Versuchung Doppelleben: Viele Menschen haben geheime Zweitexistenz
zuletzt aktualisiert: 16.12.2005 - 09:15Leinfelden (rpo). Tagsüber lebt Dr. Jekyll als angesehener Arzt, gibt sich höflich und zurückhaltend. Doch nach Anbruch der Dunkelheit bricht eine ganz andere Seite durch, der ungehobelte, brutale Mr. Hyde, der auch vor Mord nicht zurückschreckt. Klar. Das ist Literatur. Aber mehr Menschen als gedacht führen ein Doppelleben, haben eine geheime Zweitexistenz.
Was Dr. Jekyll in der Geschichte von Robert Louis Stevenson nur mithilfe eines geheimnisvollen Elixiers gelingt, ist für viele Menschen Alltag: Sie verwandeln sich vom braven Familienvater in einen schillernden Transvestiten, vom hilfsbereiten Nachbarn in einen rücksichtslosen Spieler oder auch vom vorbildlichen Kirchgänger in einen heimlichen Ehebrecher.
Wie viele Menschen tatsächlich der Anziehungskraft einer solchen versteckten zweiten Existenz erliegen, können Psychologen jedoch nicht einmal schätzen, berichtet das Magazin "bild der wissenschaft" in seiner Januar-Ausgabe. Der Grund: Es gibt praktisch keine wissenschaftlichen Studien zum Thema Doppelleben.
Dabei sind gerade heimliche Affären und versteckte Seitensprünge weit verbreitet, wie Psychotherapeuten täglich erfahren. In einer Studie der Universität Tübingen mit insgesamt 1.400 Freiwilligen gab beispielsweise jeder zweite an, schon einmal eine heimliche Beziehung gehabt zu haben. Mittlerweile ist aus diesem Trend sogar eine Geschäftsidee geworden: Fast 80 so genannte Seitensprungagenturen allein in Deutschland vermitteln Interessierten Partner für eine Affäre.
Affäre oder eine geheime Identität
Die Gründe, die Menschen zu solchen Parallelexistenzen verleiten, sind dabei praktisch immer gleich: Die Betroffenen merken, dass ihre reale Welt inklusive ihrer Partnerschaft und ihre inneren Bedürfnisse nicht zusammenpassen. Trotzdem wollen sie ihre Familie, ihre gesellschaftliche Stellung und ihren Arbeitsplatz nicht aufs Spiel setzen.
Die einzige Möglichkeit, diesen Druck abzubauen, ist daher eine Affäre oder eine geheime Identität, die möglichst wenige Berührungspunkte mit der realen Existenz hat. Besonders ausgeprägt ist die Diskrepanz zwischen den eigenen Wünschen und dem gelebten Leben dann, wenn die Fantasievorstellungen tabuisiert sind. Homosexualität und ungewöhnliche sexuelle Vorlieben werden daher - wenn überhaupt - meistens im Geheimen ausgelebt.
Eine Hilfe ist dabei für viele Betroffene das Internet: Hier kann man eine oder sogar mehrere andere Identitäten annehmen, ohne die eigene, reale zu enthüllen. Der Aufwand, der dafür betrieben werden muss, ist vergleichsweise gering, Gefahren wie es sie bei der Suche nach ungewöhnlichem Sex auf der Straße gibt, existieren praktisch nicht und die Möglichkeiten sind schier unbegrenzt.
Wenig schädliche Auswirkungen
Das gilt nicht nur für sexuelle Fantasien, sondern auch für eine ganze Reihe anderer Bedürfnisse wie beispielsweise dem nach gesellschaftlicher Anerkennung - schließlich kann auch ein Arbeitsloser in seiner virtuellen Identität problemlos zum Arzt, zum reichen Unternehmer oder zum unwiderstehlichen Herzensbrecher werden.
Trotz seines schlechten Rufs hat ein Doppelleben im Allgemeinen wenig schädlichen Auswirkungen auf denjenigen, der es führt - im Gegenteil: Viele sind erst dann wirklich zufrieden, wenn sie ihre unterdrückten Wünsche ausleben können. Davon profitiert meist auch der normale Alltag, weil ein ausgeglichener Mensch Probleme besser bewältigen kann. Außerdem kann ein Doppelleben helfen, die verschiedenen Facetten der eigenen Persönlichkeit zu akzeptieren und sie damit auch besser zusammenzubringen.
Allerdings gibt es eine gewisse Suchtgefahr, schreibt "bild der wissenschaft". Wer es nämlich mit dem Ausleben seiner Wünsche übertreibt, wird schnell von ihnen abhängig und kommt schließlich nicht mehr ohne den Kick des Verbotenen aus.
Doch es gibt auch noch andere Nebenwirkungen: Viele halten auf Dauer den Druck durch das ständige Lügen und die Angst vor der Entdeckung nicht aus. Auch der Zeitfaktor spielt häufig eine Rolle, zeigte beispielsweise die Tübinger Seitensprung-Studie. Die meisten der dort befragten Männer hatten ihre Affären schließlich aus Zeitmangel beendet.
Trotzdem bleibt das Doppelleben für viele Menschen faszinierend. Das zeigt auch das häufig überwältigende Interesse, das Medien und Öffentlichkeit für Seitensprünge und geheime Affären von Prominenten zeigen - sei es nun das uneheliche Kind von Franz Beckenbauer oder die homosexuelle Veranlagung des verstorbenen Volksschauspielers Walter Sedlmayr.
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