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Sexout
Die neue Unlust

Die Sex-Probleme der Männer
Die Sex-Probleme der Männer FOTO: Shutterstock/Maridav
Düsseldorf. Nach Burnout und Knockout haben wir einen neuen Verlust zu melden: den sogenannten Sexout. Weil, so der Philosoph Wilhelm Schmid, auf die hysterische Überbewertung des Sexuellen nun die Erschöpfung folgt.

Für viele von uns gab es einmal diese Erich-Fromm-Epoche. Die begann ein klein bisschen revolutionär mit der Lektüre von "Haben oder Sein". Mit der Erweiterung der Interessensgebiete folgte dann unser romantisches Zeitalter: Erich Fromms "Die Kunst des Liebens" wurde so lange und innig gelesen, bis der pappige Umschlag der Rowohlt-Ausgabe nicht nur schäbig wurde und aus seinem Leim ging. Die Anstreichungen im Buch waren naturgemäß zahlreich und dienten als Munition für diverse Diskussionsrunden. Es war die Zeit der mehr oder weniger hohen Reflexion, in der wir uns die Köpfe über die Liebe heiß redeten. Kurzum: Wir waren vor allem Theoretiker.

Die Zeiten haben sich im Allgemeinen wie im Besonderen geändert. Eine ganze Gesellschaft scheint sich der Liebe munter zugewendet zu haben, wobei insbesondere die Erotik eine – nennen wir es ruhig so – ungeahnte Blütezeit erlebte. Von einer "bis zur Schwachsinnsgrenze durchsexualisierten Gesellschaft" (Matthias Matussek) ist dann manchmal die Rede. Gerade so, als wäre das Prinzip Hoffnung dem Prinzip Lust gewichen.

Ganz so pathologisch ist es aber doch noch nicht, zumal die erotischen Seiten unseres Lebens neue Begutachter gefunden haben: nach den feinsinnigen Psychoanalytikern und den affirmativen Vertretern der Pornoindustrie haben sich nun tiefgründige Philosophen in Stellung gebracht. Und ihre Zeitdiagnose ist eine der Zerrüttung: nach Knockout und Timeout, Burnout und Workout erleben oder erleiden wir nun den sogenannten Sexout, die Abwesenheit sexueller Betätigungen; man könnte auch sagen: die extreme Lustlosigkeit.

Das behauptet in seinem neuen Buch zumindest Wilhelm Schmid, aber was heißt bei einem so populären Denker schon "zumindest". Die Auflage seiner sehr praktisch kleinformatigen Bücher haben längst die Millionengrenze überschritten, und seine Betrachtungen über das Glück der Freundschaft, die Liebe und zuletzt über die Gelassenheit sind monatelang abonniert auf die obersten Plätze der Bestsellerlisten. Schmid erspürt mitunter Themen der Zeit, und wenn es noch keine sind, werden sie es spätestens dank seiner Bücher.
Jetzt also Sexout. Jetzt also der Konjunktureinbruch nach der Epoche einer sexuellen Hochkonjunktur. Beweisen oder belastbar belegen kann man ein solches Phänomen natürlich nicht, doch reichen kluge Herleitungen durchaus, eine solche Entwicklung zu bedenken.

Schmid bevorzugt dafür folgenden Dreierschritt: Auf eine Jahrhunderte währende und kirchlich motivierte Abwertung des Sexuellen folgte Mitte des 20. Jahrhunderts eine hysterische Überbewertung, ein Sex-Overkill. Seine Folge ist die Erschöpfung. "Es hat sich ausgesext, der Sex ist ausgebrannt", so Schmid. Der Euphorie der Entgrenzung folgt die Ernüchterung einer vielleicht schamlosen Grenzüberschreitung; der Eskalation folgt die Frustration.
Spannend ist, dass Schmid derartige Ermüdungserscheinung in etlichen Kunstwerken des 20. Jahrhunderts wiederfindet. Und einer der Künstler, Edward Hopper (1882–1967), hat im Abstand von zehn Jahren das Motiv einer vermeintlichen Sex-Tristesse gleich zweimal und zudem mit vertauschten Rollen gemalt: 1949 mit "Summer in the City" und 1959 mit "Excursion into Philosophy". Zunächst sitzt eine Frau sinnierend auf der Bettkante, während ihr nackter Partner hinter ihrem Rücken zu schlafen scheint. Beim jüngeren Bild gebührt dem Mann die Denkerpose. Aber was geht in den Köpfen der Beteiligten vor? Gab es zuvor eine Vereinigung? Und was macht oder symbolisiert das Buch an der Seite des Mannes?

Antworten darauf finden sich schnell, und es finden sich viele. Sie alle sind gleichermaßen richtig wie falsch, weil es bei diesen Ölbildern nur darauf ankommt, Räume für unser Denken zu eröffnen. Die Hopper-Gemälde sind Ideen-Beschleuniger und Mutmacher, uns und unsere Situation besser zu verstehen und vielleicht auch Gründe für den Sexout zu finden. Hoppers Bett ist ein Schauplatz der Hermeneutik.

Wer den Sexout begreifen will, sollte sich zunächst fragen, was Sex eigentlich ist. Ein Spiel mit Möglichkeiten, sagt Schmid. Außerdem: "Wer mehr versteht, hat mehr vom Leben, auch mehr Sex." Das hört sich so kopflastig an, wie es der 62-Jährige auch meint. Denn für Schmid ist die Philosophie auch in Sexfragen eine wertvolle Therapie.

Bis zu einem gewissen Grad folgt man ihm dabei gern. Etwa bei der existenziellen Bedeutung von Sex und der Erfahrung von Ekstase: In der Verschmelzung mit dem Anderen werde die Vereinzelung des Menschen rauschhaft aufgehoben. Jeder ist dann im wahren Sinne außer sich. Darum erleben viele die Rückkehr aus diesem Zustand auch melancholisch.

Dass sämtliche Lebewesen nach der Vereinigung traurig sind, wusste bereits der griechische Philosoph Aristoteles: "Omne animal post coitum triste." Dagegen wird im Französischen der Orgasmus auch "la petite mort" genannt; der kleine Tod, der zumindest für einen kurzen Augenblick den großen Tod vergessen macht.

Sex ist vielleicht auch deshalb von so großer Bedeutung und Bedrängnis für die Menschen geworden, seit die Fortpflanzung in der Moderne nach den Worten Schmids "systematisch unterlaufen, unterbunden, abgeklemmt und operativ entfernt werden kann". Auch dadurch ist Sex für den Menschen wichtig geworden, um Beziehungen zusammenzuhalten.

Mit dem Sex steht viel auf dem Spiel, und wer am Sexout etwas ändern will, sollte dort anfangen, wo es am schwierigsten ist: bei sich selbst. Schmid rät zu einem maßvollen Narzissmus und ermuntert zu einem Weg der "Selbstbefreundung".

Ließe sich sonst noch etwas über Sex sagen? Aber ja doch, jede Menge. Schon deshalb, weil jede Erotik der Spannung zweier unterschiedlicher Menschen entspringt, ihren unterschiedlichen Erwartungen und Vorstellungen.

Dazu gehört die populäre "Häufigkeitsfrage", die Woody Allen – wie auch Hopper – in seinem Film "Der Stadtneurotiker" aus zwei Perspektiven beantworten lässt. In getrennten Sitzungen beantworten Mann und Frau die Frage des Therapeuten nach der Häufigkeit. "So gut wie nie, vielleicht drei Mal pro Woche", sagt er. Und sie: "Die ganze Zeit! Ich würde sagen, drei Mal pro Woche."

Quelle: RP
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