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Internet-Phänomen
Wenn Männer rosa Ponys lieben
Internet-Phänomen: Wenn Männer rosa Ponys lieben
Nicolas Hechler (27) ist bekennender Brony. Der Düsseldorfer ist Fan der Serie "Mein kleines Pony". FOTO: Foto: Sven Grest
Erwachsene Männer, die sich für rosa Plüsch-Ponys begeistern, müssen einiges an Häme einstecken. Das nehmen die "Bronies" gerne in Kauf: Für ihre Lieblingsserie "Mein kleines Pony" sind sie bereit, noch viel weiter zu gehen. Von Sven Grest

Er ist leiden gewohnt. Der Brony weiß, wie es ist, auf sein Hobby angesprochen zu werden. Er kennt das Stirnrunzeln des Gegenüber, wenn er erzählt, dass er Fan einer Fernsehserie ist, die für Mädchen im Kleinkindalter konzipiert wurde. Und er kennt die Vorbehalte, die einem Mann gegenüber gebracht werden, der sich outet, in seiner Freizeit rosafarbene Plüsch-Ponys zu sammeln und es kaum erwarten kann, dass die nächste Staffel von "Mein kleines Pony" beginnt. Doch das macht nichts.

Bronies (ein Akronym aus "Brother" und "Pony") sind Männer, meist zwischen 16 und 34 und heterosexuell, die aus ihrer Vorliebe für die amerikanische Zeichentrickserie keinen Hehl machen. Sie gehören überwiegend zur Generation der "Digital Natives", sie sind mit dem Internet groß geworden und können damit umgehen, dass ihnen mancher mit Spott begegnet, wenn er von ihrer großen Leidenschaft erfährt. "Man muss nicht immer darauf bestehen, total männlich zu sein", sagt Danny. Der 30-Jährige sitzt an einem Herbstabend in einer Kneipe im sauerländischen Siegen, eingepfercht zwischen acht anderen Fans der Serie. Sie alle sind heute Abend hier, um einen Einblick in ihre Pony-Welt zu geben. Zum ersten Mal.

Eine Million Fans weltweit

Bisher wissen noch nicht viele von ihrem Hobby. Dabei werden sie immer mehr: Die Webseite www.bronies.de, die der Pony-Fangruppe als Forum dient, vermeldet monatlich rund 200 neue Anmeldungen. Weltweit wird die Zahl der Bronies inzwischen auf mehr als eine Million geschätzt.

Der Siegen-Stammtisch, der sich unregelmäßig im richtigen Leben, aber dafür umso häufiger in Online-Foren trifft, besteht zum überwiegenden Teil aus Männern. Die einzige Frau in der Runde ist an diesem Abend Yasmin. Sie ist wichtig für die Gruppe: Sie hat die Männer für das Treffen zusammengetrommelt, sie näht auch die begehrten Plüsch-Ponys, die sie ab 100 Euro im Internet verkauft oder an gute Freunde auch mal verschenkt. Natürlich sind zwei der Stofftiere auch heute Abend dabei. Eines ist gelb, eines rosa, und ihr offensichtliches Merkmal sind ihre riesigen Knopfaugen.

Also bei ihm war das so, erklärt James, der seinen richtigen Namen nicht in den Medien lesen will. Er sei wie immer im Internet unterwegs gewesen, und dann seien plötzlich immer wieder diese Fotos mit den süßen kleinen Ponys aufgepoppt. James' Neugierde war geweckt. Als der 25-jährige Anglistik-Student sich die erste Folge angesehen hatte, mochte er das Gefühl, das die Serie nach dem Anschauen bei ihm hinterließ. "Zu dieser Zeit ging es mir nicht gut. Die Serie hat mir geholfen, meine Lage zu verbessern." Kinderfernsehen als Therapie für Erwachsene?

Gewalt und ernste Streitigkeiten haben in der Welt der Ponys keinen Platz. In "Mein kleines Pony" versucht das ebenso liebenswürdige wie unbedarfte Einhorn "Twilight Sparkle", Freunde zu finden. Das ist nicht immer ganz einfach, denn jedes Pony besitzt individuelle Eigenschaften, die verstanden und respektiert werden wollen. Doch spätestens nach ein paar Filmminuten sind die Wogen wieder geglättet und ein bunter Regenbogen spannt sich über Ponyville. Wie kommt es, dass sich erwachsene Männer dorthin träumen?

