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New Mexico
Hilfe, das Ufo ist weg!

Roswell und seine Ufo-Geschichte
Am Ortsausgang von Roswell haben Einwohner den Crash mit Pappfiguren nachgestellt. Ganz ernst gemeint ist die Kulisse offensichtlich nicht. FOTO: steve Przybilla
Fast 70 Jahre ist es her, dass in der Wüste von New Mexico ein Ufo abgestürzt sein soll. Seither ringt die amerikanische Kleinstadt Roswell mit ihrem Erbe: Soll man den Alien-Tourismus fördern oder das Ganze lieber vergessen? Von Steve Przybilla

Wäre Fox Mulder doch bloß real! Wahrscheinlich hätte die Polizei von Roswell den berühmten "Akte X"-Agenten längst zu Hilfe gerufen. Denn seit Ende März wird die amerikanische Kleinstadt von einem Skandal unbekannten Ausmaßes heimgesucht: Ihr Ufo ist weg! Jahrelang diente das nachgebaute Flugobjekt als Kulisse für das lokale Ufo-Museum. Bis es von drei Männern auf einen Pick-up-Truck verfrachtet und in einer Nacht- und Nebelaktion gestohlen wurde. Die Täter: flüchtig. Das Motiv: unbekannt. Ein weiteres Beispiel für eine große Verschwörung?

Neu sind mysteriöse Ereignisse in Roswell schließlich nicht. Im Juli 1947 findet der Farmer Mac Bazel mehrere Trümmer in der Nähe seiner Ranch. Er bringt sie zum Sheriff, der die nahegelegene Air-Force-Base (RAAF) informiert. Dann die Sensation: Bei den Wrackteilen soll es sich um die Überreste eines Ufos handeln, lässt die Air Force per Pressemitteilung verbreiten. Der "Roswell Daily Record" druckt die spektakuläre Nachricht, doch schon am nächsten Tag rudert das Militär wieder zurück: alles ein Versehen. Es handle sich schlicht um einen Wetterballon.

Vor dem Visitor Center wirbt ein R2D2-Briefkasten für den galaktischen Mythos der Stadt. FOTO: Steve Przybilla

Danach ist wieder Ruhe in Roswell. Erst in den 1970er-Jahren kocht die Geschichte abermals hoch. Auf dem Höhepunkt des Vietnamkrieges und der Watergate-Affäre ist das Vertrauen in die amerikanische Regierung schwer erschüttert. Warum sollte das Militär also nicht auch bei fliegenden Untertassen lügen?

Tatsächlich entpuppen sich viele "Erkenntnisse", die Ufologen verbreiten, später als Hochstapelei. Doch die Zweifel bleiben, und deshalb findet man in Roswell die Außerirdischen auch heute noch an jeder Ecke. Nicht mehr in Form von Trümmern, sondern als Postkarten, T-Shirts, Baseballcaps oder Gummipuppen. Die Tankstelle wirbt mit einem Metall-Ufo auf dem Dach; nebenan zeigt ein Papp-Alien auf die Einfahrt des Motels. Auf fast allen Straßenlaternen kleben schwarze Augen, die an Alien-Köpfe erinnern. Ganz zu schweigen vom "Ufo-McDonald's". Das Burger-Lokal ist in Form einer fliegenden Untertasse gebaut.

Auf der Main Street startet die Invasion erst richtig. Überall blinkt es und surrt es, und mittendrin: die Touristen. Stephanie Lemperis (33) und ihr Mann Chris (37) sind aus Kalifornien angereist, um Roswell einmal mit eigenen Augen zu sehen. "Wir wollen unbedingt die Absturzstelle sehen", sagt Chris, während er bedruckte T-Shirts durchstöbert. Ob er an den Ufo-Crash glaubt? Chris zuckt mit den Schultern. "Keine Ahnung. Auf jeden Fall ist es lustig in Roswell."

Außerirdische unerwünscht! - oder doch nicht? Die Stadtverwaltung fährt einen Zickzack-Kurs. FOTO: Steve Przybilla

Lustig - so geht es seit Jahren in der kleinen Wüstenstadt zu, in der nicht einmal 50.000 Einwohner leben. Jeden Juli, wenn sich der vermeintliche Absturz jährt, steigt ein bombastisches Ufo-Festival in Roswell. Drei Tage lang flanieren Menschen mit Aluhüten und grüner Gesichtsbemalung über die Hauptstraße. Im Museum lesen Ufologen aus ihren neuesten Büchern. Und die Kasse klingelt.

