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Psychologie
Multiple Persönlichkeit – an diesen Symptomen erkennt man die Störung

Anzeichen für eine Dissoziative Identitätsstörung
Anzeichen für eine Dissoziative Identitätsstörung
Düsseldorf/Iserlohn/Göttingen. Ein plötzlicher Filmriss, Verwirrtheit oder heftige Wutanfälle. Sie können Zeichen einer multiplen Persönlichkeit sein, werden aber oft als Burnout oder Schizophrenie fehlgedeutet. Experten sind sich sicher: Viele kennen ihre wahre Diagnose noch nicht. Von Tanja Walter

Als erfolgreicher Geschäftsmann in der IT-Branche legte Jaël Noah Herzog früher weit mehr als 100.000 Kilometer im Jahr mit dem Auto zurück. Das gehört ebenso zu seinem Leben wie der Moment, in dem die Polizei ihn im tiefsten Münsterland abseits einer Ortschaft aufgabelt. Er sitzt am Steuer seines Wagens, spricht und verhält sich jedoch wie ein Achtjähriger. Er selbst erinnert sich nicht daran.

Missbrauch, Vernachlässigung und Gewalt lösen Flucht in andere Persönlichkeit aus

Heute weiß er, dass solche Flashbacks typisch sind für eine psychische Erkrankung, die sich Dissoziative Identitätsstörung nennt. "Die Betroffenen haben mehrere Persönlichkeiten, zwischen denen sie hin und her springen", sagt Psychologin und Traumaexpertin Michaela Huber. Die beschreibt Situationen, in denen längst dem Kleinkindalter Entwachsene anfangen am Daumen zu lutschen, zu brabbeln wie ein Baby oder sich wie ein Kleinkind weinend unter dem Tisch zu verkriechen.

Ursache dafür sind schwerste Traumata aus der Kindheit: "Durch massive Gewalt, Vernachlässigung, sexuellen Missbrauch oder das Fehlen von Bezugspersonen können Kinder derart massiv gestresst und komplex traumatisiert werden, dass sie Teilidentitäten entwickeln", sagt Huber. Dreimal häufiger als Männer sind es Frauen, die zusätzliche Identitäten ausbilden.

"Die dissoziative Identitätsstörung ist eine Überlebensstrategie, ein Dauerversteck", sagt Herzog und vermittelt damit eine leise Ahnung davon, was ihm selbst widerfahren sein muss. Ein konkretes Beispiel benennt der Wuppertaler Psychiater und Psychotherapeut Michael Depner: "Stellen Sie sich vor, ein kleines Mädchen wird von seinem Vater missbraucht.

Wie entdeckt man, ob ein Kind missbraucht wird? FOTO: AP

Ansonsten zeigt sich der Mann nach außen als nette, liebenswerte Person. In seinem Umfeld fällt er darum nicht auf. Niemand ahnt, dass er seine Tochter mit sexuellen Bedürfnissen bedrängt, wenn keiner hinsieht. Für das Kind aber ist diese Situation mit der übrigen Normalität nicht zu vereinbaren." Hinter den Kulissen setzt der Mann dem Kind zusätzlich zu und macht ihm Druck, das gemeinsame Geheimnis nicht zu verraten, weil er es sonst bestrafen müsse. 

Eine Person, aber viele Persönlichkeiten

In diesem Fall steckt das Kind in einer katastrophalen Zwiespalt. "Um die Situation zu bewältigen, entwirft das Mädchen eine zweite Variante ihres Selbstbildes", sagt Depner. Angst, Schmerz, Scham und alle mit dem Missbrauch verbundenen Empfindungen gehören zu einer Persönlichkeit. In der anderen Persönlichkeit erlebt das Kind die gewünschte Normalität.

Auf diese Weise können mehrere Persönlichkeiten nebeneinander entstehen, die verschiedene Namen tragen. Neben der Persönlichkeit, die die Betroffenen in der Regel nach außen zeigen und die meist alltagstaugliche Fähigkeiten mit sich bringt, gibt es häufig mehrere Teilpersönlichkeiten, die in Trauma nahen Zuständen verhaftet bleiben.

Töne, Gerüche oder Geschmack – Auslöser für den Persönlichkeitswechsel

Die wichtigsten Fakten zu Borderline

Typisches Kennzeichen einer Dissoziativen Identitätsstörung ist das Nichterinnern an die Persönlichkeitswechsel. "Die Betroffenen wundern sich, warum sie plötzlich mit ihrem Auto in einer anderen Stadt stehen", so erklärt Michael Depner, Psychiater und Psychotherapeut aus Wuppertal. Zudem können die Betroffenen nicht steuern, wann welche Teilpersönlichkeit die Kontrolle über ihr Verhalten übernimmt.

"Sie sind zustandsabhängig; mal so und mal so. Die unterschiedlichen Verhaltenszustände wachsen nicht zusammen", sagt Michaela Huber. Meist sind es äußere Reize, die die Betroffenen von einer Teilpersönlichkeit in die nächste werfen: Klänge, Gerüche, ein Geschmack, ein Erinnerungsdatum.

Zugleich gelten starke Sinnesreize aber auch als eine Option, die Betroffenen zu stabilisieren und das Abdriften zu stoppen: laute Musik, Eiswürfel, Tabasco oder Ammoniak. Um Betroffenen wieder in Raum und Zeit zu verankern, kann es helfen, sie zum Blick auf die Uhr aufzufordern. 

