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Zündstoff in Mozarts "Entführung"

Singspiel als Hörstück: René Jacobs interpretiert Mozart mit jungen Sängern. Von Christoph Vratz

Es ist immer ein Dilemma mit diesen Texten. Sie sind antiquiert und steif und haben mit heutigem Redefluss kaum etwas gemein. Allein deswegen ist das "Singspiel" eine heikle Gattung mit nur eingeschränktem Lock-Potenzial - mag die Musik noch so bekannt sein, noch so sehr bezaubern.

Die prominentesten Beispiele finden sich in der Werkkiste von Wolfgang Amadeus Mozart: "Die Zauberflöte" ist wegen ihrer generationenübergreifenden Beliebtheit sozusagen unantastbar, doch "Die Entführung aus dem Serail" hat es dagegen deutlich schwerer. Dabei ist das Thema topaktuell. Es geht im weitesten Sinne um die Mentalitätskonflikte zwischen Europa und der arabischen Welt, zwischen Christen und Muslimen, es geht um Vorurteile, Machtgelüste, Vergebung und Toleranz. Viel Zündstoff also.

Nun hat Dirigent René Jacobs das zweieinhalbstündige Werk auf CD festgehalten. Diese Nachricht muss uns in Hab-acht-Stellung versetzen, denn Jacobs ist kein x-beliebiger Dirigent, der Mozart aus Image-Gründen in sein diskographisches Portfolio aufgenommen hat. Er fordert, bereichert, überrascht, begeistert uns schon seit langem mit diesem Repertoire, genauer: seit 1998. Damals erschien "Così fan tutte" als erste seiner Mozart-Opern-Einspielung. Jetzt, siebzehn Jahre und acht Opern später, bildet "Die Entführung" den Schlusspunkt.

Abermals liefert Jacobs großes Musiktheater und zugleich Kino für die Ohren. Wie bei seiner "Zauberflöten"-Produktion von 2009 hat er auch diesmal die Achilles-Verse, die betulichen Dialoge, frisiert, sie behutsam dem Heute angepasst und die Übergänge so elegant gestaltet, dass die Oper wie ein Hörspiel erscheint: mit musikalischen Anspielungen und Vorausdeutungen, mit geschickten Überleitungen und unverhofften Unterbrechungen. Arien und Dialoge sind nicht mehr getrennt, sondern bilden eine Einheit.

Jacobs, ein Gründlichkeitstüftler, überlässt nichts dem Zufall, und doch wirkt alles äußerst spontan, lebendig. Das geht schon mit der Ouvertüre los. Für das "türkische Kolorit" hat sich Mozart im Reservoire der knallenden, peitschenden Instrumente bedient, Triangel, Becken, "Flageolett"-Flöte, türkische Trommel. Das hat Harnoncourt schon vor 30 Jahren so übernommen, und doch lärmt und schrillt und kracht es nun bei Jacobs, wie Mozart es wohl vorschwebte: "Ich glaube, man wird dabei nicht schlafen können." Stimmt, zumal von angezogener Handbremse in dieser Aufnahme nicht die Rede sein kann.

Schließlich beweist Jacobs, der diesmal mit der Akademie für Alte Musik in Berlin angetreten ist, wieder ein Näschen für junge Stimmen. Mozarts Figuren sind überwiegend jugendlich, fast feurig-naiv, aber nie altbacken. Das Ensemble wird angeführt von Robin Johannsen als Konstanze. Hinzu kommen Mari Eriksmoen als Blonde, Maximilian Schmitt als Belmonte, schließlich der Pedrillo von Julian Prégardien und der bassige Osmin von Dimitry Ivashchenko. Da wird mit Liebreiz und Wagemut gesungen, schlank, kokett, innig. Am Ende sind alle glücklich, die Bühnen-Figuren, weil sie einander gefunden und in Bassa Selim einen Menschenfreund gefunden haben - und der Hörer, weil es nun eine für unsere Zeit adäquate Aufnahme der "Entführung" gibt.

Info Die CD erschien bei harmonia mundi: HMC 2 CD 902214.15

Quelle: RP
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