| 00.00 Uhr

Dinslaken
Den Göttern in die Suppe gespuckt

Dinslaken: Den Göttern in die Suppe gespuckt
Antigone (David Zieglmaier) ist tot, alle Fragen sind offen: Stephanie Obermaier-Staltmeier (Kreon) und Carsten Caniglia (Ismene) suchen nach Antworten. FOTO: MB/LTB
Dinslaken. Drei Morde – einer auf, zwei hinter der Bühne. Die Botschaft: Sophokles vergessen. Mathias Mertens denkt "Antigone" völlig neu. Seine an die antike Tragödie angelehnte Fassung ist radikaler als das Original. Die Uraufführung an der Burghofbühne verstörte und erntete zugleich kräftigen Beifall. Von Ralf Schreiner

Mathias Mertens macht aus Ödipus' Tochter eine Fundamentalistin. Das Recht des Einzelnen auf Widerstand gegen die Staatsgewalt und zu Unrecht ausgeübte Macht schließt für sie das Recht zu töten ein. Kreon, neuer König von Theben, lässt Eteokles, einen der gefallenen Brüder Antigones begraben. Der andere, Polyneikes, Rebell und Staatsfeind Nummer eins, soll auf offenem Feld verwesen.

Ihm die letzte Ehre zu erweisen, ist bei Todesstrafe verboten. Antigone tut es trotzdem und fordert damit ihren Onkel heraus. Anders als Sophokles, der mit diesem Stück 442 vor Christus eine der größten Tragödien der Antike schuf, lässt sich Mertens auf keinerlei Kompromisse oder diplomatische Spielchen ein. Seine Antigone erduldet nicht den Tod, indem sie sich im Kerker erhängt. Sie spuckt den Göttern in die Suppe und fordert den Despoten zum Duell.

Fanatismus und Wahnsinn

Als Kreon darauf beharrt, dass der Staat den Gehorsam der Bürger notfalls erzwingen muss, ersticht sie zuerst die Tante Eurydike, Kreons Weib, dann killt sie seinen Sohn Haimon, ihren Verlobten. Der Geliebte soll sie nicht leiden sehen.

Regisseur Cornelius Demming hat für das mit 65 Minuten ebenso kurze wie wortgewaltige Stück verstörende Bilder gefunden. Angelehnt an die Aufführungspraxis der griechischen Tragödie sind die Frauenrollen mit Männern besetzt. David Zieglmaiers Antigone ist eine Revoluzzerin in T-Shirt und Turnschuhen, hinter der Maske der Beharrlichkeit flackert Fanatismus, in den sich am Ende, als sie mit dem Messer Tabula rasa macht, eine kräftige Portion Wahnsinn mischt. Carsten Caniglia beeindruckt als Ismene. Sie ist die zentrale Figur in Mertens Stück, das nicht die Auseinandersetzung zwischen Kreon und Antigone, sondern das Ringen der beiden Schwestern um das, was richtig und falsch, recht und unrecht ist, in den Fokus rückt. Stefanie Obermaier-Staltmeier gibt einen beeindruckenden Kreon. Ganz pflichtbewusster, harter Herrscher, völlig blind gegenüber Anderdenkenden, handelt er nach dem Gesetz der antiken Tragödie, nach dem ein Schicksal gerade durch das Tun, mit dem es abgewendet werden soll, um so rascher herbeigeführt wird.

Kay Antonys Bühne ist eine Symphonie in Grau und Schwarz. Die schiefergraue Kulissenfahne, die der Mann mit dem Hut auf das Schlachtfeld tropfen lässt, erinnert an einen riesigen Grabstein. "Niemand hat das Recht", steht darauf. Später wird das erste Wort durch ein blutrotes "Jeder" ersetzt werden. Zwischen Steinen, zerbrochenen Kapitellen und zerschlagenen Statuen rollen Soldatenhelme durch den Staub. Bleierne Zeit. In diesem Palast riecht es nach Tod und Verwesung. Der Gestank vertreibt sogar die Götter. Es ist der richtige Ort für Sätze, in denen von Aas, Maden und Eingeweiden die Rede ist. "Polyneikes Sargtuch wird ein Pelz aus Fliegen sein", sagt Ismene. Und Antigone stellt fest: "Keinen Schmerz, den Zeus uns nicht in die Fresse haut."

Mathias Mertens Sprache ist direkt, heftig, herausfordernd und irritierend. All die Sätze, die er als wuchtige Wahrheiten aus dem Steinbruch der Geschichte sprengt, zu verstehen, erfordert Konzentration. Es strengt an, den drei Schauspielern dabei zuzusehen, wie sie sich unerschrocken durch diesen ungeheuer dichten Text kämpfen, darin verborgene poetische Perlen aufspüren, um sich gleich darauf in zermürbenden Dialoge auf der Seele herumzutrampeln.

Es strengt an, all das Gesagte, das da von der Bühne in den Saal der Kathrin-Türks-Halle geschleudert wird, sekundenschnell zu verdauen. Und es ist für das Publikum schon allein deshalb ein großer Kraftakt, weil niemand – auch wenn die Wörter einen glatt zu erschlagen drohen – auch nur einen Satz verpassen möchte. Wer das alles aushält, wird belohnt – mit neuen Sichtweisen auf alte, nur scheinbar in Stein gemeißelte Wahrheiten.

Zweifel an der Wahrheit

Als Kreon am Ende Antigone im Zweikampf ersticht, gerät die alte Ordnung aus den Fugen. Der Despot zerbricht, wird zur willenlosen Puppe, die leblos ins Nichts blickt. Ismene hebt ihn aufs Podest. Als Zepter drückt sie ihm einen Staubsauger in die Hand und macht ihn damit vollends zur Karikatur. Sie selbst setzt sich die Krone auf. "Die Zeit ist es, die die Dinge verändert, nicht der Mensch", sagt sie in ihrem Abschluss-Monolog und trägt damit zur weiteren Verstörung bei.

Die "mit allen Abwassern Gewaschene" lässt sich nichts vormachen. Schon gar nicht von Ereignissen, die 2450 Jahre zurückliegen und vom Sieg der Menschlichkeit über staatliche Willkür erzählen. Ist das, was uns als Wahrheit überliefert wird, tatsächlich wahr? Oder ist es nur geschönte Deutung? Zweifel sind angebracht.

"Die Überlebenden schreiben die Geschichte", sagt Ismene. "Die Sieger! Mir geht's gut." Kräftiger Applaus für eine spannende, mutige Inszenierung mit drei großartigen Schauspielern.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Dinslaken: Den Göttern in die Suppe gespuckt


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.