Augenzwinkernde Verweise auf die Popkultur

Wer das Phänomen Brony verstehen will, muss sich in die Untiefen des Internets begeben. Er muss sich mit der vielfältigen Subkultur beschäftigen, die sich in den vergangenen Jahren im Netz gebildet hat und in der sich manche Jugendliche und junge Erwachsene selbstverständlicher und sicherer bewegen als in der realen Welt. Dort, in der digitalen Welt, ist abseitiger Humor allgegenwärtig. Nichts funktioniert ohne versteckte Referenzen, ohne augenzwinkernde Verweise auf andere Quellen der Popkultur. Die sogenannten Memes, die sich ständig in Windeseile über soziale Medien verbreiten, sind Ausdruck dafür: Memes sind Bilder, Videos und Grafiken, die ironisch auf andere Bilder, Videos und Grafiken Bezug nehmen.

Man muss hochgradig ignorant sein, wenn man Bronies abspricht, viel Humor zu besitzen. Ihre Begeisterung für die Serie rührt unter anderem daher, dass sie in der Handlung unzählige Verweise auf andere Filme und Ereignisse finden können: Es gibt Persiflagen auf die Action-Serie "24" und den Filmklassiker "The Big Lebowski", außerdem unzählige Zitate und Anspielungen auf alle Bereiche der Popkultur. Danny jedenfalls erzählt, über diesen Umweg zum Fan geworden zu sein: "Anfangs habe ich die Serie gehasst. Um mich darüber lustig zu machen, habe ich mir eine Folge angesehen. Und dann wurden es immer mehr."

Inzwischen hat es die Serie mit den niedlichen Ponys bereits bis in die Politik geschafft. Die Geschäftsordnung der Piratenpartei im Berliner Abgeordnetenhaus sieht eine sogenannte Ponypause vor. Diese kann beantragt werden, wenn die Diskussion zu hitzig geworden ist. Bei positiver Abstimmung wird die Fraktionssitzung unterbrochen, um gemeinsam eine Folge von "Mein kleines Pony" anzuschauen.

"Ich empfehle Ponytime jeder Partei"

"Ich als Versammlungsleiter empfehle Ponytime jeder Partei. Das hilft, das entspannt die ganze Atmosphäre, das führt wieder zur Vernunft. Man kommt mal runter, denkt was anderes, sieht Kinderfernsehen. Das ist schon eine gute Idee", sagt Philip Brechler, Versammlungsleiter der Berliner Piraten. Zwei Mal wurde die Ponytime bisher bereits erfolgreich durchgeführt.

Doch bei den Bronies kommt die Vereinnahmung der Pony-Serie durch die Politik nicht gut an. "Man sollte die Ponys nicht instrumentalisieren", sagt Danny. Schließlich sind die bunten Ponys mit ihren niedlichen Freunden und teils übersinnlichen Fähigkeiten die Antithese zur normalen Welt – und sollen es möglichst auch bleiben. Der Stand der Piraten auf der Pony-Convention "Galacon", die im August in Stuttgart stattfand, stieß bei vielen Besuchern auf Kritik.

Denn ebenso wie die Bronies ihre Serie lieben, hinterfragen sie die Kommerzialisierung der für sie so heilen Pony-Welt. Zwar wurde die Serie dem Vernehmen nach vom amerikanischen Spielzeug-Hersteller Hasbro hauptsächlich darum ins Leben gerufen, um den eigenen neuen Fernseh-Kanal zu bewerben. Doch inzwischen gibt es unzählige Merchandising-Artikel rund um die Serie, von der duftenden Regenbogen-Figur bis zum limitierten Sammler-Pony. Das Geschäft mit den Ponys spült viel Geld in die Kassen von Hasbro – und die erwachsenen Fans der Serie beobachten diese Entwicklung kritisch.

Nicolas Hechler ist einer von ihnen. Er ist die 130 Kilometer aus Düsseldorf nach Siegen gefahren, um dem Treffen mit den anderen Bronies beizuwohnen. Er liebt die Serie vor allem wegen ihres Humors – und natürlich der liebevoll gezeichneten Bilder. Seine Freundin respektiere seine Leidenschaft für die Kinderserie, erzählt der 27-Jährige. Wenn am 10. November die dritte Staffel beginne, komme es möglicherweise zu einer ähnlichen Situation wie bereits oft in der Vergangenheit: Seine Freundin beschäftige sich in der Wohnung – und er sitze vor dem Fernseher und schaue "Mein kleines Pony". Er kann es kaum erwarten.

Quelle: seeg
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