einigen Jahren sehr viel erfolgreicher. Über mögliche Gründe kann Volker Rahm nur spekulieren: „Vielleicht ist es eine Mentalitätsfrage, vielleicht ist die Idee zu wenig bekannt. Aber sie ist einfach faszinierend.“


 
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