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Gruiten
Verbrechen verbindet Haan mit Hadamar

Gruiten: Verbrechen verbindet Haan mit Hadamar
Mit einem formlosen Schreiben wurde die Familie Löhr am 13. Oktober 1943 darüber informiert, dass Frieda Löhr nach Hadamar verlegt wurde. FOTO: privat
Gruiten. Heute vor 70 Jahren ist die frühere Tötungsanstalt der Nazis im hessischen Hadamar befreit worden. Unter vielen tausend Euthanasie-Opfern war auch Frieda Löhr aus Gruiten. Von Ralf Geraedts

57 Jahre alt war Frieda Auguste Löhr, als sie am 1. November 1943 "plötzlich an Herzversagen und Erschöpfung" verstarb. Drei Wochen zuvor war sie aus der Landesheilanstalt Eichberg bei Eltville im Rheingau in die Landesheilanstalt Hadamar bei Limburg an der Lahn verlegt worden. Darüber wurde die Familie in Gruiten per Schreiben am 13. Oktober 1943 informiert: "Wir teilen Ihnen mit, dass Ihre Schwester, Fräulein Frieda Löhr, am 12. Oktober 1943 in die hiesige Anstalt verlegt wurde." Weiter hieß es in dem formlosen Schreiben: "Besuche sind für die Dauer des Krieges nicht gestattet."

Magdalene, die Schwester von Frieda Löhr, bat das Heim, die Verstorbene zur Beerdigung nach Gruiten überführen zu lassen. Um die Überführungskosten aufbringen zu können, verkaufte sie den Familienschmuck ihrer Mutter und Großmutter. Als der Sarg in Gruiten eintraf, hatte Pastor Koch wohl eine Ahnung, dass damit etwas nicht stimmen könnte. Der Pastor öffnete mit Genehmigung der Schwester den Sarg und fand darin nur Steine und Müll - etwa im Gewicht eines ausgemergelten Körpers.

Udo Koch-Mehrin, Sohn des früheren Gruitener Pastors, hat jetzt das Schicksal von Frieda Löhr anhand von Briefen rekonstruiert, die sich im Besitz von Elke Schmidt, einer Großnichte der Schwestern Löhr, befinden. "Wenige nur wussten damals, dass geistig und körperlich behinderte Menschen seit 1941 von der NS-Bürokratie in so genannte Euthanasie-Kliniken gebracht wurden, um sie dort gezielt zu töten", berichtet Koch-Mehrin.

Die Tragödie hatte irgendwann im Jahre 1910 begonnen. Der Vater von Frieda Auguste Löhr, ein streng gläubiger Diakon aus Katzenelnbogen, verbot seiner Tochter die Heirat mit dem Mann, den sie liebte. Ein Jahr später wurde die damals 25-Jährige krank, wurde schwermütig und litt an Depressionen. Sie sprach kaum und aß sehr wenig. Bis zu ihrem Tod lebte sie überwiegend in Pflegeheimen oder verbrachte Zeiten zu Hause, wo sie ein wenig im Haushalt helfen konnte. In Gruiten lebte die Familie Löhr bereits seit 1905 - im Haus Bahnstraße 58. Mancher Gruitener wird Magdalene Löhr (gestorben 1961) noch kennen, die in der evangelischen Gemeinde ehrenamtlich tätig war und einen Frauen-Missionskreis und den Kindergottesdienst-Helferkreis leitete.

Als Frieda ab 1942 wieder einmal zu Hause war, besprach ihre Schwester sich mit Pastor Johann Koch wegen der umlaufenden Gerüchte um die Euthanasie und hoffte auf einen guten Rat. Der Pastor besuchte seinen Amtskollegen vom Pflegeheim Tannenhof in Lüttringhausen und bat darum, sich für eine gute und sichere Betreuung einzusetzen. Doch nur wenige Tage konnte Frieda dort bleiben, weil der Tannenhof in ein Lazarett umgewandelt wurde. Magdalene Löhr brachte ihre Schwester am 8. März 1943 in das evangelische Pflegeheim Hausen (Wied) bei Linz. Bis Frieda am 9. Juli 1943 nach Eltville gebracht wurde, besuchte Magdalena ihre Schwester mehrfach. In Eltville stellte sie bei einem Besuch eine bedrohliche Unterernährung fest und vereinbarte mit dem Heim - gegen zusätzliche Zahlung - eine bessere Verpflegung. Dass Frieda sie je erhalten hat, ist nicht sehr wahrscheinlich.

Quelle: RP