"Ganz ehrlich, ich habe meinen Laden wegen des Geldes aufgemacht", gesteht Randy Reeves (58), Inhaber der "Alien Zone" auf der Main Street. Seit einem Jahr glaube er aber wirklich an Außerirdische. "Ich war nachts auf dem Highway unterwegs, als plötzlich Tausende Ufos auftauchten. Ich dachte, das wäre eine Invasion." Man sollte erwähnen, dass Reeves als Pastor in einer Baptistenkirche predigt. "Gerade als Christen sollten wir offen für Neues sein", meint er. Ob Engel, Dämonen oder Außerirdische - für ihn nur eine Frage der Definition. Fast 40 Millionen Dollar spült der Alien-Tourismus jedes Jahr in die Stadt, behauptet zumindest das Ufo-Museum. Wer nach Roswell kommt, kauft nicht nur ein Akte-X-Poster, sondern geht essen, betankt das Auto und übernachtet im Idealfall noch im Hotel.

Die lokale Übernachtungssteuer kommt wiederum dem Ufo-Festival zugute. Ein Gewinn für alle, könnte man meinen. Doch so einfach ist die Sache nicht. Seit Jahren - eigentlich von Anfang an - ist die Ufo-Story umstritten. Gerade im konservativen Süden der USA gelten die "Gläubigen" häufig als Spinner. Als die Ufomanie in den 1990er Jahren sprunghaft anstieg, sorgten sich alteingesessene Einwohner um den Ruf ihrer Stadt. Der wirtschaftliche Boom konnte die Gemüter aber wieder beruhigen. 1998 lag die Arbeitslosenquote bei fast zwölf Prozent, heute hat sie sich halbiert.

FOTO: Verlag

Trotzdem geht die Auseinandersetzung weiter, wenn auch unter der Oberfläche. Im Walmart von Roswell zierten jahrelang Außerirdische die Wände. Doch vor Kurzem wurde alles überpinselt. Warum? "Weil sich Kunden über den Unsinn beschwert haben", erzählt eine Kassiererin. Auch im Ufo-Museum stehen die Zeichen auf Stagnation. Die Ausstellung - hauptsächlich eine Sammlung von Papierdokumenten - sieht aus, als sei sie seit 30 Jahren nicht erneuert worden. Ein lange geplanter teurer Neubau wurde 2011 plötzlich verworfen. Und jetzt das geklaute Ufo. "Die Hochzeiten des Ufo-Tourismus sind einfach vorbei", meint Dennis Kintigh (63), der Bürgermeister von Roswell. Natürlich hängt auch in Kintighs Büro ein Alien, doch anders als seine Vorgänger kann er damit wenig anfangen - und das, obwohl er selbst bei der Luftwaffe und später beim FBI gearbeitet hat. "Vielleicht bin ich ein Teil der Verschwörung", sagt Kintigh und lacht.

Kein Wunder, dass der Umgang mit dem Alien-Tourismus dem Zickzack-Kurs eines abstürzenden Ufos ähnelt. Vor einigen Jahren noch engagierte die Kommune eine Werbeagentur, um eine Kampagne rund um das "Mysterium Roswell" zu erschaffen. Heute rudert man eher zurück. "Ich sehe den Alien-Tourismus in einem anderen Licht", sagt Kintigh. "Viele Touristenjobs sind unterbezahlt, während einige wenige abkassieren." Keinesfalls wolle er den Tourismus verteufeln. "Aber wir haben viele andere Einnahmequellen, zum Beispiel Öl oder die Landwirtschaft."

Selbst die CIA nimmt die Ufos nur noch mit einem Lächeln zur Kenntnis. Anlässlich der neuesten Akte-X-Staffel veröffentlichte der Geheimdienst eine Liste mit freigegebenen Dokumenten, "die Mulder und Skully gerne in die Finger kriegen würden". Die Erkenntnisse der Top-Secret-Papiere lesen sich geradezu banal: So seien fliegende Untertassen extrem unwahrscheinlich, "weil Flugzeuge in einer Höhe von mehreren Tausend Meilen jenseits aller technischen Möglichkeiten liegen, inklusive unserer."

Und Bürgermeister Kintigh? Müsste er sich als ehemaliger FBI-Agent nicht auch mit "Akte X" identifizieren ? "Nicht wirklich", antwortet Kintigh, denn das Fernsehen werde der Realität einfach nicht gerechnet. Und überhaupt: "Ich habe die Serie nie gesehen."

Quelle: RP
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