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Dem Himmel ganz nah

In einem Zug zu einem der großen Wunder dieser Welt: Mit dem "Hiram Bingham" unterwegs nach Machu Picchu. Von Bernd Schiller

Jesus serviert im Speisewagen ein leckeres Süppchen. Humberto empfiehlt den Wein zum Hauptgang. Barmann Henri zeigt voller Stolz die Flaschen, aus denen er später seinen Pisco Sour mixen wird, den besten auf der Südhalbkugel, wie ihm jemand ins Gästebuch geschrieben hat. Und Jorge und David, die beiden Musiker, sorgen vor und nach dem Essen zwischen Salonwagen und Aussichtsplattform für Stimmung.

Alles ganz toll. Aber die eigentliche Show läuft draußen ab, vor den Fenstern der Eisenbahn, die einem der Wunder dieser Welt entgegenrollt. Breit und schwer liegt der "Hiram Bingham", wie dieser feine Zug heißt, auf dem Schmalspurgleis. Langsam, ganz langsam schraubt er sich einem Bergmassiv entgegen, auf dem rund ums Jahr Schnee liegt, die gefrorenen Tränen Gottes, wie die frommen Indios die weißen Gipfel nennen. Noch aber, eine halbe Stunde nach Abfahrt vom Bahnhof Ollantaytambo, mühen sich auf den Feldern in knapp 2000 Meter Höhe Bauern hinter ihrem Holzpflug. Im Zug schauen die Passagiere ein wenig beschämt den Rucksackwanderern auf dem Inkatrail hinterher. Ein Stück lang verläuft er fast parallel zum Schienenstrang. Er ist eine Art Pilgerpfad für Backpacker aus aller Welt, die sich der sagenhaften Inkastadt Machu Picchu lieber in harten Tagesmärschen nähern wollen.

Längst haben die Zugreisenden Musiker und Barmann allein gelassen, das Essen ist kalt geworden. Nur noch schauen, nur noch staunen wollen sie: Da rauscht unmittelbar neben dem Gleis der Urubamba aus den Bergen in die Tiefe, ein Wildwasser-Fluss, der aus den legendenverklärten Höhen der Kordilleren in das Heilige Tal strömt und weiter durch Schluchten und vorbei an noch längst nicht erforschten Ruinen aus der Inkazeit, bevor es sich in den tropenheißen Urwäldern des Amazonasbeckens mit dem Rio Tambo zum Rio Ucayali vereint.

Der "Hiram Bingham" aber ist in entgegengesetzter Richtung unterwegs, nach Aqua Caliente, zur Endstation und "Service-Stadt" vor Machu Picchu. Von dort sind es noch ein paar Minuten Busfahrt, gefolgt von 20 Minuten Aufstieg über steile Stufen, vorbei an ein paar Lamas, die träge den Kopf heben. Noch eine Kurve, noch zwei Treppen, und dann halten alle den Atem an: Vor ihnen, dem Himmel ganz nah, öffnet sich der Vorhang zu einem Bühnenbild, das zu den dramatischsten der Welt gehört.

Hundert Mal haben die meisten Bahntouristen dieses Panorama schon auf Postkarten und Buchtiteln gesehen. Aber es ist wie mit den Pyramiden oder den Niagarafällen: Erst wenn man sie mit eigenen Augen sieht, wenn man die Dimensionen versteht, wenn sich, wie jetzt, plötzlich die Wolkenfetzen von zwei Kegelbergen lösen, dem mächtigen Huayna Picchu und dem Machu Picchu, dem Alten Berg, und den Blick freigeben auf das große Ruinenfeld, läuft wohl jedem Besucher, der das Staunen noch nicht verlernt hat, ein Schauer über den Rücken. "Es schien mir wie ein Traum". Diesen Satz notierte am 24. Juli 1911 der amerikanische Geschichtsprofessor und Archäologe Hiram Bingham, als er endlich die Stätte fand, von denen er die Indios der Gegend schon lange hatte erzählen hören. Fast 400 Jahre lang war es eine Art Geisterstadt gewesen, als Bingham, der Namensgeber für den Zug, die Ruinen dem Vergessen entriss. Bis heute hat niemand schlüssig das Geheimnis dieser gewaltigsten aller Ruinenstädte in den Anden gelöst: Festung, Königssitz, Kultstätte, religiöses Zentrum?

Warum haben die Inka den Ort, den sie um 1450 erbaut haben, vermutlich schon im selben Jahrhundert wieder verlassen? Um ihn nicht den Conquistadores zu überlassen, den spanischen Eroberern? Die jedenfalls, soviel ist sicher, haben ihn nie gesehen, sie sind wohl in ihrer Gier nach Gold schlicht daran vorbei gelaufen. Cusco, die schönste Stadt der Anden ganz in der Nähe, haben sie erobert. Machu Picchu aber blieb nur in den Legenden der Inka-Nachkommen im Hochland lebendig, bis Hiram Bingham vor 100 Jahren dort den Spaten ansetzte und die dramatisch schöne Ruinenstadt endgültig zum Mythos machte.

Am frühen Abend, wie an jedem Tag, fährt der Zug nach Cusco zurück. Draußen ist um diese Zeit nichts mehr zu sehen, aber die unglaublichen Bilder der vergangenen Tage sind gespeichert, digital und im Kopf. Humberto schenkt Wein aus, und Henri serviert im Barwagen einen Pisco Sour, der auch Hiram Bingham gefallen hätte: Grandioso, Amigo, einfach super !

Die Redaktion wurde von Belmond, Air France und KLM zu der Reise eingeladen.

Quelle: RP
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