| 11.46 Uhr
Interview
Sag mal, kannst du davon leben?
Interview: Sag mal, kannst du davon leben?
Ben Schadow und sein Drei... tausend-Tage Bart. FOTO: Alyssa Meister
Düsseldorf. Der Hamburger Musiker Ben Schadow, 36, spielt nicht in großen Hallen, sondern auf kleinen Bühnen. Trotzdem soll am Ende des Jahres die Null stehen. RP Plus sprach mit ihm über faule Veranstalter, seinen Dispo und den Vorteil, vor zehn Leuten aufzutreten. Von Sebastian Dalkowski

Gehen wir doch gleich in die Vollen. Hast du Schulden?

Ben Schadow Wo fangen Schulden an und wo hören Schulden auf? Ich bin ab und zu im Minus, ich bin aber auch ab und zu im Plus.

Klingt zumindest nicht nach einem Schuldenberg?

Nein, nein. Ich passe schon auf, dass ich am Ende des Jahres ungefähr bei Null lande.

Auch keine Kredite, unter denen du noch Jahrzehnte leiden wirst?

Selbst wenn ich einen Kredit wollte, würde ich als selbständiger Musiker vermutlich keinen bekommen. Es macht sich aber gut, wenn ich in Gesprächen mit meiner Bank sage, dass ich auch Produzent bin. Das wirkt deutlich besser als „Ich bin Gitarrist in so einer Rockband“. Ein guter Trick ist auch, darauf zu bestehen, eine weibliche Sachbearbeiterin zu bekommen und sich mit der gut zu stellen.

Was hat es dir gebracht?

Eine Kreditkarte, einen Dispo von 2500 Euro und ganz viele nette Geburtstagswünsche. Ich bin aber ein sehr sparsamer Mensch.

Hat dein Bankberater deine Platte?

Nein, seit der Veröffentlichung meines Albums habe ich ihn nicht mehr gesehen. Aber das ist eine gute Idee. Beim nächsten Mal nehme ich eine mit.

Stell dir mal folgende Skala vor: 100 ist Rockstar und 0 ist mit dem eigenen schrottreifen Auto durch Deutschland touren und bei Freunden auf der Couch schlafen. Wo würdest du dich da einordnen?

Ich würde sagen, ich liege bei 33. Es hängt auch davon ab, mit welchem Projekt ich unterwegs bin. Wenn ich als Ben Schadow und Band unterwegs toure, dann kennt mich so gut wie keiner. Dann schlafe ich schon mal bei Freunden auf dem Sofa. Ein eigenes Auto habe ich sowieso nicht, nicht mal einen Führerschein.

Reist du etwa mit der Bahn durch Deutschland?

Ne, ich suche mir Musiker, die ein Auto haben. Zwischendurch gibt es Jobs, da kratze ich auf der Skala sogar an der 70-Marke.

Manchmal kannst du also auch in Hotels übernachten?

Ja, sogar in 80 Prozent der Fälle.

Das ist sicher besser, denn so toll ist die Couch von Freunden ja auch nicht.

Das kommt auf die Freunde an. Die meisten geben sich sehr viel Mühe. Dann ist es sogar schöner als im Hotel.

Findest du es ungerecht, dass du mit deiner Musik nur gerade so viel verdienst, dass es zum Leben reicht?

Natürlich. Ich finde, dass jeder, der mit aller Energie, Liebe und Leidenschaft versucht, Leute glücklich zu machen, zu unterhalten, oder voranzubringen, ein von Geldsorgen freies Leben verdient hat.

Du hast mehrere Standbeine. Welche sind die wichtigsten?

Am meisten Geld verdiene ich gerade mit dem Theater. Mit einem anderen Musiker, Erobique, habe ich die Musik für ein Stück am Thalia-Theater in Hamburg gemacht, das das ganze Jahr über gespielt wird und vermutlich auch noch das nächste Jahr: „Don Quijote - Trip zwischen den Welten“, heißt es. Da sind regelmäßig Aufführungen, bei denen wir auch auf der Bühne stehen und Musik machen. Dann gibt es noch die ganzen Bands, in denen ich mitspiele: Die Ben Schadow Band und Pele Caster, Bernd Begemann, Dirk Darmstädter, pretty mery k… Da bleibt am Ende ungefähr dasselbe übrig.

Wenn du mit deiner Band auf Tour gehst, wie viel bleibt dann durchschnittlich an einem Abend für dich übrig?

Ich toure ja meistens zusammen mit Pele Götzer...

...früher Sänger der Band Astrakid und nun auch solo unterwegs...

