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Interview mit dem berühmten Regisseur
Peymann sieht seine Arbeit als gescheitert an

Interview mit dem berühmten Regisseur: Peymann sieht seine Arbeit als gescheitert an
Claus Peymann glaubt an die Unsterblichkeit des Theaters. FOTO: dpa, Georg Hochmuth
Der Chef des Berliner Ensemble, Claus Peymann, zieht im Interview mit unserer Redaktion ein bitteres Resümee seiner Arbeit.

Seit fast einem halben Jahrhundert arbeiten Sie im Theatergeschäft. Was hat sich seither alles geändert?

Peymann Drei Dinge haben sich extrem stark verändert. Es gibt praktisch keine Schauspiel-Ensembles mehr. Das hat sich auch durch das Fernsehen so entwickelt. Eine kleine Gruppe von 30 bis 40 sehr bekannten Namen diktiert als Gastschauspieler die Spielpläne aller deutschsprachigen Bühnen. Die Staatsbühnen bilden die Schauspieler ordentlich aus, und das Fernsehen bedient sich dann aus diesem Pool. Das zweite ist: Wir befinden uns – was das Drama angeht – in einer Reihe von Tiefausläufern, und nirgends ist Sonnenschein zu erwarten.

Und die Dramatiker?

Peymann Es gibt viele, die sich mit ihren kleinen Problemchen befassen, das heißt: eine vollständige Nabelschau in der Literatur. Und dann gibt es die jungen, großmauligen Regisseure, die tatsächlich glauben, alles besser zu können – besser als alle Klassiker wie Brecht und Tennessee Williams. Das sind diese Stücke-Verbesserer, die unter dem Namen Regisseur eigentlich Dichter spielen.

Und der dritte Punkt?

Peymann Das ist vielleicht der Allerwichtigste. Das wir in den vergangenen 50 Jahren weit über die Hälfte der Summe verloren haben, die die Bundesländer und die Kommunen für ihre Theater ausgeben. Der Verlust an kultureller Masse ist auch ein Verlust an Qualität. Das, was das deutschsprachige Theater seit der Weimarer Klassik ausgezeichnet hat, ist heute mindestens halbiert. Und es dezimiert sich immer weiter.

Wie steht es dabei um das lange Zeit so gepflegte Regietheater?

Peymann Für mich ist das eine völlig schizophrene Situation. Ich gelte ja als einer der typischen Regie-Heinis und Regie-Zertrümmerer. Damit gehöre ich im Grunde zu einer aussterbenden Gattung. Ausgerechnet ich bin jetzt mit meiner Kritik scheinbar zu einem Konservativen geworden. Aber was heißt konservativ? Ich habe die Dichter immer als die eigentlichen Originale unserer Theaterarbeit verstanden. Das hat mit Peter Handkes "Publikumsbeschimpfung" 1966 begonnen. Ich habe versucht, immer ganz nah an der Seele des Stückes zu sein. Das hat sich heute leider grundlegend geändert. Es gibt junge Regisseure, die lesen die Stücke gar nicht mehr. Für die ist von Anfang an klar, Franz Moor kann nur ein Mädchen und Karl Moor nur ein Schwuler sein. Und fertig ist damit die Inszenierung von Schillers "Räuber". In ihrer Selbstherrlichkeit glauben sie, mit dieser Originalität zu überzeugen. Das sind vollständige Abirrungen, die mir einfach den Appetit aufs Theater verderben – und obendrein auch dem Publikum.

Muss das Theater auch aktueller werden? Oder wäre es verfehlt zu fordern, dass nun auch die Euro-Krise auf die Bühne muss?

Peymann Unbedingt muss sie das. Unbedingt. Ich komme mir manchmal vor wie in der Wüste. Ich sehe, wie überall der Sandsturm tobt, und wir selber haben darauf nichts zu antworten. Wir spielen dann aus lauter Verzweiflung "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" aus den 1920er Jahren, weil das das einzige Stück ist, das uns geeignet erscheint, um sich mit Monopol-Fragen auseinanderzusetzen. Und nichts anderes ist die Globalisierung. Natürlich hat das Brecht genau gesehen. Wenn Shakespeare sagt, das Theater bildet die Welt ab, dann kann der heutige Kleinkram natürlich auch eine Art Abbild unserer Gegenwart sein. Das zeitgenössische Theater erstickt stattdessen im kleinteiligen, familiären Mist.

Sind damit auch Ihre Träume als Intendant geplatzt?

Peymann Ich habe meine Arbeit hier in Berlin begonnen, um ein Stachel im Arsch der Mächtigen zu sein. Jetzt bin ich 75, und aus dem Stachel ist ein Gewährenlassen geworden. Darüber bin ich sehr traurig und sehe meine Arbeit in Berlin in diesem Sinne auch als gescheitert an. Wir würden gerne unsere Wut und unsere Verzweiflung über das Unrecht der Welt zeigen, aber wir haben die Stoffe nicht mehr. Dichter, wo seid ihr geblieben?

Muss sich das Theater an schwächeren Textkenntnissen der Zuschauer orientieren, also voraussetzungslos sein und spielen?

Peymann Das war doch immer so. Ein Theaterabend beginnt damit, eine spannende Geschichte zu spielen. Dieses Geheimnis des Theaters braucht keine Voraussetzung. Die Voraussetzungslosigkeit ist das Schönste, schrecklich finde ich dieses Bildungswissen. Lieber spiele ich vor 300 Analphabeten in Südafrika als vor 300 Studenten in Coburg.

Warum wird es auch in 50 Jahren noch Theater geben?

Peymann Wir werden noch spielen, wenn aus dem Wiener Burgtheater eine Diskothek und aus dem Berliner Ensemble ein Supermarkt geworden ist. Theater ist ein Teil der menschlichen Psyche und wird darum nie untergehen.

Lothar Schröder führte das Interview.

(RP/pst/csi/top/csr)
 
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