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Psychologie
Warum wir wegen völlig banaler Dinge in Tränen ausbrechen

Warum wir im Alltag plötzlich wegen banalen Dingen weinen müssen
Vor allem italienische Männer sind laut Studien nahe am Wasser gebaut (Symbolbild). FOTO: file404/ Shutterstock.com
Düsseldorf. Im einen Moment ist alles in Ordnung. Im nächsten fließen die Tränen. Manchmal sind es die einfachsten Dinge, die einen Heulkrampf auslösen. Aber warum ist das so? Eine Ursachensuche. Von Susanne Hamann

Gerade noch strahlt die Küche weiß, im nächsten Moment sieht es aus, als ob ein Mord passiert wäre. Ein sehr blutiger Mord. In der Mitte ein völlig entnervter Mensch, der sich fragt, wie die Ketchup-Flasche auf den Fliesen landen konnte. Manchmal sind es die kleinen Dinge, die einem den Rest geben. Den Rest wovon, ist dabei nicht immer so klar. Doch auf einmal laufen nicht nur Ketchup-Spritzer den Küchenschrank runter, sondern auch Tränen das Gesicht. Da hilft es auch nicht sich klar zu machen, dass eine zerbrochene Soßenflasche kein Drama ist. Es kullern unaufhaltsam dicke Tropfen aus den Augen.

Natürlich gibt es niemand gerne zu, aber wohl jeder hat schon seinen persönlichen Ketchup-Flaschen-Moment erlebt. Das lässt jedenfalls die Diskussion auf Reddit mit dem Titel "Das dümmste, worüber du je geweint hast" erahnen. Innerhalb weniger Stunden ging sie mit knapp 6000 spontanen Heul-Beispielen viral:

  • Eines ist die besagte zersplitterte Ketchup-Flasche.
  • In einem anderen Fall musste ein Kommentator weinen, weil er im Park eine Entenmutter mit nur einem einzigen Entenbaby sah. Als er realisierte, dass die anderen Entenkinder vermutlich gestorben sind, floßen plötzlich die Tränen.
  • Beim nächsten Kommentator löste eine Szene aus "101 Dalmatiner" Schluchzen aus.

Zahlreiche Beispiele belegen es: Manchmal übernimmt von einer Sekunde auf die andere die Tränendrüse die Kontrolle über Gesicht und Mensch. Warum ist das so?

Um das zu beantworten, muss man sich dem Thema Weinen wissenschaftlich nähern, denn: "Zu emotionalen Tränen ist tatsächlich nur der Mensch fähig", sagt Ad Vingerhoets von der niederländischen Universität Tilburg. Er ist einer der wenigen Wissenschaftler, die das Weinen erforschen. Laut Vingerhoets hat die Evolution dem Menschen damit geholfen, seine im Vergleich zu Tieren lange Kindheitsphase zu überleben. "Der Nachwuchs von jedem Säugetier macht Geräusche, wenn er Unwohlsein oder Gefahr verspürt", sagt Vingerhoets. Das locke aber nicht nur die Eltern, sondern auch mögliche Gegner an. Tränen dagegen zeigen den Eltern, dass Hilfe benötigt wird, und sie können auch leise geweint werden. 

Italienische Männer weinen am meisten

Der Ansatz klingt logisch, doch Erwachsene weinen in ganz anderen Situationen. In einer Studie mit über 5000 Teilnehmern aus 37 Ländern konnten der Psychologe und sein Team zeigen, dass den meisten Erwachsenen zwischen 18 und 23 Uhr abends zum Heulen zumute ist. Dann also, wenn sie mit hoher Wahrscheinlichkeit alleine sind oder nur der Partner zugegen ist. Die meisten Tränen fließen auch nicht in Ländern, in denen besonders viele Menschen arm oder unglücklich sind. Im Gegenteil: Schwedinnen und Brasilianerinnen heulen weltweit am meisten. Unter den Männern sind die Italiener die größten Heulsusen. Deutsche Frauen und Männer liegen jeweils auf Platz 3. Laut "World Happiness Report 2017" liegen Schweden, Brasilien und Deutschland aber unter den Top 20 der glücklichsten Ländern der Welt. Wie kann das sein? "Das liegt daran, dass es in einem autokratisch regierten Land oftmals nicht akzeptiert ist, Emotionen zu zeigen. In Demokratien aber schon", sagt Vingerhoets.

