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Vom Blatt
Warum spielt "Rigoletto" in Nicaragua?

Vor Opernabenden halten Dramaturgen regelmäßig Einführungsvorträge. Die fallen zuweilen betulich und wenig animierend aus. Dabei könnten solche Einleitungen das Publikum für die Produktion perfekt einnehmen. Von Wolfram Goertz

Sie könnten eine wunderbare Bildungsoffensive und eine perfekte vertrauensbildende Maßnahme sein; sie könnten zu den wichtigsten Terminen eines Opernhauses zählen. Doch meistens sind es zähe, entbehrliche Aktionen: Einführungsvorträge zu Opernaufführungen. Man erwartet also einen Abend mit Verdis "Rigoletto", den der Regisseur in Nicaragua spielen lässt. Da möchte der Konsument doch wissen: Warum macht das der Regisseur? Warum trägt der Herzog von Mantua eine Kappe wie Che Guevara? Und warum sieht Gilda aus wie Marilyn Monroe, der ein bisschen zu viel Wasserstoffperoxid in die Haare geraten ist?

Sollte man solche Fragen in einer Einführungsveranstaltung beantworten? Vielleicht nicht, weil dann der Detektiv im Opernfreund, der sich über seine Entschlüsselung von Rätseln und unklaren Zusammenhängen auf der Bühne freut, zur Untätigkeit erzogen wird. In der Einführungsveranstaltung könnte man ihn immerhin lenken, auf die Fährte setzen. Aber was passiert dort? Auf der Bühne im Foyer steht ein Dramaturg ganz in Schwarz, der in sein Manuskript starrt, die Entstehungsgeschichte runterbetet und gelehrtes Opernführer-Wissen absondert, das sich der Besucher selbst hätte anlesen können.

Gewiss, die meisten Leute kommen in die Oper, ohne zu wissen, worum sich das Stück eigentlich dreht. Und denen müsste man intelligent die Story soufflieren und dasjenige, was der Regisseur daraus macht. Aber da passiert meist nichts, Dramaturgen sind immer kluge Leute, die über immenses Hintergrundwissen verfügen, jedoch als Animateur, Sinnenkitzler, Feuerspender nicht recht taugen. Solche Tugenden werden ja auch nirgendwo gelehrt.

Nicht minder wichtig wäre es auch, dass Dramaturgen über die Musik sprechen. Die meisten können das nicht und wollen es auch nicht lernen, eine Unsitte, die auch bei den meisten Musikkritiken zu registrieren ist. Rezensenten, die in die Oper gehen, bedenken den Dirigenten meistens mit einem Satz gegen Ende des Textes, der etwa so geht: "Unter der umsichtigen und anfeuernden Leitung von Richard W. Zembitzky spielten die Symphoniker mit Verve und Akkuratesse." Dramaturgen sprechen oft über Musik, als sei sie aus Holz oder härteren Materialien.

Wie man es machen muss? Vor Jahren gab es in Stuttgart die Uraufführung von Hans Zenders überaus komplexer, aber auch spielerisch sortierter Oper "Don Quijote de la Mancha", und weil der diensthabende Dramaturg krank war, übernahm seinen Job Generalintendant Klaus Zehelein (früher selbst Dramaturg in Frankfurt). Zehelein erklärte das Werk so enthusiastisch, dass man atemlos dabeisaß. "Achten Sie mal auf . . ." - das waren Zeheleins beliebteste Worte. Durch solche Lenkung auf die richtigen Fährten gesetzt, erlebten wir einen wunderbaren Abend. Ohne Zehelein hätten wir nur die Hälfte kapiert.

Quelle: RP
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