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Spätzünder
Wie ist es, mit 33 Jahren seine erste Freundin zu haben?

Absolute Beginner - wie es ist, mit 33 seine erste Freundin zu haben
Wolfram Huke – ein "Love Alien" lernt endlich die Liebe kennen. FOTO: Huke
Düsseldorf. Die erste Beziehung erleben die meisten als Teenager – Wolfram Huke hingegen hat die 30 schon überschritten. Ein Gespräch mit einem Mann, der fürchtete, alleine sterben zu müssen. Von Sebastian Dalkowski

Mit 16 Jahren hatte Wolfram Huke zum ersten Mal einen Verdacht: Mit mir stimmt doch etwas nicht. Während die Jungs um ihn herum erste Erfahrungen mit Mädchen machten, kassierte er nur Abfuhren und traute sich schließlich gar nicht mehr. Die nächsten 15 Jahre änderte sich daran nichts. Wolfram Huke wurde zu einem so genannten "absoluten Beginner": Menschen, die auch jenseits der 20 noch keine Erfahrung mit der Liebe gemacht haben, obwohl sie es wollen.

Dann drehte Huke einen Film über sein Problem, "Love Alien". Das brachte vieles in Bewegung. Mit 31 Jahren hatte er zum ersten Mal Sex, seit anderthalb Jahren führt er – nach drei kürzeren Versuchen – seine erste längere Beziehung. Momentan lebt der 35-jährige Journalist nach einem Jahr Fernbeziehung für ein halbes Jahr im Heimatland seiner Freundin – Taiwan. Sie wohnen zwar nicht in derselben Wohnung, aber in derselben Stadt, Taipeh. Kommuniziert wird auf Englisch, was sie davon abhält, sich seltsame Kosenamen zu geben.

In seinem Buch, das ebenfalls "Love Alien" heißt (Fischer, 224 Seiten, 9,99 Euro) erzählt Huke nicht nur, warum es jahrelang nicht klappte, sondern auch, warum er dann doch Erfolg hatte.

Sie haben Ihre Freundin, eine Taiwanerin, auf einem Swingtanz-Wochenende in München kennengelernt. Es ist Ihre erste längere Beziehung. Wie sind Sie aufeinander aufmerksam geworden?

Wolfram Huke Fragen Sie mal andere Paare, warum sie aneinander hängengeblieben sind. Ich fand sie sehr gutaussehend, sehr hübsch. Und dachte: Mit dir würde ich gerne mal knutschen.

Früher haben die Frauen Sie zurückgewiesen. Was haben Sie diesmal anders gemacht?

Huke Ich habe das früher auch schon probiert, aber es ist gescheitert und dann habe ich mich nicht mehr getraut. Vielleicht hatte ich diesmal mehr Glück, vielleicht habe ich ihr besser gefallen. Auf jeden Fall habe ich mich wieder getraut.

Was genau?

Huke Sie am Bahnhof zu küssen. Und zum ersten Mal hat es geklappt.

Wie gehemmt waren Sie?

Huke Ich analysiere das nicht. Es ist ein bisschen so, wie man einen Stürmer fragt: "Wie war es, das Tor zu schießen?" Schön war's. Ich möchte das nicht zerreden.

Machen Sie jetzt auch Dinge, die Sie früher als Pärchenscheiß bezeichnet haben?

Huke Wahrscheinlich, aber ich denke nicht so viel drüber nach. Ich habe früher auch nie das Wort "Pärchenscheiß" benutzt. Schließlich habe ich mir genau das gewünscht. Pärchenscheiß klingt abfällig.

Klar. Das ist der Neid der Leute, die alleine sind.

Huke Ich habe das Verhalten von Pärchen nicht so sehr mitbekommen. Indem ich mich in meiner Höhle eingegraben habe, konnte ich dem entfliehen.

Wie ist das, abends plötzlich nicht mehr alleine zu sein?

Huke Wir leben in derselben Stadt, aber nicht in derselben Wohnung. Das war eine bewusste Entscheidung. Wir wollten uns nicht den Stress antun, von null auf hundert zu gehen. Wir sehen uns fast jeden Tag, aber sie hat auch die Möglichkeit zu sagen: Du, am Wochenende mache ich was mit der Familie. Wenn du zuerst eine Beziehung über Skype führst, ziehst du nicht als nächstes zusammen.

Wer den Begriff "Absolute Beginner" überhaupt kennt, denkt an Leute, die mit 30 unfreiwillig noch keinen Sex hatten. In Ihrem Buch kommt es mir aber so vor, als sei Sex nicht das Entscheidende.

Huke Eben. Ich habe vor dem Buch einen Film zum Thema gemacht. Da hatte ich viel Kontakt zu Leuten mit einem ähnlichen Problem. Deshalb spreche ich da nicht nur für mich selbst: Der Sex ist super, aber es ist nicht der springende Punkt. Der springende Punkt ist, dass man das Gefühl hat, alleine bleiben zu müssen. Dass man niemanden findet, mit dem man sein Leben verbringen kann. Das ist der bedrückende Gedanke.

Viel ausführlicher als das Erste Mal beschreiben Sie etwas anderes: Als Sie sich trauten. Als Sie nämlich die Hände in die Jackentaschen Ihrer jetzigen Freundin stecken. Wie Sie sie dann küssen. Da platzte für Sie der Knoten.

