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Gelenk nach Unfall wieder eingesetzt
"Das Knie war erstaunlich gut erhalten"

Arzt erklärt, wie er verlorenes Kniegelenk wieder eingesetzt hat
Motorradhelm an Unfallstelle (Symbolbild) FOTO: dpa, jst pil
Lahr. Diese Meldung sorgte bundesweit für Aufsehen: Nach einem schweren Motorradunfall fehlte im Krankenhaus ein Kniegelenk des Verunglückten. Ein Unfallchirurg ließ die Polizei nach den Knochenteilen suchen - und setzte sie später wieder ein. Wir haben mit dem Arzt gesprochen.    Von Marcel Romahn

Akhil Peter Verheyden ist seit 25 Jahren Unfallchirurg. Er weiß: Wenn Schwerverletzte mit Organschäden, tiefen Wunden oder zertrümmerten Knochen in seine Notfallambulanz eingeliefert werden, zählt nicht nur jede Sekunde, sondern in vielen Fällen auch Entschlossenheit. Und die bewies der 57-Jährige bei einem seiner jüngeren Patienten.

Ende September hatte ein 16-Jähriger im Schwarzwald auf seinem Weg zur Arbeit eine Fahrzeugkolonne überholt. Dabei stieß er mit einem entgegenkommenden Kleinlaster zusammen und wurde schwer verletzt. Umgehend wurde er in die Unfallchirurgie des Krankenhauses in Lahr eingeliefert. Dort ist Akhil Peter Verheyden leitender Arzt. "Er hatte mehrere Beckenbrüche und viele offene Verletzungen," sagt er unserer Redaktion. "Sein linkes Knie war komplett zertrümmert."

Bei der Behandlung des Jungen fiel dem 57-Jährigen schließlich auf: Wesentliche Teile des linken Knies – Teile des Oberschenkel- und Schienbeinknochens sowie die Kniescheibe – fehlten komplett. Das Bein wurde nur noch von losen Knochenfragmenten zusammengehalten. Verheyden griff sofort zum Telefon, informierte die Polizei und bat sie, noch einmal an der Unglücksstelle nach dem fehlenden Kniegelenk zu suchen. "Die Beamten haben sehr professionell reagiert und sich sofort auf den Weg gemacht", sagt der Chirurg.

Holz statt Knochen

Doch zunächst gab es einen Irrtum. Als die Beamten wieder in der Unfallklinik ankamen, hatten sie zwar ein Fundstück dabei - jedoch nichts, was der Chirurg hätte verwenden können. "Sie hatten ein Stück Holz mitgebracht", sagt Verheyden. "Offenbar war meine Beschreibung noch nicht präzise genug". Prompt machten sich die Beamten ein zweites Mal auf den Weg und inspizierten auch noch einmal den Kleinlaster, der an dem Unfall beteiligt war – mit Erfolg.

Das Kniegelenk wurde nicht, wie zuvor von mehreren Medien berichtet, in einem Graben oder an der Fahrbahnseite gefunden, sondern im Unterbau des Fahrzeuges. "Es hing quasi dort fest", sagt Verheyden. "Es wurde uns in einer Plastiktüte gebracht und war erstaunlich gut erhalten. Die Knochen und der Knorpel waren weitgehend intakt."

Um seinem Patienten ein künstliches Kniegelenk zu ersparen, entschloss sich der Arzt, die Knochen wieder einzusetzen. Verheyden wusste dabei um die Risiken: "Natürlich gab es eine Belastung durch Keime. Das Kniegelenk hätte sich entzünden können. Aber dieses Wagnis wollte ich eingehen, um das Knie zu retten." Das Immunsystem des Jungen sei stark genug gewesen, um den Eingriff zu versuchen.

Gute Heilungschancen

Verheyden reinigte das Gelenk in einer sterilen Kochsalzlösung und setze es wieder ein. Anschließend wurden die Fragmente verschraubt und die Wunde genäht. Der Junge erholte sich schnell, konnte das Krankenhaus inzwischen wieder verlassen. Sein Arzt rechnet zu 80 Prozent damit, dass das Knie vollständig ausheilen und wieder im Alltag belastbar sein wird.

Verheyden kannte die Risiken des Eingriffs. Doch die Chance auf Erfolg sei weitaus größer gewesen. "Es war die richtige Entscheidung", sagt er im Gespräch mit unserer Redaktion.  "Ein künstliches Kniegelenk bedeutet für einen so jungen Menschen gewaltige Einschränkungen."

Ein Chirurg müsse sich oft auf seine Erfahrung verlassen und im Notfall kreativ werden. Zu oft habe er in seiner Laufbahn Fälle gehabt, in denen Knochen hätten geborgen werden können, der Patient jedoch fortan mit Prothesen leben musste.  Deshalb gibt der Arzt allen Rettungskräften, die bei schweren Unfällen ausrücken, immer einen Rat mit auf den Weg: "Wenn Knochenteile fehlen, sollte man am Unfallort zweimal hinsehen. Vielleicht ist da noch einiges zu retten."

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