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Dinslaken
Es lebe die Bude - mit Veilchen und Slam

Dinslaken: Es lebe die Bude - mit Veilchen und Slam
"Und plötzlich ist da ein neuer Mensch": Sven Hensel beim Poetry-Slam vor dem Kiosk am Neutorplatz. FOTO: Heiko Kempken
Dinslaken. Zum 1. Tag der Trinkhallen schoss Poetry-Slam-Meister Sven Hensel vor dem Kiosk am Neutorplatz Verbal-Raketen ab - mit einem Zuckerbonbon-Kettchen am Handgelenk. Aktionen gab' s auch an der Blauen Bude in Lohberg. Von Bettina Schack

Für zwei Cent die Zeit zurückdrehen, das gibt es nur an der Trinkhalle. Denn soviel kostet dort ein Knöterich-Bonbon mit dem dicken Kreuz darauf oder ein nach Veilchen schmeckendes Viola. Noch am Freitagabend kam das Gespräch auf die bunte Tüte vom Büdchen als Kindheitserinnerung bei einer Runde von Galeriebesuchern in Lohberg mehr oder weniger zufällig auf, geweckt durch die Illustration einer solchen Szene von Barbara Grimm. Am Samstag dann feierte die Ruhrtourismus GmbH die Mini-Lädchen, die seit den 1850er Jahren im Revier Treffpunkte und Nahversorger sind.

Die Zechen sind verschwunden, die Bude bleibt. In Dinslaken schaffte es der Kiosk am Neutorplatz mit Kunst und Poetry Slam ins offizielle Programm, auf der Hünxer Straße trafen sich Forum Lohberg und Wirtschaft vor Ort vor der Fassade der Blauen Bude und der Shanty Chor Hiesfeld und Pont Neuf traten im Auswärtsspiel in Duisburg-Ruhrort an.

Der Kiosk am Neutorplatz fällt durch seine moderne Architektur auf, die gemischte Tüte, für die Weingummi und Lakritz stückweise zum Cent-Preis geordert werden, ist geblieben. Süße Erinnerungen, offenbar unwiderstehlich. Sven Henschel, Poetry-Slam-Meister in der U20-Liga in NRW, feuert seine Verbal-Raketen vom ersten Kennenlernen - mit einem Zuckerbonbon-Kettchen am Handgelenk ab. Seine wortgewaltige Poetry-Rap-Performance mit Mikro und vollem Körpereinsatz bannt nicht nur die Kulturinteressierten auf den pinkfarbenen Karton-Hockern vor der Bude, er zieht an diesem sonnigen Shopping-Samstagnachmittag die Hälfte aller Blicke auf dem belebten Neutorplatz auf sich.

Marlies Heep und Uwe Friebe haben sich bewusst mit einem Poetry-Slam-Format für den 1. Tag der Trinkhallen beworben, "es ist so jung und anders wie die Fassade des Kiosks", sagt Friebe.

Die Slammer sind keine Dinslakener, die Mischung macht's, heißt es auch für alle Beteiligten am ruhrgebietsweiten Aktionstag. Der Essener Jay Nightwind entlarvt die Angst vor "Überfremdung" mit dem Bild einer aus der Balance kippenden Waage als Defizit ("wo es ein über gibt, muss es auch ein zu wenig geben"), die Studentin Felicitas Friedrich aus Bochum zieht es auf Parties, "um mit der Nacht zu verschmelzen", statt "Bücher zu wälzen", die Aachenerin Luca Swieter resümiert, dass ihr Bestreben in der Pubertät, echt cool zu sein, ziemlich uncool war.

Rainer Holl eröffnete den Poetry Slam, mit einer Performance, in der man nicht nur die "dumpfwummernden, dumpfstampfenden Beats" seiner Texte tatsächlich spüren konnte, er legte ein Bekenntnis für den Kiosk ab: "Wir sind Budisten auf einem budistischen Kreuzzug", von Bude zu Bude in der Dortmunder Nordstadt und von Bier zu Bier. Die Bude als Trink-Halle.

Auf dem Neutorplatz ist die Bude am Samstag eher ein Kunst-Kiosk. Charly Weythen aus Wesel hat seine Bilder mitgebracht, bunte Mischtechniken mit echten Muscheln auf Meeresblau und roten Seidenblumen auf Sand. Aber auch seine Architekturphantasien kann man käuflich erwerben: als praktische Vogelhäuschen.

Den Kiosk am Neutorplatz gibt es am Samstag doppelt: real und als Modell von Charly Weythen. Die blaue Bude "Kleine Zeche" in Lohberg wird dagegen erst ab Ende November wieder aufgebaut. Gefeiert wurde dort trotzdem mit Nostalgie zum Neuanfang. Sinalco stellte Jugendstilwerbung von 1904 zur Verfügung, Stephan Beer spielte auf einer seiner Drehorgeln Berliner Lieder und Evergreens. Der Sammler besitzt sogar eine Kirmesorgel von 1905 der Mülheimer Firma Wellershausen. "Aber die ist so groß, die steht auf einem Anhänger."

Die Tricks von Zauberer Mandino dagegen passen sogar in eine Streichholzschachtel. Der Oberhausener lässt Karten verschwinden, und "Mutige" halten sogar ihre Finger hin, wenn er das Fallbeil seiner Mini-Guillotine herabsausen lässt. Passieren kann natürlich nichts, es ist ja nur ein Trick. Kein Trick ist es allerdings, was bald mit der Fassade der Blauen Bude geschieht: Sie wird hinter die Zechenmauer gehoben, um den Bauplatz für den neuen, alten Kiosk freizumachen, der im Dezember eingeweiht werden soll.

Quelle: RP
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