Huke So habe ich es empfunden. Getraut hatte ich mich vorher auch schon, aber nun klappte es eben. Das hatte ich noch nie erlebt. Ich hatte die Initiative ergriffen und wurde nicht abgewiesen.

Haben Sie früher häufig daran gedacht, alleine sterben zu müssen?

Huke Ja. Ich habe als Zivi auf einer Palliativstation gearbeitet. Da haben die alten Leute von nichts anderem erzählt, als mit wem sie getanzt haben, wen sie geküsst haben, als sie jung waren. Das hat mich in meine erste Lebenskrise gestürzt. Da war der Gedanke: Was mache ich mit meinem Leben, wenn es nicht klappt mit einer Beziehung? Was, wenn ich in zehn Jahren noch alleine bin, in zwanzig? Was, wenn es gar nicht klappt?

Und dann liegt man mit 85 im Altenheim und hat gar nichts zu erzählen.

Huke Oder man schafft es gar nicht so weit. Ich habe durchaus auch an andere Möglichkeiten gedacht.

Sehr konkret?

Huke Es waren Krisenzeiten. Ich habe sehr gelitten, weil es das Thema war, das alles beherrscht hat. Hoffnung hatte ich trotzdem immer.

Bei Ihnen hat Tanzen geholfen.

Huke Das war eines von zwei wichtigen Dingen, die für mich etwas verändert haben. Tanzen hat bei mir die körperliche Scheu gegenüber Frauen verringert. Tanzen ist ja auch eine Art der Kommunikation. Es ist nicht Reden, es ist Berühren. Drei von vier Frauen, mit denen ich was hatte, habe ich beim Tanzen kennengelernt.

Was war die andere wichtige Sache?

Huke Über das Problem reden. Durch den Film. Mit allen möglichen Leuten. Mit der Cutterin. Mit den Leuten von der Filmhochschule. Mit den Leuten vom Fernsehen. Nach den Aufführungen. Dadurch ist das Problem etwas kleiner geworden, auch wenn es nicht gelöst war. Ich war nicht mehr so verzweifelt.

Nicht jeder kann einen Film drehen.

Huke Aber die Frage ist, ob man nicht irgendwann aufhört, sich damit zu verstecken. Die Option steht anderen genauso offen. Das Schreckgespenst des Alleinseins verliert ein wenig von seinem Schrecken, wenn wir darüber reden. Das Problem ist zwar noch da, aber es beherrscht einen nicht mehr so. Früher, wenn mir Freunde erzählt haben, dass sie Probleme mit ihrer Freundin haben, habe ich gedacht: Ich kann dir dazu nichts sagen, ich hatte noch nie eine Freundin. Irgendwann habe ich denen das auch gesagt. Daraus ergaben sich Gespräche und in denen ist herausgekommen, dass jeder Momente des Zurückweisens kennt. Niemand wird von allen Leuten geliebt.

Gibt es Dinge, die Sie sich in einer Beziehung ganz anders vorgestellt hätten?

Huke Ich zerpflücke so etwas gar nicht.

Das nehme ich Ihnen nicht ab. Wird jemand nicht zum Grübler, wenn er viele Abende alleine verbracht hat?

Huke Ich habe an meinen einsamen Abenden vor allem versucht, die Zeit totzuschlagen. Mit Surfen, Computerspiele spielen, Filme gucken, Essen. Ich habe mir einfach Dinge angewöhnt. Heute mache ich das automatisch nicht mehr, weil ich Zeit mit einer Frau verbringe. Ich habe natürlich viel über mein Problem nachgedacht, aber es hat mich einer Lösung nicht näher gebracht. Und nun haben wir auch viel zu viel zu tun. In ein paar Tagen fliege ich leider schon wieder zurück.

Warum?

Huke Ich muss zurück, weil ich jetzt tatsächlich pleite bin. Wie soll ich als komischer Medienfuzzi hier in Taiwan Geld verdienen? Das interessiert ja keinen. Sie ist ebenfalls auf Jobsuche. Vielleicht kann sie was in Deutschland finden. Schlimmstenfalls komme ich so bald wie möglich wieder her.

Hatten Sie je das Gefühl, etwas nachholen zu müssen?

Huke Gar nicht. Früher hatte ich das Gefühl, meine Jugend verpasst zu haben. Heute denke ich nicht mehr daran.

Sie könnten also damit leben, wenn Ihre jetzige Freundin die letzte Frau ist, mit der Sie zusammen sind?

Huke Definitiv. Wir sind allerdings beide nicht die Typen, die sagen: Wir heiraten nächste Woche. Ich konzentriere mich auf den nächsten Schritt. Sonst entmutigt mich das, weil ich noch nicht weiß, wie die anderen Schritte funktionieren.

Ausschließen können Sie also nichts?

Huke Nein. Ich habe total Lust, weiter mit ihr Zeit zu verbringen. Zusammenziehen ist auf jeden Fall eine Option. Wir gucken mal, ob sie in Deutschland einen Job findet oder ich nach Taiwan ziehe. Vielleicht sind wir beide naiv. Wenn es nicht klappt, probieren wir was anderes aus. Und machen so lange weiter, bis es funktioniert.

 
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