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Kolumne Neu In Der Stadtbibliothek
Glück besteht aus Buchstaben

Dinslaken. Nach der Vorstellung einiger herausragender und vieldiskutierter neuer Romane soll der Blick hier wieder einmal auf ein Buch jenseits der Bestsellerlisten gerichtet werden, das gleichwohl überaus lesenswert ist: "Glück besteht aus Buchstaben" von Karin Schneuwly. Das literarische Debüt der 1970 geborenen Schweizer Literaturwissenschaftlerin und Lektorin ist eine Autobiografie sehr ungewöhnlichen Zuschnitts, der Lebensrückblick einer End-Vierzigerin und zugleich die Geschichte ihrer Lektüren.

Die Autorin vergegenwärtigt die wichtigsten Stationen im Leben einer begeisterten Leserin, für die ihre Leseerfahrungen immer aufs Engste mit Lebenserfahrungen verknüpft waren und wirbt dabei gleichzeitig mit einer ansteckenden Begeisterung für die Abenteuer des Lesens.

Karin Schneuwlys Weg zu einer Literatur-Liebhaberin und Literatur-Expertin war ihr keineswegs vorgezeichnet. Sie wuchs in einem kulturfernen Elternhaus auf, in dem es nur drei Bücher gab: die Bibel, ein medizinisches Handbuch und (im Schlafzimmer versteckt) ein Liebes-Ratgeber. Sie entdeckte die Welt der Bücher so auf eigene Faust in ihren Kinder- und Jugendjahren, begann mit Pixi-Bänden, "Heidi" und "Hanni und Nanni" und wechselte im Alter von Zwölf/ Dreizehn fast übergangslos zu Thomas Manns "Tod in Venedig" und Tolstois "Krieg und Frieden". Und was immer sie las, es veränderte stets auch ihre Wahrnehmung der Wirklichkeit und damit ein Stück weit auch ihr Leben.

Die Autorin vergegenwärtigt ihre wichtigsten Lebensstationen und Lebens- (und Lese-) Erfahrungen in ungewöhnlicher atmosphärischer Dichte und in einer temperamentvollen und farbigen Sprache: das (gelegentliche) Vorlesen der Mutter, der erste Schultag, die Entdeckung der Öffentlichen Bibliothek, die ersten selbstgekauften Bücher, der erste Orgasmus beim Lesen, der erste Sex und die erste, schwierige Liebesbeziehung - mit einem Bibliothekar.

Durch alle aufregenden und prägenden Erlebnisse dieses Lebens zieht sich wie ein roter Faden die enge Wechselwirkung von Lektüre- und Lebenserfahrungen. Am Ende steht allerdings die Erkenntnis, dass wir aus den Büchern zwar große Glücksgefühle und auch tiefe Weisheiten schöpfen können, dass unser Leben aber immer jenseits der Bücher auf uns wartet. Aber das, was wir erleben, bekommt seine Intensität und seine Tiefe immer erst von den Erfahrungen, die wir in und mit den Büchern gemacht haben.

Die genaue Ausleuchtung dieses Ineinander-Verwoben-Seins von Lesen und Leben und die erzählerisch dichten und oft spannend zu lesenden Einzelepisoden machen die besondere Qualität dieser anrührenden Autobiografie aus.

RONALD SCHNEIDER

Schneuwly, Karin: Glück besteht aus Buchstaben; Nagel & Kimche Verlag, 2017

Quelle: RP
 
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