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Entwicklung: Was Babys in Mamas Bauch lernen

zuletzt aktualisiert: 20.01.2006 - 10:26

Leinfelden (rpo). Wenige Tage nach der Geburt schon reißen Säuglinge den Mund auf, wenn es ihnen jemand vormacht. Man streckt die Zunge heraus, und kurze Zeit später reagiert das Baby mit der gleichen Grimasse. Keine große Sache, könnte man denken. Doch weit gefehlt: Forscher nehmen anhand dieses Verhaltens an, dass Babys schon im Mutterleib weitaus mehr lernen als bisher angenommen.

Die meisten Schwangeren hoffen, ihr Kind möge gesund sein. Das Geschlecht spielt keine Rolle. In Indien ist das anders: Jungs werden bevorzugt, Mädchen häufig abgetrieben.  Foto: Jens Schierenbeck, gms
Die meisten Schwangeren hoffen, ihr Kind möge gesund sein. Das Geschlecht spielt keine Rolle. In Indien ist das anders: Jungs werden bevorzugt, Mädchen häufig abgetrieben. Foto: Jens Schierenbeck, gms

Um diese einfachen Gesichtsausdrücke zu imitieren, braucht das Kind nämlich eine grundlegende Vorstellung von seinem Körper, muss Sinneseindrücke verarbeiten und ineinander umwandeln können. Außerdem muss es ein Gesicht erkennen und verstehen, dass dieses dem eigenen gleicht.

All das können Kinder schon Minuten nach ihrer Geburt, berichtet das Wissenschaftsmagazin "bild der wissenschaft" in seiner Februar-Ausgabe. Was das jedoch über die Gehirnentwicklung aussagt, wurde lange Zeit nicht erkannt - schließlich galt es für Hirnforscher als sicher, dass das Gehirn erst nach der Geburt zu lernen beginnt. Erst als der Psychologe Andrew Meltzoff Ende der 70er Jahre die Bedeutung der kindlichen Grimassen entdeckte, entstanden Zweifel an dieser Annahme. Doch damit stellte sich eine neue Frage: Sind die erstaunlichen Gehirnleistungen von Anfang an in die kindlichen Gehirnstrukturen eingebaut oder lernen Kinder tatsächlich bereits im Mutterleib?

"Lernsoftware" wird früh festgelegt

Mittlerweile können Wissenschaftler dank besserer Ultraschallgeräte, Magnetresonanztomographen und Verhaltensexperimente, die immer genauere Einblicke in den Mutterleib ermöglichen, diese Frage beantworten. "Vieles, was die Forscher in den letzten Jahren herausgefunden haben, spricht dafür, dass wir den spannendsten und aufregendsten Teil der Lebensreise bereits hinter uns haben, wenn wir auf die Welt kommen", formuliert es der Göttinger Neurobiologe Gerald Hüther. Mit anderen Worten: Kinder machen schon vor ihrer Geburt umfassende Erfahrungen und erwerben dadurch grundlegende Fähigkeiten. Dabei läuft die verantwortliche "Lernsoftware" bereits, wenn die "Hardware" des Gehirns noch nicht einmal fertig aufgebaut ist.

Die kindlichen Hirnstrukturen - die Hardwarekomponenten - bilden sich bereits während der ersten Hälfte der Schwangerschaft. Dabei leistet der kleine Körper Erstaunliches und bildet pro Minute mehr als 500 000 neue Gehirnzellen. Allerdings kann das große Potenzial des neuen Denkorgans zu dieser Zeit noch nicht genutzt werden: Es gibt zwar die Zellen, aber noch keine Verschaltungen zwischen ihnen. Erst die ermöglichen jedoch den Datenaustausch und die Zusammenarbeit der einzelnen Elemente.

Erst mit der Bildung der Synapsen, der Kontaktstellen zwischen den Nervenzellen, beginnt das Gehirn wirklich zu arbeiten. In Spitzenzeiten legt es jede Sekunde bis zu 1,8 Millionen dieser Verschaltungselemente an - kreuz und quer durch alle Hirnregionen. Einen Plan gibt es dabei nicht. Die Verbindungen, die später nicht genutzt werden, verschwinden einfach wieder - wohingegen die essenziellen nach und nach mithilfe einer Isolationsschicht stabilisiert werden. Im Gegensatz zur Bildung erfolgt diese Isolierung nach strikten Regeln: Zuerst werden die älteren Gehirnteile fixiert, die für lebenswichtige Reflexe wie Bewegungen, Atmung, Kreislauf und Verdauung zuständig sind. Erst dann bildet sich die Isolationsschicht um die Nerven der höheren Regionen.

Während dieser ganzen Zeit läuft das Lernprogramm bereits auf Hochtouren. Schon lange Zeit bevor die Hirnregionen ausgebildet sind, erwachen beispielsweise die Sinne: Bereits im Alter von fünfeinhalb Wochen spüren Embryos Berührungen an Lippen und Nase, eine Sinnesleistung, die sich nach und nach auf den ganzen Körper ausdehnt. Die Sinneszellen der Haut vernetzen sich dabei zuerst mit dem Rückenmark, dann mit höheren Gehirnregionen. Zu dieser Zeit beginnen die Kinder auch, sich heftig zu bewegen, zu treten, die Arme und Beine auszustrecken - kurz: Sie trainieren ihren Berührungssinn und fertigen mithilfe der gewonnenen Reize eine Landkarte ihres eigenen Körpers an, die im Gehirn abgespeichert wird.

Ungeborene können riechen und hören

Auch die anderen Sinne erwachen nach und nach und helfen dem Ungeborenen, sich zu orientieren. Die Kinder schmecken das Fruchtwasser, können ab der 28. Schwangerschaftswoche riechen und schon ab der 24. Woche hören. Besonders ihr neues Gehör nutzen die Kleinen im Mutterleib sehr intensiv: Sie lauschen aufmerksam den vielen Geräuschen, die sie umgeben . Sie reagieren auf neue Geräusche mit Kopfdrehen, schnellerem Herzschlag und Augenzwinkern und erkennen direkt nach der Geburt die Stimme ihrer Mutter, berichtet "bild der wissenschaft".

Doch auch sonst sind die Kinder im Mutterleib nicht untätig: Sie üben verschiedene Tätigkeiten, die sie eigentlich erst nach der Geburt benötigen - sie atmen, weinen, schreien und schlucken. All diese Erfahrungen werden im Gehirn verankert und bilden den Wissensschatz, auf den die Kleinen später zurückgreifen können. Zusätzlich entwickelt das Gehirn auf dieser Basis Lernprogramme, die dem Neugeborenen helfen, auch weiterhin aus Erfahrungen zu lernen und auf diese Weise mit der Welt zurecht zu kommen.

Quelle: afp

 
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