Origineller Satellit: ISS-Besatzung schickt Raumanzug ins All
zuletzt aktualisiert: 04.02.2006 - 09:55Houston (rpo). Das hat es in der Geschichte der Raumfahrt noch nicht gegeben: Ein zu einem Satelliten umgebauter russischer Raumanzug umkreist seit Samstagmorgen die Erde. Die amerikanisch-russische Besatzung der Internationalen Raumstation ISS hat zu Beginn ihres fünf Stunden und 43 Minuten dauernden Ausstiegs in den freien Raum den ausgedienten "Orlan-M"-Außenbordskaphander per Hand ausgesetzt.
Die Aktion hatte sich um eine knappe halbe Stunde verzögert, weil es Probleme mit dem Handling des umgebauten Raumanzugs gab, wie das russische Flugleitzentrum in Koroljow bei Moskau mitteilte. Die Ehre, "SuitSat" entgegen der Flugrichtung der Station auf die Reise zu schicken, wurde Bordingenieur Waleri Tokarew zuteil. Ihm assistierte Kommandant Bill McArthur.
Der russische Sputnik mit den Umrissen eines Menschen soll via Synthesizer in sechs Sprachen, darunter auch Deutsch, halbminütige Botschaften auf der UKW-Frequenz 145,990 Mhz senden, die mit einer normalen Antenne zu empfangen sind. Sie beginnen mit den Worten "Hier ist SuitSat-1, RSORS..." (Funkcode) und richten sich vor allem an Jugendliche und Studenten, um deren Interesse für die Raumfahrt zu wecken.
"Zahlreiche Studenten sind echt begeistert und warten schon auf das SuitSat-Signal", freute sich Julie Robinson, die bei der NASA das wissenschaftliche Programm in der ISS betreut. Die Idee für das Experiment stammt von den Russen. Die nur etwa fünf Kilogramm schwere Apparatur haben die Amerikaner beigesteuert. Neben dem Erziehungseffekt erwarten sich die geistigen Väter des Projekts vor allem wichtige Erkenntnisse über die Funktionstüchtigkeit der Bordsysteme. Telemetrie und Fernsehbilder sollen Auskunft über das Wärmeregime, den Gasaustausch und viele andere Parameter des Mini-Satelliten geben. Wie lange die drei Batterien unter den rauen Bedingungen des Weltalls halten, vermag derzeit niemand so genau zu sagen. Die Experten gehen von zwei bis vier Tagen aus. In spätestens drei Monaten, so meinen sie, verglüht "SuitSat" zudem höchstwahrscheinlich in den dichten Schichten der Atmosphäre.
Die Russen entsorgen nicht zum ersten Mal einen Skaphander im All. Bisher wurden sie jedoch als kosmische Mülltonnen benutzt. Diesmal entschied sich Ideengeber Sergej Samburow, aus einem "alten Raumanzug einen neuen Satelliten" zu machen. "Und SuitSat ist nur der erste Versuch", sagte der Ingenieur. Neben der medienwirksamen Sputnikaktion hatten McArthur und Tokarew eine ganze Reihe wesentlich wichtigerer Aufgaben zu erfüllen. Dazu gehörte das Umsetzen des Adapters des "Strela"-Lastenbaums vom russischen zum amerikanischen Modul. Zudem mussten sie eine Antenne inspizieren, einen Container mit mikrobiologischen Mustern bergen, einen Mikrometeoritensensor fotografieren und die Außenhaut der ISS auf Schäden untersuchen.
Um 5.27 Uhr schwebten die Männer wieder in die Station zurück. Sie hatten nach Auskunft der Flugleitzentren bei Moskau und in Houston im US-Bundesstaat Texas ihre Aufgaben blendend gemeistert. McArthur und Tokarew, die seit Anfang Oktober vergangenen Jahres als 12. Stammbesatzung in der Station arbeiten, haben vor drei Monaten schon einmal einen "Weltraumspaziergang" unternommen. Anfang April kommt ihre Ablösung zur Station. Neben dem Russen Pawel Winogradow und dem Amerikaner Jeffrey Williams ist dann auch der erste brasilianische Astronaut, Marcos Pontes, dabei. Er absolviert ein einwöchiges Besuchsprogramm in der ISS und kehrt dann mit McArthur und Tokarew zur Erde zurück.
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