| 00.00 Uhr

Unsere Woche
Wie die öffentliche Hand zum Moloch wird

Dinslaken. Warum wir uns ernsthaft fragen sollten, welche Leistungen wir von der öffentlichen Hand erwarten und ob sie tatsächlich dazu da ist, uns das Zusammenleben so bequem wie möglich zu machen.

Jetzt mal unter uns. Wie ist das eigentlich bei Ihnen? Wenn Sie in Urlaub fahren oder wenn Sie krank sind. Wer übernimmt dann Ihre Aufgabe, die Mülltonne vom Grundstück an die Straße zu rollen, wenn die Müllabfuhr kommt? Der nette Nachbar? Bekannte oder Verwandte? Ein Freund?

Warum diese Fragen? Nun ja, in Dinslaken werden Sie sich darüber demnächst wohl keine Gedanken mehr machen müssen. Die Stadt will einen zusätzlichen Holservice anbieten, der nicht an der Grundstücksgrenze Halt macht. Die Mitarbeiter des DIN-Service holen die Tonne dann auch vom Grundstück, auf Antrag und gegen Gebühr. Die CDU-Fraktion hat das mit Blick auf behinderte, gesundheitlich eingeschränkte Menschen und Senioren, denen es schwerfällt, die Mülltonne zur Straße zu transportieren, beantragt.

Das ehrt die CDU, das ehrt die Verwaltung, die sich gleich eine Möglichkeit zur Umsetzung dieses Angebots ausgedacht hat und das ehrt den gesamten Rat, der die Dinge jetzt auf den Weg gebracht hat. Es wirft allerdings auch einen verstörenden Blick auf den Zustand dieser Gesellschaft. Wo sind die Nachbarn, Freunde, Angehörigen, die ohne Aufhebens darum zu machen, zur Stelle sind, wenn's nötig ist und helfen, wo's mit ja nun wirklich überschaubarem Aufwand erledigt werden kann. Warum muss so etwas von der öffentlichen Hand geregelt werden?

Die Antwort auf diese Fragen findet sich auf zwei Seiten einer Medaille. Offenbar gibt es immer mehr Menschen, die glauben, dass der Staat die Aufgabe hat, das Zusammenleben umfassend zu regeln, damit es für sie möglichst bequem ist. Und offenbar traut die Politik den Menschen nicht mehr zu, viele Angelegenheiten, die in einer Bürgergesellschaft eigentlich selbstverständlich sein sollten, zu regeln, ohne dass sie eingreift. Für beide Betrachtungsweisen gibt es inzwischen hinreichend Belege. Das aber, bitteschön, kann's doch nicht sein. Auf diese Weise wird die öffentliche Hand zum Moloch, der sich in alle Bereiche des menschlichen Zusammenlebens drängt und dabei auch noch jede Menge Geld verschlingt. Gut, im Dinslakener Beispiel soll's kostenneutral abgehen, weil ja eine zusätzliche Gebühr erhoben wird. Daran, dass das tatsächlich so ist, sind allerdings Zweifel angebracht. Was beispielsweise ist mit finanziell schwach gestellten Menschen, die den Service zwar bräuchten, ihn sich aber nicht leisten können? Von denen soll's ja zum Beispiel unter Senioren einige geben. Sollen die leer ausgehen?

Es wird höchste Zeit, dass wir uns alle mal wieder etwas mehr mit der Frage beschäftigen, was wir selbst tun können, statt ständig danach zu rufen, dass die öffentliche Hand die Dinge regelt. Und die Politik sollte öfter mal den Mut haben, deutlich zum machen, wo die Grenzen staatlichen Leistungsvermögens liegen. Darüber wird man sich in dem je speziellen Fall streiten können und müssen, aber es geht um die grundsätzliche Einstellung.

Ich wünsche Ihnen ein angenehmes Wochenende.

Ihre Meinung? Schreiben Sie unserem Autor: joerg.werner@rheinische-post.de

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Unsere Woche: Wie die öffentliche Hand zum Moloch wird


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.