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Erziehung
Was betreutes Computerspielen bringen kann

Was betreutes Computerspielen bringen kann
Was tun, wenn spielende Kinder kein Maß mehr finden? FOTO: dpa, htf
Düsseldorf. Kinder zocken stundenlang am PC, verlieren Freunde, lassen in der Schule nach. Viele Eltern fürchten das so sehr, dass sie mit rigiden Verboten gegensteuern. Dabei müssten sie ihren Kindern Partner sein - auch beim Spielen. Von Dorothee Krings

Es gibt ein Dauerstreitthema in Familien: Zocken. Die meisten Kinder lieben es, in simulierten Welten Aufgaben zu lösen, Abenteuer zu erleben, Rennen zu fahren, Flugzeuge zu lenken, und verlieren dabei jedes Gefühl für Zeit. Es ist also an den Eltern zu entscheiden, wie lange sie ihre Kinder zum Spielen an den Computer lassen - und ihre Regel dann auch durchzusetzen. Außerdem müssen sie herausfinden, welche Spiele fantastisch, vergnüglich, vielleicht sogar lehrreich sind und welche ihre Kinder in blasse Zombies verwandeln, die nervös, maulig, irgendwie verdreht aus dem Kinderzimmer auftauchen - wenn die Eltern den Internetstecker ziehen. Denn Zeitvereinbarungen, davon können viele Erziehende ein Lied singen, funktionieren nur schwer, wenn im Spiel gerade das nächste Level erkämpft werden muss. Und das ist eigentlich immer.

Verführung

Computerspiele sind verführerisch gemacht, nur das lässt sie am Markt bestehen. Sie konkurrieren schließlich um die Aufmerksamkeit von Kindern und wollen sie möglichst lange binden. Also entwerfen Spieledesigner immer perfektere Welten, in denen junge Abenteurer Aufregenderes erleben als auf dem verregneten Spielplatz. PC-Spiele fordern Geschicklichkeit, strategisches Denken, totales Einfühlen in die virtuelle Umgebung. Dafür belohnen sie sofort durch messbare Zeichen der Anerkennung. Zudem spielen viele Kinder über das Internet mit den Freunden, sie verabreden sich eben nicht mehr für den Bolzplatz oder die Fahrradtour, sondern in der virtuellen Welt. Es zeigt sich daran, dass mit der rapiden Verbreitung von Computern nicht nur irgendein neues Gerät in der Alltagswelt aufgetaucht ist, sondern dass die Digitalisierung eine Technologie ist, die das gesamte Leben durchdringt und verwandelt.

Und dann ist eben auch Kindheit nicht mehr das, was sie einmal war. Kein Wunder, dass sich viele Eltern wie ohnmächtige Opfer dieser Entwicklung fühlen - und wenigstens im Kinderzimmer gegensteuern wollen. Viele wurden selbst noch nicht in das digitale Zeitalter geboren, verstehen nicht genau, was ihre Kinder am PC so treiben, und fürchten den Kontrollverlust. Zugleich sind sie in ihrer eigenen Arbeitswelt längst in der Digitalisierung angekommen, leiden womöglich unter der Dauererreichbarkeit und sind selbst ein bisschen süchtig, etwa danach, Mails zu checken oder sich bei WhatsApp einzuklinken. Sie spüren also den enormen Einfluss von der Maschine auf den Menschen und wollen ihre Kinder davor beschützen. So entstehen unterbewusst Bullerbü-Fantasien von der idealen Kindheit mit Kletterbäumen und Spielen im Matsch, dabei hat auch die Generation der in den 70er und 80er Jahren Geborenen schon daheim gehockt und ???-Hörspiele gehört, Comichefte verschlungen oder heimlich "Dallas" geguckt.

"Digitale Demenz"

Dazu erscheinen alarmierende Bücher wie Manfred Spitzers "Digitale Demenz", in denen wissenschaftlich fundiert ausgeführt wird, wie Computerspiele einsam machen und einseitig Hirnareale trainieren, die nichts mit sozialen Kompetenzen zu tun haben. Und so wird in deutschen Familien nicht mehr über Rock-Musik, lange Haare, das erste Moped verhandelt, sondern über Handykonsum und Zeitkontingente zum Zocken.

Nun sind die negativen Folgen von zu viel Computerspielen gut belegt, die Sorgen der Eltern also nicht unbegründet. Sie müssen also Grenzen setzen, denn eine Jugend ist schnell verplempert. Doch ist schon auffällig, wie hart in vielen Familien um gerade dieses Thema gerungen wird. Und so bleibt die Frage, warum vielen Eltern gerade Computerspiele als die Inkarnation des schlechten Einflusses erscheinen. "Menschen haben immer Angst vor Dingen, die sie nicht kennen", sagt Klaus Jantke, der am Fraunhofer-Institut für Digitale Medientechnologie zahlreiche Studien etwa zur Wirkung von Computerspielen auf junge Menschen geleitet hat und seit Einrichtung des Deutschen Computerspielpreises Mitglied der Jury ist. Jantke rät Eltern, sich eingehend damit zu beschäftigen, was ihre Kinder spielen, auch mal eine Fachzeitschrift zu lesen und Spiele-empfehlungen nachzugehen. "Nur wenn sie ihre inneren Widerstände abbauen und sich ernsthaft auf die Spielewelt einlassen, können sie ihren Kindern gute Partner werden - auch in der Spielwelt", sagt Jantke. Allerdings bedeute das nicht, dass Eltern spielen sollten wie die Kinder. "Das tun sie im Sandkasten ja auch nicht", sagt Jantke, "es geht darum, dass sie sich auf das Erlebnis Computerspiel einlassen, eigene Vorlieben entwickeln und ernstzunehmende Gesprächspartner für ihre Kinder werden."

"Digitale Hysterie"

Auch Experten aus der therapeutischen Praxis, wie der Münsteraner Psychologe Georg Milzner, der mit jugendlichen Intensiv-Spielern arbeitet, warnen davor, sich nur querzustellen, zu verbieten und das zu beschimpfen, was Kinder toll finden. Hätten die ihr Herz erst einmal an Computerspiele verloren, ließe sich über diese Liebe kaum noch diskutieren, schreibt er in seinem neuen Buch "Digitale Hysterie" (Beltz). Eltern bleibe aber die Möglichkeit, anzureichern und hinzuzufügen - durch konkrete Erlebnisse. Der gute alte Waldspaziergang habe es heute schwer, mit PC-Spielen zu konkurrieren, aber man könne im Wald ja auch Äste mit dem Messer zuspitzen oder Tipis zimmern. Ein anderer Weg könne darin bestehen, Inhalte aus Computerspielen mit den Kindern nachzubauen - aus Lego, Pappe oder sonstwas - und so das Virtuelle ins Konkrete zu überführen.

Stets geht es bei den Tipps von Experten um die gemeinsam verbrachte Zeit, um das ehrliche Interesse für die Faszination des Kindes, darum, es nicht mit Sorgen zu befrachten, sondern ihm Spielraum für eigene Vorlieben zuzugestehen. Ob es uns gefällt oder nicht, Computerspiele werden dazugehören.

Quelle: RP
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