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Glaube
Ein Jahr im Pfarrhaus

Ein Jahr im Pfarrhaus
Ein Jahr nimmt sich Valerie Schönian (25) Zeit, um vor Ort zu ergründen, warum Franziskus von Boeselager (38) Priester geworden ist. FOTO: Zentrum für Berufungspastoral
Münster. Mit Kirche hat sie nichts am Hut. Doch Valerie Schönian will wissen, warum ein Mann heute Priester sein will. Darum lebt die Berliner Journalistin nun für ein Jahr in der Gemeinde von Kaplan Franziskus von Boeselager - und schreibt darüber. Von Dorothee Krings

Neulich tauschten ihre Freunde verkaterte Sprüche aus. Sie hatten in einem Berliner Club gefeiert. Und es war einer dieser Abende geworden, aus denen man ins Morgengrauen auftaucht, noch eine Zigarette raucht, nach Hause radelt, müde, glücklich, König der Welt. Als Valerie Schönian in ihrem Handy die Nachrichten ihrer Freunde las, kam sie gerade aus der Kirche. In Roxel, am Rande Münsters. Sie hatte an der Eucharistie-Feier teilgenommen. Bis vor kurzem hätte sie nicht mal erklären können, was das ist.

Valerie Schönian ist 25. Im April hat sie ein neues Leben begonnen. Als Experiment für ein Jahr. Die Berliner Journalistin ist in die Provinz gezogen, um den Alltag eines Kaplans kennenzulernen, zu erleben, was Priester-Sein praktisch bedeutet. Und um zu erfahren, warum einer seinen Glauben so ernst nimmt, dass er auf Freiheit, berauschte Nächte, eigene Familie verzichtet, um dem Beispiel Jesu zu folgen. Um Nächstenliebe zu üben wie er.

Zwei Wochen im Hotel

Zwei Wochen pro Monat lebt Schönian nun in einem Hotel gleich neben dem Pfarrhaus, begleitet Kaplan Franziskus von Boeselager zu Krankenbesuchen, in die Messdienerstunde, in den Gottesdienst. Und sie nimmt Teil an den Gebetsstunden und Mahlzeiten im Pfarrhaus. "Franziskus war so alt wie ich jetzt, als er seine Berufung gespürt hat", sagt Valerie Schönian, "er hat BWL studiert, hätte alles machen können, aber er hat sich für die Kirche entschieden, ich möchte wissen, warum."

Franziskus von Boeselager ist 38. Seit knapp zwei Jahren ist er Kaplan in Roxel, zuständig vor allem für die Jugendarbeit. Er war 26, als er seinen Eltern erzählte, er wolle sich binden - und damit Jesus meinte. 2013 wurde er im Kölner Dom zum Priester geweiht. Der Kaplan hat gezögert, als man ihn fragte, ob er seinen Alltag mit einer Journalistin teilen würde. Mit einer jungen Frau, die in Magdeburg aufgewachsen ist, die sich selbst als kirchenfern bezeichnet, sagt, dass die Frage nach Gott sie einfach nicht beschäftigt habe. Und dass sie Kirchen nur vom Blick durch die Fensterscheibe ihrer Cafés kenne. "Ich habe im Gebet gespürt, dass ich mich vor dieser Aufgabe nicht drücken sollte", sagt Franziskus von Boeselager, "weil das Projekt der Kirche in unserer Zeit etwas bringen könnte." Der Kaplan weiß, dass viele Menschen kein Bild mehr davon haben, wie Priester leben, dass ihre Vorstellungen überlagert werden von Dauer-Reizthemen wie Zölibat und Missbrauch. "Mich reizt, dass Valerie so authentisch, fast live von meiner Realität berichten kann", sagt von Boeselager, "viele Menschen erleben junge Priester ja nicht mehr aus der Nähe, sehen nicht mehr die Menschen hinter der Institution."

Auftraggeber ist die Kirche

"Valerie und der Priester" ist ein Projekt des Zentrums für Berufungspastoral der Deutschen Bischofskonferenz. Schönians Auftraggeber ist also die Kirche. Doch die Journalistin, die bisher für Medien wie den Berliner Tagesspiegel, Zeit online und das SZ-Magazin gearbeitet hat, machte zur Bedingung, dass sie frei und direkt berichten kann, was sie erlebt - also auch darüber, was sie befremdet. "Die einzige Auflage war, dass ich offen, also ohne Häme an meine Aufgabe gehe", sagt Schönian, "aber etwas Anderes war auch nie meine Absicht, ich bin tatsächlich neugierig auf die katholische Welt und möchte wissen, was Franziskus antreibt."

Ab Freitag schreibt Schönian einen Blog über ihre Erfahrungen in Roxel. Sie wird auch twittern und bei Facebook posten. Der Kaplan wird nichts davon lesen, er möchte unbeeinflusst seinen Alltag weiterleben.

Ein paar Besuche in der Gemeinde haben die beiden schon miteinander absolviert. "Manchen Menschen kann man richtig ansehen, wie viel ihnen der Besuch des Priesters bedeutet", sagt Schönian, "das ist schon berührend." Auf süffisante Bemerkungen über den Kaplan mit der jungen Frau im Schlepptau sind die beiden vorbereitet. "Das kann man wohl nicht verhindern", sagt von Boeselager. Er hoffe nur, dass sich mehr Leute für das Eigentliche interessieren. "Ich glaube, dass mich Gott berufen hat, mit Menschen das Glück zu teilen, das ich selbst im Glauben gefunden habe", sagt er. Was das praktisch bedeutet, will Valerie Schönian erfahren. Aus nächster Nähe. Das Experiment hat begonnen.

Quelle: RP
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