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Nordrhein-Westfalen vor der Wahl
Der Schulfrieden und seine Folgen

NRW-Politiker schließen Schulfrieden
NRW-Politiker schließen Schulfrieden FOTO: dapd
Das nordrhein-westfälische Schulsystem ist unter Rot-Grün komplizierter geworden – in zwölf Gemeinschafts- und 42 Sekundarschulen lernen Kinder künftig länger gemeinsam. Die Kommunen, vor allem auf dem Land, hoffen auf neue Chancen im Kampf um die weniger werdenden Schüler. Gegen den Elternwillen ist aber auch die Politik machtlos. Von Frank Vollmer

Zweite Stunde. Bei Jutta Leyendecker steht die Klassentür offen. Noch bis 9.30 Uhr gilt in der Gemeinschaftsschule in Rheinberg im Kreis Wesel das Motto "Igel". Das steht für "Individuell gesteuertes Lernen" – zweimal pro Woche suchen sich die Kinder selbst aus, was sie wiederholen oder neu erarbeiten wollen.

In der Pause dürfen sie zwischen den Räumen und damit zwischen Deutsch, Mathematik und Englisch wechseln. Bei Jutta Leyendecker wird Mathe gemacht. Die Schüler bedienen sich an einem Tisch mit Übungszetteln. Wer will, kann auch einen der vier angebotenen Tests schreiben. Zwei muss jeder zu der mehrwöchigen Unterrichtsreihe absolvieren. Benotet werden die nicht – anders als die (für alle gleichen) Klassenarbeiten.

Ein Fünftel der Rheinberger Schüler hatte eine Empfehlung fürs Gymnasium, ein Viertel für die Haupt-, der Rest für die Realschule. Aber alle lernen zusammen. "Igel" ist dabei ein Kernstück. Die Gemeinschaftsschule wiederum ist ohne Rot-Grün unvorstellbar. Schüler länger gemeinsam lernen zu lassen, war zentrales Ziel der grünen Schulministerin Sylvia Löhrmann.

Zwölf Gemeinschaftsschulen wie Rheinberg sind 2011 aus ihrem Plan hervorgegangen, eine neue Schulform am Landtag vorbei, als "Schulversuch", einzuführen. Das stoppte das Oberverwaltungsgericht und forderte ein Gesetz – Rot-Grün musste parlamentarische Mitstreiter suchen und fand sie in der CDU. Ergebnis war 2011 der zwölfjährige "Schulfrieden" mit der neuen Sekundarschule, an der alle Kinder bis mindestens Klasse 6 gemeinsam lernen. 42 Sekundarschulen starten im Sommer.

Sekundarschule, Gemeinschaftsschule – der Schulkonsens hat die Lage im Land nicht übersichtlicher gemacht. Die Gemeinschaftsschulen wie Rheinberg müssen sich nun binnen sechs Jahren in eine Sekundar- oder eine Gesamtschule umwandeln. In Rheinberg hat man sich für die Gesamtschule entschieden, weil man eine eigene Oberstufe anbieten möchte. Das ist Sekundarschulen nicht erlaubt.

Die Ministerin erklärt das große Interesse an den neuen Schulen – immerhin wird im Sommer jede achte Kommune im Land eine Sekundar- oder Gemeinschaftsschule haben; das Schulministerium rechnet mit 200 Sekundarschulen bis 2015 – mit dem Wunsch der Eltern nach längerem gemeinsamem Lernen. Norbert Giesen, Schulleiter in Rheinberg, sieht das etwas anders. "Die Eltern suchen Schulen, die möglichst den höchsten Abschluss anbieten", sagt er. Für das längere gemeinsame Lernen müsse man dagegen bisweilen noch werben: "Manche haben zunächst Bedenken gegen die heterogenen Lerngruppen." Giesen ist aber überzeugt: "Erst die Mischung macht's."

NRW im Jahr eins nach dem Schulfrieden – das ist einerseits die Sorge vieler Eltern, eine weiterführende Schule zu finden, die ihrem Kind nichts verbaut (eine neue Allensbach-Studie spricht von "Bildungspanik"). Das ist aber auch der Kampf der Kommunen um die weniger werdenden Schüler. Bis 2019 dürfte die Schülerzahl um fast ein Sechstel sinken. Vielerorts bedeutet das: Schulen, die nicht zum Abi führen, sind nicht zu halten. Schulen aber sind ein Standortfaktor.

Beispiel Rheinberg: Fast 80 Prozent der gut 300 Viertklässlern werden im Sommer im Ort bleiben. Sie lernen an der Gemeinschaftsschule oder am Gymnasium nebenan. Dagegen werden 60 Prozent der heutigen Viertklässler aus dem Nachbarort Alpen anderswo zur Schule gehen. Die als Reaktion auf die Rheinberger Gemeinschaftsschule gegründete Sekundarschule hat zwar 97 Anmeldungen – von denen kommen aber nur 45 aus Alpen selbst.

Eine Sekundarschule macht eine Kommune offenbar nicht automatisch zum Schüler-Magneten. "Natürlich wollen wir für die Eltern ein attraktiver Schulstandort bleiben", sagt Ludger Funke vom Fachbereich Schule der Gemeinde Alpen: "Wir hoffen deshalb, dass die Sekundarschule weitere Alpener Kinder anzieht." Das Ziel, dass Alpener Eltern ihre Kinder in Alpen anmelden, sei in Gefahr, warnt dagegen SPD-Fraktionschef Viktor Illenseer. Seine Sorge: Weitere Sekundarschulen nahebei, in Xanten oder Wesel, könnten die Abwanderung noch verstärken. "Aber ohne weiterführende Schule verliert ein Ort seine Identität."

Olaf Köller, Bildungsforscher an der Uni Kiel, hält das Ziel der Kommunen, möglichst viele Schüler am Ort zu halten, für "etwas naiv": "Die entscheidenden Veränderungen sind nicht politisch gesteuert. Gegen die Bildungsansprüche der Eltern ist kein Kraut gewachsen." Sprich: Wer das Gymnasium will, den hält auch eine Sekundarschule nicht am Ort.

Dass Schulpolitik gegen den Elternwillen aussichtslos ist, weiß auch die Ministerin. Und so vertraut Löhrmann fürs Erste auf den Markt, sprich: das Wahlverhalten der Eltern. "Wir sehen uns den Entwicklungsprozess jetzt bis 2023 an, und danach müssen wir entscheiden", sagt sie. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass neben dem unangreifbaren Gymnasium die Sekundarschule zum Kern einer zweiten Säule wird, die die restlichen Schulformen aufnimmt. Von "Revolution" spricht die Ministerin in den (nicht eben häufigen) Momenten öffentlich gezeigter Euphorie über das neue Schulsystem fürs Land.

Rheinberg steht in dieser Umwälzung an der Spitze – auch wenn Schulleiter Norbert Giesen nicht immer wie ein Bildungsrevolutionär spricht. "Wir machen hier keinen Wohlfühlunterricht auf Kosten der Leistung", sagt er beispielsweise, und: "Der Starke hat das gleiche Recht, gefördert zu werden, wie der Schwache. Wir können nicht alles gleichmachen." So manche alte Gewissheit gilt nicht mehr im Jahr eins nach dem Schulfrieden.

(RP/csi/pst/rm)
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