Nobelpreisträger zur Hausen im Interview: "Wir haben zu viele Impfgegner"
zuletzt aktualisiert: 18.11.2009 - 11:36Mönchengladbach (RP). Der Virologe Harald zur Hausen, Nobelpreisträger für Medizin des vergangenen Jahres, äußert sich im Gespräch mit unserer Redaktion zur Verbreitung der Schweinegrippe, zu angeblichen Nebenwirkungen der Impfung und zur fehlenden Information vieler Ärzte.
Professor Harald zur Hausen bekam im Jahr 2008 den Medizinnobelpreis – er hatte vor vielen Jahren einen Zusammenhang zwischen Viren und Gebärmutterhalskrebs entdeckt. Gestern war er im Rahmen der Reihe "Nobelpreisträger in Mönchengladbach" Gast des Initiativkreises Mönchengladbach in der dortigen Kaiser-Friedrich-Halle.
Herr Professor zur Hausen, für Sie als Virologen müssen das sehr ungemütliche Tage derzeit hier in Deutschland sein.
zur Hausen Ja, es wurde und wird sehr viel geredet über das Impfen, und da kommen natürlich zahllose unrichtige oder maßlos übertriebene Dinge in Umlauf.
Beispielsweise?
zur Hausen Die Debatte um die so genannten Wirkverstärker. Das ominöse Squalen, das angeblich das Golfkriegs-Syndrom auslösen soll, ist in dieser Konzentration, in der es jetzt in Deutschland eingesetzt wird, zahllose Male durchgetestet worden. Natürlich gibt es immer wieder Nebenwirkungen, aber die sind sehr gering.
Aber warum glauben die Leute Kettenmails oder Mundpropaganda mehr als seriösen Instituten wie Robert-Koch- und Paul-Ehrlich-Institut?
zur Hausen Die Menschen sind verunsichert, und dabei spielen auch die Medien keine geringe Rolle. Dabei müssten die Menschen wissen, dass es immer wieder Grippe-Epidemien in Deutschland gab, mit Tausenden von Toten. Deshalb ist es mir unbegreiflich, wie dieser Widerstand oder diese Gleichgültigkeit gegen die H1N1-Impfung entstehen konnte. Um es noch einmal in aller Deutlichkeit zu sagen: Ich empfehle das Impfen gegen die so genannte Schweinegrippe nachdrücklich.
Leider sind in Deutschland unverhältnismäßig viele Impfgegner unterwegs, die der von Ihnen favorisierten Durchimpfung der Bevölkerung einen Bärendienst erweisen.
zur Hausen Sie haben völlig Recht, wir haben zu viele Impfgegner und Impfmüde in Deutschland. Die meisten von ihnen vergessen übrigens, dass sie ihr heutiges Leben einzig der Tatsache verdanken, dass sie und ihre Vorfahren früher konsequent geimpft wurden – gegen Masern, Pocken, Polio. Gucken Sie sich Amerika an, da hat es von Alaska bis Patagonien seit Jahren keinen einzigen Masern-Fall gegeben. Bei uns ist das längst wieder anders.
Wieso haben wir in Deutschland eine so große Zahl von Impfgegnern?
zur Hausen Da spielen unterschiedliche Motive eine Rolle. Da geht es um die Unversehrtheit des Körpers, oder Leute glauben, die Impfung greife in natürliche Abläufe ein, wo es besser sei, die Natur einfach gewähren zu lassen. Mir ist das nicht ganz erklärlich. Das betrifft auch meinen Bereich, den der Impfung gegen das Humane Papillomvirus. Es gibt genügend große Studien, die auch auf die Sicherheit der HPV-Impfung hinweisen bei gleichzeitig sehr guter Verträglichkeit. Man kann das in allen Datenbanken nachlesen, wenn man nur will.
Ein Teil der Impfgegner sind selbst Ärzte. Macht das die Sache besonders schwer?
zur Hausen Aus meiner Sicht fehlt ihnen oft einfach nur die richtige Information.
Aber das ist doch das Hauptproblem, dass die Informationen der Behörden und Instituten bei den Leuten oft nicht ankommen oder widersprüchlich sind.
zur Hausen Vielleicht wird ja einfach nicht mehr sorgfältig genug gelesen. Die Menschen wollen schnell informiert werden, in wenigen Sätzen, doch wenn eine Sache komplizierter ist, steigen sie aus. Damit wird es aber für die Gesellschaft gefährlich, und das ist doch der eigentliche Aspekt.
Kann es sein, dass der gesundheitspolitische Aspekt von den meisten potentiellen Impflingen, die sich einer Impfung verweigern, nicht bedacht wird – dass es nämlich nicht nur um ihren individuellen Schutz geht, sondern vor allem um den Schutz von Menschen, die sie anstecken könnten?
zur Hausen Das ist völlig richtig und fraglos ein zentraler Aspekt. Die meisten Menschen gucken nur auf ihre eigene Person, anstatt zu bedenken, dass Impfungen dem Schutz einer ganzen Bevölkerung dienen.
Kann jemand, der nicht geimpft ist, einen anderen Menschen mit dem Schweinegrippe-Virus anstecken?
zur Hausen Das ist bei einer Tröpfcheninfektion leicht möglich. Jemand wird infiziert, erkrankt nicht, gibt das Virus aber weiter, möglicherweise an einen Gefährdeten – und dann kann es kritisch werden.
Ist das auch möglich bei jemandem, der geimpft ist?
zur Hausen Nein, das ist höchst unwahrscheinlich.
Wenn man sich anguckt, wie gering bei uns Hygiene geschätzt wird – sind wir ein Volk von Ferkeln?
zur Hausen Sind wir nicht, aber die Hygienestandards werden oft nicht sorgfältig genug durchgeführt.
Sind Sie selbst geimpft?
zur Hausen Ja, natürlich.
Auch gegen die normale saisonale Grippe?
zur Hausen Ja, natürlich.
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