Worüber die Tränen ausbrechen, ist sehr unterschiedlich. Die Klassiker sind der Verlust eines wichtigen Menschen, das Ende einer Liebesbeziehung oder Heimweh. Außerdem sorgt Weinen dafür, dass andere sich um einen kümmern, einem Liebe und Trost spenden. "Über so banale Ereignisse wie eine Ketchup-Flasche, die auf den Boden fällt, weinen allerdings besonders häufig Frauen", sagt Vingerhoets.

Laut Studien weinen Frauen durchschnittlich zwei- bis fünfmal pro Monat, Männer dagegen höchstens einmal. Der Unterschied lässt sich laut dem Expertem aber nicht einfach nur durch die Hormone erklären. Zwar unterdrückt das männliche Geschlechtshormon Testosteron bei Männern den Impuls zu weinen, weil es in Zeiten von Jägern und Sammlern nicht hilfreich war, vor einem Mammut in Tränen auszubrechen. Doch es gibt noch weitere Gründe. So sind Frauen häufiger als Männer Situationen ausgesetzt, die einen zum Heulen bringen. Sie arbeiten häufiger in sozialen Berufen oder auch im Krankenhaus. Arbeitsplätze, an denen man mehr mit traurigen Situationen konfrontiert wird als im Büro. Jungs bekommen außerdem bis heute oft schon im Kindesalter beigebracht, dass Männer nicht weinen. Also fluchen Männer meist in Konfliktsituationen. Frauen dagegen fühlen sich laut Vingerhoets eher hilflos in ihrer Wut – und brechen in Tränen aus, statt sauer zu werden.

Warum es wichtig ist, zu weinen

Frauen sind also tatsächlich oft näher am Wasser gebaut als Männer. Das ganze Thema auf das sogenannte "schwache Geschlecht" zu schieben, wäre allerdings auch zu einfach. Die Antwort ist: Wir weinen in Wirklichkeit nicht aus banalen Gründen. "Sondern vorher wird bereits ein höheres Stresslevel bestanden haben, und die zerbrochene Flasche bringt dann das Fass zum Überlaufen", sagt Christa Roth-Sackenheim, Vorsitzende des Berufsverbandes deutscher Psychiater. Ein Blick in die Reddit-Diskussion bestätigt das. Fast jedem Kommentar geht voraus, dass der Betroffene an dem Tag krank, beruflich gestresst oder einfach sehr schlecht drauf war. Wenn die Gefühlslage schon so schief hängt, können auch einfache Dinge die Tränendrüse aktivieren. "Das kann passieren, wenn wir unvermittelt und ohne uns vorher schützen zu können, mit emotional aufgeladenen Dingen konfrontiert werden, oder wenn uns Situationen, die auf den ersten Blick banal wirken, an stark emotional besetzte Erlebnisse erinnern. Insbesondere Gerüche können so etwas auslösen", sagt die Psychiaterin. 

Wichtig ist es dann, die Gefühle rauszulassen. "Es ist ungesund für die Psyche, wenn starke Emotionen lange unterdrückt werden", sagt Roth-Sackenheim. Mögliche Folgen auf Dauer sind Magen- und Kopfschmerzen, Herzrhythmusstörungen und Depressionen. Ob jemand regelmäßig weint oder nicht, wirkt sich außerdem auf sein ganzes Leben aus. "Wir haben eine Studie unter Nicht-Weinern gemacht, also Leuten, die entweder nicht weinen können oder entschieden haben, es nicht mehr zu tun", sagt Vingerhoets. "Wie sich zeigt, sind sie weniger empatisch, weniger mit anderen in Verbindung und sie erfahren weniger gesellschaftliche Akzeptanz."

Einfach mal loszuflennen, macht uns also menschlicher. Um nicht zu sagen, es macht uns besser. Denn wer sich erlaubt, nach einer Trennung zerstört im Bett zu liegen, oder nach einem schlimmen Tag im Büro kurz dem Selbstmitleid nachzugeben, oder bei einer Szene, in der ein junges Paar auf einer Schiffsspitze steht und das Leben und die Liebe feiert, loszuheulen, der erkennt dieses Gefühl auch in anderen Menschen. Kann also mitfühlen, mitreden, tröstende Worte finden.

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Zuletzt bedeutet Gefühle zeigen zu können Freiheit. Innere und äußere. Weil man folglich ein Mensch ist, der sich der inneren Krise stellt, statt sich von ihr lähmen zu lassen. Und das ist laut Psychologen der wichtigste Schritt zu ihrer Bewältigung. Ob nun also eine Ketchup-Flasche oder eine Trennung der Auslöser ist, die Sache lässt sich auf eine simple Formel herunterbrechen: Einfach laufen lassen!  

 
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