Bei Jaël Noah Herzog löst unter Umständen "auch das Aussehen einer Person einen Persönlichkeitswechsel aus. Ebenso wie schnelle Augenreize, wie die bei Autofahrten", sagt der ehemalige ITler. "Eine Fahrt nach München dauerte für mich früher 15 Minuten. Eine Fahrt nach Holland auch", sagt er.

Dazwischen war ein Filmriss. Herzog war wie im Blindflug unterwegs. Zeit und Raum existierten nicht mehr. Das will er nicht mehr und hat deshalb seinen Führerschein abgegeben. Dabei wäre er vielleicht auch weiterhin unfallfrei gefahren, weil auch sein anderes Ich die Kompetenz zum Führen eines Fahrzeugs besitzt.

Borderline-Störung FOTO: Shutterstock/luisrsphoto

Diese Situation beschreiben auch Experten wie Huber und Depner: Treusorgende Ehefrauen, die sich liebevoll um die Kinder kümmern, aber plötzlich für eine Woche spurlos verschwindet und als zum Beispiel als Chantal andernorts ein wildes Leben führen – oder dort zwangsprostituiert werden. Personen, die einzelne Persönlichkeiten für einzelne konstruktive und destruktive Kompetenzen in sich vereinen.

Mit den Charakteren gehen auch die Fähigkeiten

Jaël Noah Herzog lebt heute mit acht verschiedenen inneren Persönlichkeiten. Er sieht das als Erfolg einer langen Therapie. Weitere Charaktere bleiben seit einiger Zeit im Hintergrund: "Sie haben einen Schlussstrich gezogen und klinken sich in dem Leben, das wir leben, aus", sagt er und meint mit "Wir" sich als Hülle vieler Charaktere. Äußerlich hat er das mit einer Namensänderung besiegelt. "Die Person, die früher über zwölf Jahre sehr aktiv war, nannte sich Duke", sagt der ehemalige ITler.

Mit dem Abschied von diesen Facetten "stehen gewisse Ressourcen nicht mehr zur Verfügung", sagt er selbst. Dazu zählt nicht nur das Autofahren. "Ich konnte mehrere Fremdsprachen fließend. Darunter auch Türkisch und Co. Aber jetzt ist derjenige, der darauf Zugriff hatte, weg", so Herzog. Als er das sagt, kommt kein Bedauern darüber zum Ausdruck. Vielleicht ist das der Preis für eine heute stabile Partnerschaft und ein sicheres Umfeld, erkämpft durch eine lange Therapie, die immer noch andauert.

Falsche Therapie – häufig wird die psychische Störung fehlgedeutet

Sowohl Experten als auch Betroffene lassen keinen Zweifel daran, dass der Weg durch die Therapie kein einfacher ist. Der Weg dorthin scheint jedoch ungleich schwieriger. "Viele Betroffene haben unzählige Jahre verschiedenste Erfahrungen im Gesundheitssystem, bis sie diagnostiziert werden", sagt Huber.

Ihrer Einschätzung nach leiden hierzulande mindestens 600.000 Menschen unter einer Dissoziativen Identitätsstörung. Doch halten Fachleute die tatsächliche Zahl der Betroffenen für höher. "Häufig wird die Störung übersehen", sagt sie.

Auch Jaël Noah Herzog weiß das. Denn er kennt nicht nur sein eigenes Schicksal, sondern weiß als Begründer der Interessengemeinschaft "Der Bunte Ring", wie es bei vielen anderen war.

"Manche erhalten erst nach einer Odyssee durch verschiedene Diagnosen und Behandlungen ihre richtige Diagnose. Oft erst nach 20 bis 30 Jahren falscher Therapie mit 50 oder 60 Jahren", sagt er und erzählt von einer 69-Jährigen, die erst seit dem letzten Jahr weiß, an welcher Erkrankung sie wirklich leidet. Auf dem langen Weg dorthin "hat sie so ziemlich jede Diagnose bekommen, die es gibt", so der Vorsitzende vom Bunten Ring.

Verwechslung mit Burn-out, Borderline und Schizophrenie

"Einzelne Symptome erinnern an andere neurologische Krankheitsbilder", sagt auch Psychiater Depner. Burn-out, Schizophrenie oder Borderline, um nur einige zu nennen. "Wer in einer Therapiephase wegen einer posttraumatischen Belastungsstörung behandelt wird, zeigt in der Zeit vielleicht nur eine Persönlichkeit und die wahre Erkrankung bleibt im Dunkeln."

Um den schmerzvollen Weg durch ein Leben voller falscher Diagnosen und Therapien abzukürzen, hat Herzog im Jahr 2014 die Interessengemeinschaft "Der Bunte Ring" ins Leben gerufen. "Wir helfen dabei herauszufinden, wie und wo man Hilfe bekommt." Pro Woche bearbeitet die Selbsthilfegruppierung rund 30 Anfragen.

Täglich liest Huber als Vorsitzende der Fachgesellschaft für Trauma und Dissoziation "rund 200 teils sehr verzweifelt klingende Emails. Das gibt eine Ahnung davon, was auch die Traumaexpertin Huber meint, wenn sie davon spricht, dass Dissoziative Identitätsstörungen vermutlich häufig übersehen werden.

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