Spektakulärer Röntgen-Fund: Nofretetes zweites Gesicht
VON HOLGER MEHLIG - zuletzt aktualisiert: 01.04.2009 - 11:24Berlin (RP). Mit einem Computer-Tomografen haben Wissenschaftler am Berliner Charité-Krankenhaus eine sensationelle Entdeckung gemacht. Sie fanden hinter der Büste der Nofretete ein weiteres Gesicht. Bei der Retusche wurde die berühmte Pharaonen-Gemahlin nicht nur idealisiert.
Die mehr als 3300 Jahre alte Büste der Nofretete ist die größte Attraktion des Ägyptischen Museums in Berlin. Wissenschaftler des Imaging Science Centers an der Charité wollten wissen, in welchem Zustand sich die als "schönste Frau der Welt" gepriesene Skulptur befindet und schoben sie in eine Röntgenröhre. Dabei machten sie eine sensationelle Entdeckung: Hinter der aus Gips modellierten Büste befindet sich ein zweites, nicht weniger fein gezeichnetes Gesicht aus Kalkstein.
Auch dieses bildet Nofretete ab, allerdings mit nicht ganz so gerader Nase und Falten an den Mundwinkeln. "Als wir den Scan machten, war unbekannt, wie dick der Stuck im Gesicht ist und ob überhaupt ein zweites Gesicht darunter ist", sagt Alexander Huppertz, Direktor des Centers. Man habe zwar gewusst, dass ein Rohling hinter dem aus Stuck geformten Gesicht sei. Aber dass das innere Steingesicht so detailliert und dem äußeren Gesicht so ähnlich ist, sei eine große Überraschung.
"Das Klischee ist, dass immer alles schöner gemacht wird", sagt Huppertz. Das sei in diesem Fall nicht so. Im Vergleich der beiden Gesichter zeige sich, dass – aus heutiger Sicht – Veränderungen sowohl in positiver als auch in negativer Richtung gemacht worden seien. So seien am äußeren Gesicht an den Mundwinken Falten wegretuschiert, die Nase "begradigt oder geglättet" worden, dafür aber am Auge Falten hinzugefügt worden. "Es wurde also personalisiert, aber nicht idealisiert."
Die Entstehung des altägyptischen Meisterwerks, dessen Wert von einer Versicherung auf 390 Millionen Dollar geschätzt wurde, müsse man sich folgendermaßen vorstellen, erzählt Huppertz: Nofretete saß beim königlichen Bildhauer Modell, der ihr Abbild in einen Stein meißelte. Dann hätten entweder die Königin selbst oder ihr Mann Echnathon das Kunstwerk inspiziert und Anweisungen für die ein oder andere Änderung erteilt. Das Ergebnis sei die berühmte modellierte Büste.
Huppertz und sein Team hatten die 47 Zentimeter hohe Büste bereits im Jahr 2006 in eine Röhre geschoben, in der sonst Menschen geröntgt werden. "Wir haben ein spezielles Podest gebaut, in dem sie sicher lag, und dann lief sie einfach durch den Scanner. Das dauert maximal zwei Minuten", sagt Huppertz. Danach habe man anderthalb Stunden mit der dreidimensionalen Nachverarbeitung der Bildrechner zugebracht. Die Forschung an den Datensätzen dauerte dann zwei Jahre.
Auch international erhält Huppertz Beifall für seine Arbeit. "Dieser neue Forschungsansatz ist sehr wichtig, weil er Informationen über den Entstehungsprozess und den Zustand im Inneren der Büste gibt, sagt John Taylor, Kurator der ägyptischen Abteilung im Londoner British Museum. Das sei wichtig, weil sie durch diese Erkenntnisse noch lange in gutem Zustand erhalten werden könne. "Die Schöne vom Nil" wurde bereits 1992 einmal geröntgt. Die Technologie von damals war jedoch nicht mit der extrem hohen Auflösung von heute vergleichbar. Die moderne CT bot zudem den Vorteil einer zerstörungsfreien Bestandsaufnahme.
Huppertz' Bilder lösten jedoch nicht nur Begeisterung aus: "Wir waren erschrocken, wie schlecht die Anbindung der einzelnen Materialien ist, wie anfällig das Objekt ist", sagt Huppertz. Saniert werden könne Nofretete nicht. Deswegen müsse man sie "extrem vorsichtig anfassen". Dadurch, dass sie "sehr inhomogen ist, ist sie vibrations- und berührungsempfindlich".
Diese Analyse dürfte der Bundesregierung im Streit mit Ägypten über ein Leihgeschäft in die Hand spielen. Zur für 2012 geplanten Eröffnung des neuen Ägyptischen Museums in Gizeh würden die Ägypter die Büste, die 1912 vom deutschen Archäologen Ludwig Borchardt in der Wüste von Amarna entdeckt wurde, allzu gerne ausleihen. Die Bitte stieß im Bundestag bislang auf Ablehnung – mit dem Hinweis, aus konservatorischen Gründen müsse der Umgang mit der Kalksteinbüste äußerst sorgsam sein.
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