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Mythos Mond: Die Reise zum Erdtrabanten als Grenzüberschreitung

VON LOTHAR SCHRÖDER - zuletzt aktualisiert: 17.07.2009 - 20:00

Düsseldorf (RP). Die Apollo-Mission hat unsere Erfahrung um ein Vielfaches beschleunigt. Zudem wuchs mit dem Blick auf die Erde ­ den "blauen Planeten" ­ die Erkenntnis, wie verletzlich unser Planet ist. Wirklich zu begreifen war der Mann auf dem Mond nicht.

Aber weil die Nasa-Leute bei der unglaublichen Unternehmung an Vieles zu denken hatten, planten sie auch dieses wichtige Detail ein: eine Außenkamera an der Landefähre. Erst damit konnte jeder Schritt von Neil Armstrong zum Dokument einer Hochleistungswissenschaft werden, zur Ikone der Neuzeit.

Augenzeugen durch die Außenkamera

Die damals 3,6 Milliarden zurückgebliebenen Erdlinge sollten wenigstens Augenzeugen werden beim historischen Umblättern: Denn die Mondlandung hatte der Menschheit ein neues Kapitel beschert. Das eigentlich Frappierende in dieser Nacht war, dass sich unsere Blickrichtung komplett gewendet hat. Bis dahin war der Mond vor allem eins: eine große Projektionsfläche unserer Wünsche und unserer Sehnsüchte.

Auch darum sind viele Mond-Verse ­ besonders der Romantiker ­ zumeist keine echten Mondgedichte; sie richten sich nur "An den Mond", wie Goethes berühmtes Poem von 1789 sinnfällig überschrieben ist. Fluss und Busch und Tal werden darin besungen wie auch der Freund, den man am Busen hält. Alles recht nett, aber alles erstaunlich irdisch.

Der Mond als Ansprechpartner

Der Mond ist nie das Ziel gewesen, sondern immer bloß ein Ansprechpartner. Ihn kann man ­ im Gegensatz zur Sonne ­ lange anschauen, ohne dass die Augen Schaden nehmen. Unsere Beziehung zum Mond ist seit Jahrtausenden schöne Gefühlsduselei: Er ist stiller Tröster und ein Trabant der Liebe, den uralten Griechen und Römern war der Himmelskörper eine Göttin und hieß Selene und Luna, bei Vollmond hingegen erwachen Dämonen und Werwölfe.

Und fühlt es sich nicht auch gespenstisch an, dass er unsere Meere tatsächlich in Bewegung bringt? Aber spätestens im 20. Jahrhundert hat es sich zwischen Mensch und Mond weitgehend ausgeträumt. Kühl und sachlich ist jetzt die Sichtweise, und der Titelheld in Max Frisch' Roman "Homo Faber" wird einer ihrer rigiden Vertreter: "Ich bin Techniker und gewohnt, die Dinge zu sehen, wie sie sind. Ich sehe den Mond über der Wüste, klarer als je, mag sein, aber eine erkennbare Masse, die um unseren Planeten kreist, eine Sache der Gravitation, aber wieso Erlebnis?"

Der Roman erschien 1957; im gleichen Jahr schießen die Sowjets ihre erste Rakete ins All; weitere zehn Jahre darauf landen die Amerikaner auf dem Mond. "Die Dinge zu sehen, wie sie sind" ­ das klingt im wahrsten Sinne des Wortes grundlegend anders als jene Verse, die dem Dichter Matthias Claudius (1740­1815) zum Mond in den Sinn kommen.

Wir wissen "gar nicht viel" heißt es in seinem berühmten Abendlied; und: "Wir spinnen Luftgespinste / Und suchen viele Künste / Und kommen weiter vom Ziel." Keine Frage, Claudius wäre ein denkbar schlechter Astronaut. Schon deshalb, weil für ihn alles Außer- und Überirdische in einen ganz anderen Zuständigkeitsbereich fällt ­– nämlich ausschließlich in die Verantwortung Gottes.

Die Mondreise als Grenzüberschreitung

"Die Dinge zu sehen, wie sie sind" ­ das ist der Positivismus des wesentlich technisch denkenden Menschen des 20. Jahrhunderts. Dieses Denken ist die Keimzelle zur Mondreise, seine Energie erzwingt die neue Grenzüberschreitung. Natürlich ist der Beginn der Raumfahrt abhängig von ihrer technischen Machbarkeit. Dennoch ist es bedenkenswert, dass der Mond zu einer Zeit erobert wurde, als es auf der Welt scheinbar nichts mehr zu erobern gab.

Die Rakete hebt genau dann ab, als der Kolonialismus hienieden endet. Der Mond hat sich durch die kurios anmutende Fahne einer Nation und andere Hinterlassenschaften nicht gewandelt. Er ist ein Sehnsuchtsort geblieben. Mit der Okkupation hat sich vielmehr die Erde gewandelt; genauer: unser Blick auf die Erde. Denn diese ist ­ aus so großer Distanz betrachtet ­ plötzlich zum blauen Planeten geworden.

Vom Mond ein Blick auf unsere Existenz

Der "Standort Mond" hat den Blick auf unsere Existenzgrundlage freigegeben. Der Überblick wirkt ernüchternd. Wörter wie Umwelt und Umweltzerstörung haben sich seither ins menschliche Sprachzentrum eingenistet und gehören zum Stammvokabular aller Zukunftsdialoge. Das Leben auf der Erde ist zum Überleben auf einem vielfach belasteten Planeten geworden.

In diesem Sinne folgt auf die Mondlandung ein Akt der Selbsterkenntnis mit durchaus finalem Hintergrund: Unsere Erde ist verletzlich, aber in der Wüste der Unendlichkeit existiert keine zweite Stätte des Wohnens. Die Menschen mussten sich also erst mehr als 384.000 Kilometer von der Erde entfernen, um über sich und ihren Planeten besser nachdenken zu können.

Dass mit der Mondlandung tatsächlich eine neue Welt entdeckt wurde, stellt die Menschheit erst mehr als drei Jahrzehnte später fest. Schon die Reise zum galaktischen Nachbarn darf als Ausdruck einer ungeheuren Erfahrungsbeschleunigung gelten. Die Apollo-Mission schuf überdies einige Grundlagen für eine Satelliten- und EDV-Technologie, von der später moderne und rasante Kommunikationsformen profitieren sollten.

An deren Ende steht unter manch anderem das Internet, also jene unglaubliche Beschleunigungsmaschinerie so vieler Lebensvorgänge. Die Mondlandung hat unsere Existenz keineswegs entzaubert. Matthias Claudius ist nicht widerlegt. Das wahre Abenteuer der Reise vor 40 Jahren ist die Erfindung einer neuen Welt. Und das Unglaubliche daran: Sie ist virtuell.


 
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