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Kamp-Lintfort
Auf Kutschfahrt durch die Heimat

Kamp-Lintfort: Auf Kutschfahrt durch die Heimat
Kamp-Lintfort. Heinz Ermen ist Niederrheiner mit Herz und Seele. Früher Landwirt, führt er auf dem Hof in Saalhoff jetzt mit seiner Frau Waltraud ein Gästehaus. Den Gästen zeigt er seine geliebte Heimat gerne vom Kutschbock aus. Von Josef Pogorzalek

Heinz Ermens persönliches "Herzbarometer" besteht aus einem Kirschholzbrett, in das er drei Herzen geschnitten hat. Das oberste schlage für seine Familie, das mittlere für die Heimat, das dritte für die Natur. Man könnte auch sagen: Die Heimat nimmt bei ihm einen zentralen Platz ein. Denn Heimat, das sei genauso gut das Lachen seiner Enkel wie das Leuchten des bunten Herbstlaubes. Es seien die Nachbarn, mit denen es sich gemütlich quatschen lässt, die Feldwege, auf denen er jedes Schlagloch kenne, die Bäume, der süßwürzige Geruch des niederrheinischen Heus . . .

Rein örtlich betrachtet, liegt Heinz Ermens Heimat in den Feldern von Saalhoff, wo er an der Altfelder Straße zusammen mit seiner Frau Waltraud ein Gästehaus betreibt. Ein Teil der Gästezimmer und Ferienwohnungen liegt im ehemaligen Schweinestall, ein anderer im einstigen Kuhstall. Vor 17 Jahren haben sich die Ermens von der Landwirtschaft zum Beherbergungsbetrieb umorientiert. Es habe damit angefangen, dass Unterkünfte für Männer gesucht wurden, die auf der Baustelle des Entsorgungszentrums Asdonkshof gearbeitet haben. "So haben wir Gästeluft geschnuppert."

Geschäftsreisende, Arbeiter auf Montage oder Leute, die ihre am Niederrhein wohnenden Verwandten besuchen, kommen im Gästehaus Ermen unter. Auch Familien, die für ein paar Tage "Urlaub auf dem Bauernhof" machen. "Die Leute kommen aus ganz Deutschland. Viele sind erstaunt, wie schön und grün der Niederrhein ist", sagt Ermen. Der 66-Jährige hat bestimmt schon manchem Gast die Augen für die Besonderheiten seiner Heimat geöffnet, über die er tausend Geschichten und Anekdoten aus dem Ärmeln zu schütteln weiß.

Zum Beispiel über den Hof selbst, der seit vielen Generationen im Besitz der Familie ist. Eine Katstelle sei er ursprünglich gewesen, das Haus landwirtschaftlicher Tagelöhner, die höchstens ein Pferd und ein paar Kühe hielten. "In der Geschichte der Abtei Kamp taucht der Hof nicht auf", weiß Heinz Ermen, der Mitglied im Verein der Freunde der Abteikirche ist. Unter dem Namen Ermen wird der Hof seit 1876 geführt, als Urgroßvater Theodor Ermen, der aus dem Gestfeld stammte, die Hoferbin Henriette Rouenhoff heiratete. Der Bräutigam brachte einen "Hunspflug" mit. "Er wurde von zwei Kühen gezogen. Damit haben mein Vater und ich noch Kartoffeln rausgepflügt." Heute ist das Gerät Teil einer kleinen, mit Erläuterungen versehenen Pflugsammlung im Außenbereich des Gästehauses. "Das schönste Wappen auf der Welt ist der blanke Pflug auf dem Ackerfeld", ist auf einem Schild zu lesen.

Auch sonst haben sich die Ermens bemüht, ihrem Gästehaus den Charme eines kleinen Heimatmuseums zu verleihen. Im Frühstücksraum steht ein alter Kohlenherd, wie er früher auch auf dem Hof in Gebrauch war. "Hier hab ich als Kind meine Socken aufgehängt", sagt Ermens mit Fingerzeig auf die metallene Reling rund um den Herd. An der Wand hängen Kaffeemühlen aus früheren Zeiten. Und in Vitrinen stehen alte Kannen, Tassen, Terrinen und Teller, die Erinnerungen an sonntägliche Besuche in Omas und Opas guter Stube wecken. "Essen, trinken und schlafen kann man überall, aber die Seele darf nicht auf der Strecke bleiben", lautet die Devise von Waltraud Ermen, die ihr Mann als "führende Kraft im Gästehausbetrieb" bezeichnet.

"Heimatlich" geht's auch an der Rezeption im ehemaligen Kuhstall zu: Da stehen Flaschen mit Bränden und Gläser mit Marmeladen, deren Rohmaterial die zahlreichen eigenen Apfel-, Birnen- oder Kirschbäume liefern. "Als 1906 die Zeche Friedrich Heinrich eröffnet wurde, haben meine Urgroßeltern große Streuobstwiesen angelegt. Heute brauchen wir sie eigentlich nicht mehr. Aber das ist Natur, das sägt man nicht ab." Auch der Tonkrug auf einem Tisch an der Rezeption ist Zeichen der Verbundenheit mit dem heimatlichen Boden. Bei Feldarbeiten stieß Heinz Ermen vor ein paar Jahren auf eine Tonschicht. Den Krug sowie einen kleinen Ziegelstein ließ er von einer Töpferin formen und brennen. Schon die Vorfahren auf dem Hof hätten das Tonvorkommen zu nutzen gewusst: Sie brannten Ziegel, verkauften die schönen an die Nachbarn und bauten aus den weniger gelungenen die eigene Scheune. Ermen: "Die besseren Ziegel kamen natürlich an die Außenseite."

Ins Auge fällt auch das wunderschöne Modell eines Pferdekarrens, wie er vor Jahrzehnten auf dem Hof in Gebrauch war. Ein Modellbauer hat es im Auftrag Ermens aus der Speiche eines der originalen Karrenräder anfertigen lassen. Der Karren sei von Fanny, einem Kaltblutpferd gezogen worden. "Immer wenn ich hinter dem schweren Koloss ging, habe ich von einer schönen, gummibereiften Kutsche und zwei schönen Pferden geträumt." Erst im Jahr 2004 erfüllte sich Heinz Ermen den Traum. Seither spannt er die Pferde an, um Goldhochzeiter zu kutschieren, mit den "Hofkindern" herumzufahren oder auch, um seinen Gäste die Gegend zu zeigen, in der er jeden Baum und jeden Strauch kennt.

Heinz Ermen weiß, wo die besten und kräftigsten Buchen des Niederrheins wachsen, er weiß, warum ein Wald "Mönchschall" genannt wird, und er kennt die mündlich überlieferte Stelle ("Ich hab das von meinem Vater"), an der die Zisterzienser vor rund 900 Jahren ein erstes Kloster gebaut haben sollen. "Wenn ich durch die Natur fahre, dann hab ich viel zu erzählen", sagt Ermen. Man glaubt's ihm aufs Wort.

Quelle: RP
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