...mit dem ich mir auch die Band teile, die wir dann auch gemeinsam bezahlen. Da kann es schon mal passieren – wie bei der letzten Tour – dass wir am Ende draufzahlen müssen.

Warum tourst du dann?

Weil ich mir versprochen hatte, dass es besser läuft. Weil ich meine Platte unters Volk bringen will. Weil es Spaß macht. Und wer viel tourt, wird natürlich auch bekannter.

Wie sieht ein durchschnittlicher Tag auf Tour aus?

Also... ich wache auf, und wenn ich einen netten Veranstalter habe, dann bekomme ich ein Frühstück. Entweder bei ihm zuhause oder ich habe dafür Geld bekommen, meist so acht bis zehn Euro pro Bandmitglied. Falls wir am Vorabend zu viel getrunken haben, müssen wir noch zum Klub fahren, um die Instrumente einzupacken. Dann fahren wir vier bis fünf Stunden zum nächsten Klub; Ankommen, aufbauen, Konzert geben. Das macht nur Spaß, wenn ich mit netten Leuten unterwegs bin.

Wie wirst du bei einem Konzert an den Einnahmen beteiligt?

Das hat sich leider in den vergangenen Jahren sehr geändert. Ende der 90er war es total angenehm, als deutschsprachige Indie-Band unterwegs zu sein. Da waren die Veranstalter heiß darauf, dass man bei ihnen spielte, und es gab Festgagen. Heute werden Musiker oft prozentual an den Einnahmen beteiligt oder aber, und das ist wirklich schlimm, der Eintritt ist frei, und am Ende geht der Hut rum. Wer will, schmeißt was rein. Was aber immer weniger machen, weil sie daran gewöhnt sind, dass ihnen gratis eine Band vor die Nase gesetzt wird. Der Veranstalter hat keine Kosten und trägt kein Risiko. Im Gegenteil: Es kommen wegen der Live-Musik sogar mehr Leute, also auch mehr Leute, die Bier trinken. Das Publikum dagegen merkt sich wahrscheinlich nicht mal den Bandnamen und ist oft unaufmerksam. Wer nicht zahlt, schätzt auch nicht wert. So ist es leider.

Wann hast du zuletzt vor weniger als zehn Leuten gespielt?

Das war in Hannover: Das war zum Beispiel so ein Hutkonzert. Der Veranstalter hielt es nicht mal für nötig, Werbung für die Veranstaltung zu machen. Sogar die Plakate, die wir ihm geschickt hatten, lagen noch unausgepackt auf dem Tresen herum. Es hing nicht mal ein Plakat im Laden. Die Musikanlage war Schrott. Ein Desaster. Aber so was kann und wird immer wieder passieren.

Wie gehst du damit um, wenn du quasi ohne Publikum spielst?

Ach, da frage ich die wenigen Zuschauer erstmal nach ihren Namen, dann kommen sie auch näher zur Bühne. Wenn man auf so einer persönlichen Ebene mit dem Publikum zusammen rückt, kann man auch im kleinsten Rahmen wundervolle Konzerte haben.

Man hört immer: Bands können nur noch mit Konzerten Geld verdienen.

Da gilt erst, wenn eine Band ein gewisses Level erreicht hat. Aber wenn Pele und ich Konzerte geben, kommen ja vielleicht nicht mehr als 50 bis 60 Leute. Selbst wenn die Eintrittskarte 10 Euro kosten würde, käme der Veranstalter nur auf 500 bis 600 Euro, wovon er sich erstmal was abzwacken würde. Und unsere Unkosten betragen ja schon knapp 300 Euro pro Abend.

Verkaufst du wenigstens ein paar CDs bei den Konzerten?

Bei mir läuft das ganz gut. Das sind so zwischen 12 bis 18 Platten pro Abend. Ich habe aber keine Ahnung, wie viele ich insgesamt verkauft habe. Ich habe mal angefangen, eine Liste zu führen, habe damit aber aufgehört, weil ich zu betrunken war.

Wie viel kommt denn von dem Geld, das ich für deine CD bezahle, bei dir an?

Ich habe einen Deal mit einem netten kleinen Label namens Timezone. Die verkaufen mir meine CD für drei Euro, ich verkaufe sie dann für zwölf Euro. Ich mache also neun Euro Gewinn.

Was bringen dir Downloads?

Alles, was digital ist, ist wirklich mies. Das bringt fast nichts.

Ist dein Album auch bei Spotify?

Ja, aber ich wurde nicht mal gefragt.

Wer hätte dich fragen müssen?

