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Technik für den Unterricht
Das digitale Klassenzimmer

Technik für den Unterricht: Das digitale Klassenzimmer
Mit Tablets und Apps könnte der Unterricht stärker individualisiert werden. FOTO: dpa, Arne Dedert
Düsseldorf. Die Digitalisierung verändert auch die Art, wie Menschen lernen. Das Internet ist zu einer nahezu unerschöpflichen Wissensquelle geworden. Doch die Schule hinkt den Entwicklungen hinterher. Dabei könnte sie durch Technik den Unterricht viel stärker individualisieren. Von Florian Rinke

Bildung ist Ländersache. Das ist entscheidend. Während große Fragen der Digitalisierung - Datenschutz oder Netzneutralität - oft auf Bundes- bzw. Europa-Ebene entschieden werden, kann Landespolitik hier unmittelbar wirken. Nirgendwo sonst ist ihre Macht so groß. Wer die Digitalisierung als Herausforderung für Wirtschaft und Gesellschaft begreift, kommt nicht umhin, sich die Frage zu stellen, was die Digitalisierung für das Schulsystem bedeutet - und welcher Anpassungen es durch die Landespolitik bedarf.

Doch da fangen die Probleme an. Denn einerseits sollte die Schule Kindern und Jugendlichen - etwa auch Flüchtlingen, die es hier zu integrieren gilt - einen Werte- und Wissenskanon vermitteln, sie auf das Leben vorbereiten. Andererseits kann momentan noch niemand so genau sagen, wie dieses Leben in Zukunft aussehen wird. Klar ist, dass die Digitalisierung die Art, wie wir arbeiten, leben und lernen, verändert. Wie genau, lässt sich nur erahnen.

Schulsystem muss reagieren

Digital-Optimisten sind davon überzeugt, dass Technik das Leben besser macht, weil durch das Internet Wissen überall verfügbar wird. Skeptiker fürchten eine Welt, in der hochspezialisierte Fachkräfte gefragt sein werden, der Rest aber seinen Arbeitsplatz an Maschinen verliert und ein digitales Prekariat entsteht.

Youtube-Hit: Kinder scheitern an altem Telefon FOTO: Screenhsot

Egal, welcher Seite man mehr glaubt: Bildung ist in beiden Welten der Schlüssel für Teilhabe. Darauf muss ein Schulsystem reagieren. Es muss Schülern Fähigkeiten vermitteln, mit denen sie in einer veränderten Welt bestehen können.

Ob NRW das gewährleistet, ist umstritten. Die Opposition sieht Nachholbedarf. Im Landtag forderte die CDU zuletzt eine Landesstrategie, weil digitale Bildung eine Grundkompetenz wie Lesen und Schreiben sei. Die Piraten wollen Informatik gleich zum Pflichtfach machen.

Informatik ist nicht nur Programmieren

Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) ist gegen Programmieren als Fach, will lieber Medienkompetenz über Fachgrenzen hinweg vermitteln. In einem Modellversuch lässt sie zwar Informatik an Grundschulen testen - gedacht aber eher als Erweiterung des Sachunterrichts.

Es gibt für diese Haltung gute Gründe: Immer wieder versuchen Lobbygruppen, neue Schulfächer auf die Agenda zu hieven, etwa Wirtschaft oder Verbraucherbildung. Man kann nicht jedes Mal den Lehrplan umwerfen, doch die Frage bleibt, ob es nicht sinnvoll wäre, dass Kinder in einer digitalisierten Welt erklärt bekommen, wie etwa Kryptografie funktioniert - und wie man sich mit ihr schützt. Informatik ist nicht nur Programmieren, das ist ein weit verbreiteter Irrglauben.

Wenn es um Digitalisierung geht, geht es für Sylvia Löhrmann eher um digitale Medien. NRW testet digitale Schulbücher, interaktive Plattformen, auf denen Lehrer sich und Material austauschen können - all das, was außerhalb der Schule in Form von Apps oder sozialen Netzwerken bereits Realität ist.

Oft scheitert es an der Ausstattung

Doch es gibt eben Grenzen der Reformbereitschaft. Denn Löhrmanns Lehrerbild ist traditionell und wird durch die Digitalisierung nicht grundsätzlich infrage gestellt: "Lehrer werden in der Schule immer eine Schlüsselrolle einnehmen", sagte sie vor einiger Zeit. Digitale Medien seien lediglich Werkzeuge, die ein pädagogisches Konzept nicht ersetzen. Schule, das ist ein Raum, in dem Menschen mit Menschen interagieren. Das will Löhrmann nicht zerstören. Daher geht sie behutsam vor.

Doch das muss kein Widerspruch sein. Denn natürlich stimmt es, dass ein Pflichtfach Informatik nicht automatisch alle Probleme löst. Genauso wenig, wie Smartboards, digitale Tafeln, in den Klassenräumen und Tablets statt Schulheften automatisch guten Digitalunterricht bedeuten. Sie sind Vehikel, mit denen sich die Moderne in die oftmals aufgrund schmaler Budgets etwas in die Jahre gekommenen Schulen bringen lässt.

Lernprogramme: Pauken mit Handy und PC FOTO: dpa, av

Jeder zweite Lehrer gab zuletzt in einer repräsentativen Befragung des IT-Branchenverbands Bitkom an, dass er gerne häufiger mit digitalen Medien arbeiten würde. Oft scheitert es an der Ausstattung: Beamer, Laptops, Tablets oder Smartboards stehen zwar an vielen Schulen bereit - jedoch oft als einzelne Geräte zur Gemeinschaftsnutzung.

Ziel: Individualisierter Unterricht

Dabei braucht es die Geräte im digitalen Klassenzimmer. Mit Tablets und Apps könnte der Unterricht stärker individualisiert werden. Startups entwickeln beispielsweise Programme zum Grammatik-Lernen, bei denen Kinder Texte mit einem Thema angezeigt bekommen, das sie interessiert. Das erhöht den Spaß am Lernen. Auch Tests, Hausaufgaben, Arbeitsblätter könnten in digitaler Form genauer angepasst werden. Die gewonnenen Daten könnten mit Software analysiert werden und so viel mehr Aufschluss darüber geben, welche Kinder welche Stärken haben - was ein Lehrer bei mehr als 20 Kindern pro Klasse niemals so präzise schaffen kann. Damit könnten wiederum die Programme genauer auf die individuellen Bedürfnisse abgestimmt werden. Der Lernerfolg würde verbessert - und die Kinder würden glücklicher.

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