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Düsseldorf
Mit der Stimme schreiben

Düsseldorf. Kommunikationsforscher glauben, dass digitale Spracherkennungsprogramme die Welt des Redens und Schreibens entscheidend verändern werden. Schon jetzt haben sie vielerorts Einzug in unseren medialen Alltag gefunden. Von Wolfram Goertz

Neulich gewährte ein Kollege im Büro dem Betrachter eine seltsame Anmutung: Er sprach mit seinem Laptop. Offenbar diktierte er einen Text, vermutlich eine offizielle E-Mail – sie endete "mit freundlichen Grüßen". Seine rechte Hand umfasste dabei den Stiel eines Schleckeises, die linke steckte in der Hosentasche. Der Kollege wirkte entspannt. Wirken Autisten nicht immer so? Doch wer sich dem Kollegen von hinten näherte, um das Obskure zu ergründen, der wurde vom Donner Gutenbergs gerührt: Die diktierten Sätze standen bereits 1:1 auf seinem Bildschirm. Die Finger waren nicht im Spiel gewesen, der Betrachter kann es beschwören.

Spracherkennungsprogramme gibt es seit vielen Jahren, und wie immer in der Entwicklung des Fortschritts waren die Anfänge mühsam und skurril. Erste Computer beherrschten allenfalls ein paar Zahlen und Hilfsbefehle; die Probleme bestanden nicht in der Speicherung der Wörter, sondern in ihrer Umwandlung in schriftlichen Text. Heutzutage machen Programme etwa von Dragon oder mit dem Namen Siri in Apple-Systemen alles: Sie kennen die Beugungsform "vertrüge", den Namen "Shakespeare" und die "Echokardiografie".

Allerdings sollte der Diktierende kein militanter Verfechter rheinischen Singsangs sein, dann kann es wortweise zum Streik des Programms oder zu grotesken Verirrungen kommen. Generell gilt: Was das Programm nicht kennt, das frisst es nicht. Aber es lernt aus dem, was man ihm anbietet. Und wer es einmal benutzt hat, wird nie mehr von ihm lassen, denn zwischen Diktat und Ergebnis liegen nur zwei Sekunden. Treffsicherheit: 99 Prozent.

Was da zwischen Stimmband und Bildschirm auf dem Weg der Datenverarbeitung an Informatik, Computerlinguistik, logarithmierten Frequenzspektren und semantischer Analyse in Stellung gebracht wird, das will kein Mensch wissen. Der Benutzer möchte den Quantensprung der Informationstechnologie euphorisch nutzen, wie ein glückliches Kind diktieren und nie mehr tippen, er hasst ja seine eigenen Schreibfehler und mehr noch die unhandliche Computermaus, die ihm dauernd ein Zwicken im Arm macht. Wer etwa "Dragon Medical" in Anwendung und zuvor ein Trainingsprogramm für die eigene Stimme durchlaufen hat, der wird seinem Headset-Mikrofon auch die orthopädisch zuständige "Tendovaginitis" (Sehnenscheidenentzündung) oder das "Repetitive Strain Injury Syndrom" (das schmerzhafte Wiederholungssyndrom RSI) gefahrlos anvertrauen können.

Kommunikationsforscher sagen, dass Spracherkennungsprogramme die Welt des Redens und Schreibens einschneidend verändern. Sie kommen ja nicht nur Armamputierten oder Analphabeten zugute, sie geben der Schriftlichkeit überhaupt eine neue Chance, eine von vielen. Die Moderne hat das geschriebene Wort in einem Delta der Ausdrucks- und Zustellungsformen ankommen lassen – Brief, Post, Telegramm, Fax, E-Mail, PDF-Scan, SMS und anderes. Die Streubreite der Ausdrucksmöglichkeiten hängt vom Anwenderverhalten ab – ein handgeschriebener Brief von fünf Seiten Länge wird in Duktus und Gehalt eine 48-Zeichen-SMS deutlich übertreffen, obwohl beide die gleiche Botschaft haben: Das gestrige Abendessen war hervorragend, der Gute-Nacht-Kuss nicht minder, und einem baldigen Wiedersehen sollte nichts im Wege stehen.

Vor allem könnte es sein, dass moderne Spracherkennungsprogramme der Ausführlichkeit einer Mitteilung wieder größere Chancen gewähren. Wer das Schreiben nicht mehr mühsam manuell abwickeln muss, sondern seine Gedanken beim diktierenden Sprechen frei flottieren lassen kann, der wird womöglich ein richtiger Vielschreiber werden. Mancher wird sein Sprechen, wenn es nach unreflektiertem Brabbeln in Buchstaben vor ihm steht, auch erschreckend finden. Der Weg zum druckreifen Sprechen ist übrigens ein herrlicher Lernvorgang, der manchem die nuschelige Artikulation gründlich abgewöhnt. Mancher hat nie so gut gesprochen wie seit den Tagen, da er Spracherkennungsprogramme nutzt. Indes sollte niemand hoffen, dass Dragon etwa eine miserable Zeichensetzung repariert.

Fraglos gibt es Berufe, in denen das fingerfreie Schreiben sinnvoller ist als in anderen. Rechtsanwälte und Ärzte dürften etwa von Dragon-Spezialprogrammen wesentlich stärker profitieren als Dichter oder Journalisten, obwohl: Dieser Text hier ist in einer Mischkalkulation entstanden – manches wurde getippt, manches diktiert. Schön für die Kollegen: Es klappte auch im Flüstern. Mr. Spock, der große Technikfreund, würde die Braue hochziehen und sagen: Faszinierend!

Quelle: RP
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