| 08.22 Uhr

Erwachen in der Zeitschleife

Jugenddrama über die Frage, was man im Leben anders machen würde. Von Jacqueline Böhland

Auf den ersten Blick wirkt die US-amerikanische Verfilmung des Bestsellers "Before I fall" von Lauren Oliver wie eines dieser klischeebeladenen Jugenddramen. Der sperrige Titel "Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie" wurde von der deutschen Übersetzung des Romans übernommen, und auch die ebenso unzugänglich anmutende Filmhandlung hält sich eng an die Buchvorlage. Doch gerade das Unzugängliche macht diesen Film so besonders: Es geht gar nicht um die Handlung, sondern um die Fragen, die sie aufwirft.

Samantha und ihre Freundinnen Lindsay, Ally und Elody sind die beliebteste Mädchenclique der Highschool. Am Cupid's Day, dem örtlichen Valentinstag, haben sie nichts zu befürchten: Sie bekommen haufenweise Rosen, werden zu einer Party eingeladen und bereiten Sams erste Nacht mit ihrem Freund und Mädchenschwarm Kent vor.

Bis dahin erfüllt der Film das übliche Muster eines Teeniedramas. Doch dann haben die Mädchen nach der Party einen Unfall - und Sam erwacht erneut am Tag des Cupid's Day. Eine zweite Chance? Vielleicht.

Als klar wird, dass der Tag dem vorherigen genau gleicht, schleicht sich ein unbehagliches Gefühl in den Film. Sam bemerkt bald, dass jede ihrer Handlungen sich auf den weiteren Verlauf der Geschichte auswirkt. Ganz langsam tritt die große Frage in den Vordergrund, die sich wohl jeder irgendwann einmal gestellt hat: Was würdest du anders machen, wenn du könntest?

Sam beginnt, ihr Leben zu hinterfragen: Ist Kent der Richtige? Sollte sie ihrem Freund aus Kindertagen eine Chance geben, auch wenn er nicht an die Seite eines It-Girls passt? Warum ziehen die Mädchen eigentlich dauernd über die Außenseiterin Juliet her?

Die Fragen dienen nicht der Belehrung des Zuschauers - sie stehen offen im Raum, regen zum Nachdenken an. Man weiß ja selbst oft nicht, welche Konsequenzen das eigene Handeln nach sich zieht. Zumindest aber sind diese Fragen der Beginn einer Reise, an deren Ende man womöglich weiß, wie dieser eine Tag genau aussehen sollte: ein Tag, den man nicht anders leben möchte, selbst wenn es der letzte wäre.

In einem Film, in dem die Hauptfigur in einer Zeitschleife gefangen ist, gibt es zwangsläufig Wiederholungen. In "Und täglich grüßt das Murmeltier" wurde der Schwierigkeit durch Humor und das lakonische Spiel von Bill Murray begegnet. In "Wenn Du stirbst, zieht das ganze Leben an Dir vorbei, sagen sie" werden durch die feinen Veränderungen im Ablauf der vermeintlich gleichen Tage große Lebensfragen aufgeworfen. Kleinste Verschiebungen bringen den Zuschauer dazu, die Handlung nach und nach in ganz neuem Licht zu sehen, Figuren anders einzuschätzen. Plötzlich sind Außenseiter nicht mehr die uninteressanten Nerds, die eine Teeniekomödie braucht, sondern spannende Figuren, die eng mit Sams Schicksal verwoben sind. Die Geschichte wirkt wie beiläufig gefilmt und vermittelt so ein Alltagsgefühl, in das der Zuschauer schnell hineingezogen wird.

Mit jedem neuen Tag in der Zeitschleife, in der Sam gefangen ist, rückt die Frage näher: Was macht ein Leben sinnvoll, reich, lebenswert? Und wie sehr hat man das selbst in der Hand?

Quelle: RP
 
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