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Was versteht man unter Mobbing?
Vom Psychoterror der Kollegen in die Frührente getrieben

Anpöbeln ist nur eine der vielen Übersetzungen für ein Phänomen, unter dem jährlich rund 1,5 Millionen Berufstätige leiden, das einen gesamtwirtschaftlichen Schaden von 100 Milliarden Mark verursacht und bei einzelnen Menschen nicht nur schwere psychosomatische Erkrankungen hervorrufen kann, sondern sie schlimmstenfalls in den Selbstmord treibt: Mobbing.

Psychoterror am Arbeitsplatz ist wohl die geläufigste Definition, wobei sich Mobbing längst nicht nur auf die Berufswelt beschränkt. Bereits im Kindergarten, in der Schule, in Vereinen und Verbänden, sogar innerhalb der eigenen Familie kann eine konfliktbelastete Kommunikation eskalieren. Von Mobbing spricht man allerdings nur dann, wenn die angegriffene Person unterlegen ist und von einem oder mehreren Menschen systematisch über längere Zeit direkt oder indirekt angegriffen wird. Ziel dieser Handlungen ist der Ausstoß der gemobbten Person. Allerdings gibt es dabei drei verschiedene Varianten: Eine Person schikaniert eine andere, eine Gruppe richtet sich gegen eine andere Gruppe, oder aber - wohl die belastendste Situation - eine Gruppe richtet sich gegen eine Einzelperson.

Von "Bossing" spricht man, wenn sich ein oder mehrere Vorgesetzte gegen Angestellte wenden. "In der Bundesrepublik hält sich das Verhältnis von Mobbing, das sich von oben, also von Vorgesetzten, nach unten richtet, zu dem unter Kollegen relativ die Waage", erklärt Anke Tensfeldt, Diplom-Pädagogin von der Mobbing-Beratung Flensburg. Intrigen, Lügen, Täuschungen, Hinterhältigkeit, Schikanen und die Verweigerung von Kontakten sind nur einige der Symptome, die auf Mobbing deuten.

"Der Begriff Mobbing beschreibt schikanöses Handeln einer oder mehrerer Personen, das gegen eine Einzelperson oder eine Personengruppe gerichtet ist", definiert der Psychologe und Mobbing-Experte Berndt Zuschlag. Dabei wird die Täter-Absicht impliziert, das Ansehen des Opfers zu schädigen und ihn gegebenenfalls sogar aus seiner Position zu vertreiben. Erschwerend kommt die besondere Situation am Arbeitsplatz dazu: Lassen die Leistungen der gemobbten Person durch die aus dem Psycho-Terror resultierenden psychischen Belastungen nach, werden die Arbeitgeber sensibel, deuten die Probleme oft als fehlende Qualifikation oder Faulheit. Was die Folge sein kann: Rügen, Abmahnungen und im schlimmsten Fall die Kündigung.

Auch im Privatleben fallen gemobbte Personen durch ihr verändertes Verhalten - sei es gereizt, aggressiv oder eher depressiv-verstimmt - auf. Partner, Kinder, Freunde und Bekannte verstehen die veränderte Haltung oft nicht und ziehen sich nach einigen "unerklärlichen" Reaktionen von der gemobbten Person zurück. Das verschlimmert die Situation zusätzlich, die Betroffenen geraten in eine heikle Isolation. Fälle von Mobbing-Opfern, die keinen anderen Ausweg als den Selbstmord mehr sahen, sind zwar selten, aber Realität.

Klara F. machte der Psychoterror berufsunfähig

Auch im Fall von Klara F. aus Rosenheim löste das Mobbing schwerwiegende Folgen aus: Die Altentherapeutin wurde durch den ständigen Psychoterror berufsunfähig. Nach zwei Jahren, in denen sie durchweg krank geschrieben war, endete das Martyrium in der Frührente. Angefangen hatte der Mobbing-Prozess quasi schon an ihrem ersten Tag am neuen Arbeitsplatz. "Die weiß doch gar nicht, was arbeiten heißt, putzt ja keine stinkenden Pos", hörte sie von ihren neuen Kollegen. Ihr wurde die Arbeit schwer, wenn nicht unmöglich gemacht. Da sie keinen eigenen Raum hatte, musste sie mit den Heimbewohnern im Speisesaal arbeiten. Extra laut klimperten die Kollegen – allesamt Altenpfleger - mit dem Geschirr, so dass sie die Alten nicht verstehen konnte. Dann wurde sie für Dinge, die nicht in ihrer Macht standen, verantwortlich gemacht: Ein Handy für Notfälle - die Räume, in denen sie mit den Pflegebedürftigen arbeitete, hatten keine Notklingel - wurde ihr nicht genehmigt. Als sie sah, wie einige Kollegen die Heimbewohner schlugen und traktierten, ging sie zur Geschäftsführung.

Danach eskalierte die Situation. Die Intrigen, Schikanen und Anschuldigungen wurden so stark, dass sie abends mit Heulkrämpfen auf dem Fußboden lag. Starke Rückenschmerzen und extremer Bluthochdruck kamen dazu. "Irgendwann sagte meine Ärztin, 'entweder Sie bekommen bald einen Schlaganfall, oder Sie hören auf zu arbeiten'", erinnert sich die 60-Jährige zurück. Oft musste die Ärtzin sie mehrere Tage krank schreiben, weil die Schmerzen unerträglich wurden. "Aber was hatte ich für eine Wahl? Ich war weit über 50, Stellen als Altentherapeutin wurden überall abgebaut. Also hielt ich durch." Doch es wurde immer schlimmer. "An einem Sonntag fand ich einen nicht frankierten Brief mit dem Inhalt: Abmahnung: Wir haben von Ihnen keine Krankheitsmeldungen bekommen." Eine deutliche Drohung ihrer Kollegen. Zwar zeigte sich ihr Mann sehr verständig, versuchte, sie zu stärken, doch irgendwann fiel auch in der Familie der Satz: "Wir können es nicht mehr hören, kannst Du auch mal von was anderem reden?" Ein paar Tage später erhielt sie von ihren Kollegen einen Zettel mit lauter Vorweisungen. "Das war zuviel. Daraufhin bin ich heulend direkt zu meiner Ärztin gerannt." Bis heute hat Klara F. den Weg in ihren alten Beruf zurück nicht mehr gefunden.

Die Zahl der Mobbing-Opfer ist gerade in den letzten Jahren deutlich gestiegen. So sind derzeit laut Schätzungen rund 1,5 Millionen Bürger davon betroffen. Die Folgen sind zum Teil erschreckend: abgesehen von großen wirtschaftlichen Schäden durch Arbeitsausfälle, sind vor allem die körperlichen und seelischen Schäden bei den Opfern alarmierend. "Call NRW", das Bürger- und Service-Center der Landesregierung, bietet Mobbingopfern und Betroffenen direkte Hilfe. Unter der Telefonnummer 0180 / 3100 110 steht das Team von "Call NRW" allen Hilfesuchenden zur Seite - und zwar montags bis freitags zwischen 8.00 und 18.00 Uhr.

 
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