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Dinslaken
"Stille Nacht" nach Art der Bee Gees

Dinslaken. Jazz Initiative: Im Ledigenheim sorgten die Moving Krippenspielers für einen irrwitzigen Abend. Von Bettina Schack

Die Zuschauer werden nie erfahren, was die sieben Herren und eine Dame in den ulkigen Kostümen von der karierten Schürze bis zum Elchkostüm im Weihrauch hatten, aber dessen können sie sicher sein: Das Jazzkonzert im Ledigenheim ("Wir wissen nicht, ob es Theater mit Musik ist oder Musik mit Theater", gestand Johannes Hermens vorab) war mit das Komischste, was die Jazz Initiative Dinslaken in ihrer bisherigen Geschichte aufs Programm gesetzt hat.

Die Moving Krippenspielers, darunter mit Matthias Schriefl der herausragende Bläser seiner Generation, übten sich, wie ihr Name schon sagt, in der weihnachtlichen Tradition des Krippenspiels. Aber was acht Jazzern, die weder musikalisch noch inhaltlich irgendwelche Grenzen kennen, alles einfällt, wenn sie den Ansatz "Die Kirche muss sich modernisieren, die Leute wollen etwas Neues" verfolgen, grenzt an Wahnsinn nach Noten. Dabei hat das Oktett doch einfach nur Weihnachtslieder gespielt... Allein die Besetzung gibt eine Ahnung von dem, was dem Publikum akustisch um die Ohren flog: Ein Alphornduo mit Tabla-Begleitung, Tuba-Trio und Russen-Techno mit Doppel-Schlagzeug.

Dazu Bratschen, Kontrabass, Holz und Blech und ein Synthesizer. Halt alles was man braucht, um "Es ist schon gleich dumpa" mit Schamanengesang zu untermalen oder aus "Stille Nacht" eine funky Rockjazz-Nummer mit Bee Gees-Stimmen zu machen. "Es war nicht gestern. Es war auch nicht letztes Jahr", improvisiert Simon Rummel in Gospelprediger Manier. Nein, "Morgen kommt der Weihnachtsmann", vertreibt den Blues und lässt die Combo Samba tanzen. Und wenn mal nicht die Stil-Mühle malt, spielt zumindest Bassist Alex Morsey in einer anderen Tonart oder werden Liedpassagen wie mit einem alten Tonbandgerät vorgespult. Im Solo der zwei (!) Schlagzeuger in "Kling Glöckchen" ist dafür die Publikums-Animation inklusive. Wen wundert's da, dass auch im Krippenspiel nichts heilig ist. "Gegrüßet seist Du, Josef", sagt der "Erzengl" Michl zu Schlagzeuger "Josef" Marcel Kolvenbach. Denn wenn schon alles anders ist, hat auch Josef und nicht Maria schwanger zu sein. Liebhaber hat der tölende Klischee-Typ dieser Krippenparodie mit dem lila Kajalstrich genug, von den Hirten über Herodes bis zum "Asylant aus dem Morgenland". Zum Schluss ist Matthias Schriefl Elch-Vater und Sohn zugleich. Im Stall, in dem der Rest der Krippenspielers sich zu Schafen und Eseln machen, verkündet er die Botschaft, "gehet hin in Freude". Freude hatte das Publikum vor allem an den Arrangements. Denn was die Krippenspielers rein musikalisch auf ihren Instrumenten boten, machte den überbordenden Irrsinn auf der Bühne allemal wett.

Quelle: RP
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