Keine Ahnung, ich weiß überhaupt nicht, wie das läuft. Ich weiß auch nicht, ob ich überhaupt je einen Cent bekommen werde. Das ist nichts für kleinere Bands. Das ist gruselig, was da am Ende rauskommt. Deshalb interessiert es mich überhaupt nicht.

Musst du häufiger Jobs annehmen, die nichts mit Musik zu tun haben?

Damit habe ich vor zehn Jahren aufgehört. Das mache ich einfach nicht mehr. Ich muss sogar häufiger Musikjobs absagen, weil sie sich mit anderen Musikterminen überschneiden.

Hat dir denn zum Beispiel ein Atomenergiekonzern schon mal ein unmoralisches Angebot gemacht? „Bitte, Herr Schadow, schreiben Sie uns doch ein Lied, wie toll Atomenergie ist. Sie bekommen dafür auch 20.000 Euro.“

Solche Angebote habe ich schon bekommen, aber nicht für 20.000 Euro. Ich kann dir aber keine Namen nennen.

Aber es war ein großes Unternehmen?

Ja, ein großes Unternehmen.

Also hast du es nicht so nötig?

Ich gehe gar nicht so weit, dass ich in ein moralisches Dilemma gelange. Meistens reicht ein Blick auf meinen Terminkalender. Wenn ich dafür ein kleines Konzert absagen müsste, dann habe ich schon ein Argument dagegen. Ich gehe nach dem Lustprinzip vor. Wenn ich wirklich Geld verdienen wollte, müsste ich was völlig anderes machen.

Hast du Angst davor, dass du eines Tages eines dieser unmoralischen Angebote annimmst?

Nein, überhaupt nicht. Es kommt auch immer auf das Angebot an. Ich würde sicher nichts machen, womit ich Kinderarbeit oder ähnliche Dinge unterstütze. Ich bin ja kein böser Mensch. Aber ich hätte zum Beispiel kein Problem damit, für die Filmindustrie etwas Großes zu machen, auch wenn ich weiß, dass da viele Geldsäcke hinter stehen.

Wäre es unverantwortlich, in deiner Situation an Familiengründung zu denken?

Diese Frage tut weh, weil daran meine letzten Beziehungen gescheitert sind. Ich denke, dass man auch mit wenig Geld eine glückliche Familie sein kann. Aber Frauen denken das nicht.

Wie sieht das bei dir eigentlich mit Altersvorsorge aus?

Ich zahle monatlich neben der Künstlersozialkasse in eine private Rentenversicherung ein. Aber ich vermute, dass wird am Ende unter „gescheitertes Experiment“ verbucht werden.

Sagen wir mal, du hättest plötzlich 5000 Euro zur Verfügung, was würdest du dir davon kaufen?

Ich bräuchte dringend einen neuen Tonabnehmer für meine Akustikgitarre. Dann würde ich gerne all meine Hemden wegwerfen und neue Hemden kaufen. Außerdem brauche ich eine neue mobile Festplatte. Vom übrigen Geld würde ich einen schönen Urlaub machen und mir ganz viel zu Essen kaufen.

Wann warst du zuletzt richtig im Urlaub?

Im September. Ich habe eine Woche Urlaub in Bayern gemacht. Ist das für dich schon richtiger Urlaub?

Wenn du dir ein Hotel genommen und nicht bei Freunden übernachtet hast.

Es war eine Ferienwohnung.

Das zählt auch. Hauptsache du musstest dafür bezahlen.

Ich musste dafür bezahlen, aber es war sehr günstig.

In welchem Supermarkt kaufst du ein?

Bei Rewe um die Ecke, weil der Weg dorthin der kürzeste ist.

Rewe ist ja nicht gerade günstig.

Bei so was gucke ich nicht aufs Geld. Ich bin auch jemand, der sich fast jeden Tag für eine Stunde ins Café setzt, Zeitung liest, guckt und Notizen macht.

Also bist du immerhin nicht existentiell bedroht?

Nein. Aber ich habe ja auch meinen Riesendispo. Weißt du doch.

Was treibt dich eigentlich an, dir das Musikerdasein trotz der Widrigkeiten anzutun?

Ich mache instinktiv einfach das, was ich am besten kann und was mir am meisten Spaß macht. Ich bin nie glücklicher als mit einer Gitarre auf der Bühne. Solange ich mich damit irgendwie über Wasser halten kann, will und werde ich gar nichts anderes machen.

Das Debütalbum von Ben Schadow, „Liebe zur Zeit der Automaten“, ist gerade erschienen. Man kann es sich auch auf seiner Website anhören. Die aktuellen Tourdaten findet Ihr hier.

Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung.
Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.


Melden Sie diesen Kommentar