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Goertz 100
Platz 5: Franz Schubert, "Die Winterreise"

Ranking: Das sind Wolfram Goertz' Top 100
Ranking: Das sind Wolfram Goertz' Top 100 FOTO: RP
Düsseldorf. Der Liederzyklus aus dem Jahr 1827 gilt als poetische Meisterleistung des Komponisten. Von Wolfram Goertz

Seit Menschengedenken herrscht unter Astronomen, Meteorologen, Reifenherstellern und Uhrenbesitzern Uneinigkeit, wann der Winter beginnt: wenn die Sonne ihren mittäglichen Tiefststand über dem Horizont hat, wenn der Dezember anbricht, wenn der erste Schnee fällt oder wenn die Uhren zurückgestellt werden?

Bei Franz Schubert beginnt der Winter in Takt 29 eines Lieds mit dem Titel "Gute Nacht". Ein Mann ist "fremd eingezogen" und zieht bald wieder aus, aus der Liebe wird nichts, die Welt ist trübe und "der Weg gehüllt in Schnee". Die Schritte sind Achtelnoten, die durch das ganze Lied pochen. Sie sind auch der Herzschlag des lyrischen Ichs, das 24 Lieder lang eine Reise ohne Wiederkehr unternimmt - die "Winterreise" von Franz Schubert, das von Wilhelm Müller zu einem Gedichtzyklus geweitete Psychogramm einer Todessehnsucht.

Es ist die Liebe zu einem Mädchen, die hier stirbt, und in jugendlicher Verzweiflung beschließt der Reisende, eine Straße zu gehen, "die noch keiner ging zurück". Im Dunkeln werde ihm gewiss wohler sein, singt er am Ende. Schon unterwegs sehnt er sich nach ewiger Ruhe unter dem "Lindenbaum", spürt "Gefrorene Tränen" im Gesicht, sucht im Schnee nach "ihrer Tritte Spur" und hat überdies zahlreiche Halluzinationen: ein "Irrlicht", einen "Frühlingstraum", Blumen im Schnee, einen freundlichen Postboten, der Briefe von ihr bringt; einmal dient sich ein Totenacker als Ruhestätte an. Einzig eine Krähe und der Wanderstab begleiten den Moribunden. Kurz vor seinem poetischen Hingang erscheinen ihm noch "Nebensonnen" und ein "Leiermann", letzte Phantome bereits jenseits der Realität.

Wie hoch der autobiografische Anteil ist, den Franz Schubert seinem wohl bedeutendsten Liederzyklus mitgegeben ist, sei dahingestellt. Er komponierte den Zyklus aus 24 Liedern im Herbst 1827, ein Jahr vor seinem Tod. Einige Jahre zuvor hatte er sich die Syphilis zugezogen, er starb aber an Typhus, einer akuten Infektionskrankheit.

Zugleich besitzt die "Winterreise", wenn auch nur subtil bekundet, politische Brisanz. Es geht ja auch um rasselnde Ketten und eine geistige Enge, welcher das lyrische Ich zu entfliehen sucht. Das Zeitalter des Biedermeier und die Ära Metternichs liegen unverkennbar wie eine zarte und doch pelzige Deutungsschicht über dem Werk.

Ein Sänger benötigt riesige intellektuelle Reserven für die Distanzen, die der Zyklus zurücklegt; mehr noch bedarf es seiner Einfühlung in Schuberts atemraubende Schlichtheit. Obwohl sie so lange dauert wie manche Oper, ist die "Winterreise" keine, sie hat kaum Ausbrüche, kaum dramatische Prozesse. Schnell zirkulierende Verläufe wie in "Erstarrung", die an den Rand der Atemlosigkeit geraten, sind die Ausnahme. Liedhaftes Melos über Schuberts wunderbar dürrem Klaviersatz beschreibt die Atmosphäre einer fast seligen Trostlosigkeit. Die Einstiche der Schmerzen setzt Schubert unter die Haut, nicht in den Muskel.

Eine herrliche Aufnahme hat der Bariton Christian Gerhaher mit seinem Klavierbegleiter Gerold Huber vorgelegt; sie entstand kurz nach der Jahrtausendwende, als der Sänger fast noch am Beginn seiner Karriere stand. Sie atmet den Aspekt der gefährdeten Jugend wunderbar. Gerhaher trifft Schuberts Ton ideal, er hat die Träne im Knopfloch, den Jubel in der Kehle und weiß doch, dass er das Geviert der Kammermusik nicht verlassen darf. Herrlich seine Beweglichkeit in der "Wetterfahne", geradezu schmelzend die Rührung, die ihn im "Rückblick" bei der Erinnerung überkommt, da "zwei Mädchenaugen glühten".

In Schuberts zweitem großen Zyklus, der "Schönen Müllerin", ist der Tod nicht außer Kraft gesetzt. In der "Winterreise" aber hält er das Zepter - von Takt 29 im ersten Lied an.

Die Liste zum Anhören

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Das Ranking

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