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Jährlich 100.000 Menschen vermisst
Spurlos verschwunden

Düsseldorf (RPO). Jährlich werden in Deutschland 100.000 Menschen als vermisst gemeldet. Oft tauchen sie nach ein paar Tagen wieder auf. Doch manchmal hören Angehörige nie wieder etwas von ihnen. Der Düsseldorfer Autor Peter Jamin beschreibt in einem neuen Buch das Schicksal der Betroffenen. Von Sebastian Peters

Peter Jamin hat diesen Satz so oder ähnlich hundertfach gehört: "Wenn mir jemand meinen Mann tot vor die Haustüre legte, dann wäre ich glücklicher als jetzt." Oft erschrecken die Angehörigen selbst vor diesen Worten. Doch manche haben sich die Frage vorher tausendfach gestellt: Wo ist der Mensch, den ich suche? "Wenn man jemanden lange Zeit vermisst, dann ist dies die größte psychische Katastrophe, die passieren kann", sagt Jamin, der gestern in Berlin sein neues Buch "Vermisst - und manchmal Mord" vorstellte.

Der 55-jährige Düsseldorfer engagiert sich seit Jahren für Angehörige von Vermissten. Er hat im Laufe von 15 Jahren rund 2000 Fälle betreut. Immer neue Schicksale begegnen ihm. Wie der Fall von Karl-Heinz K., der mit seiner Lebensgefährtin an einem Maitag einen Wochenendurlaub in Belgien unternehmen wollte. Am Morgen vor der Abfahrt war er verschwunden. Die Lebensgefährtin Maria A. erinnert sich: "Er war weg, und ich hatte sofort eine Ahnung. Mein Freund litt an Depressionen."

Der Beginn einer menschlichen Tragödie. 100.000 Menschen verschwinden in Deutschland pro Jahr, 40 Prozent davon sind Kinder. 500.000 Angehörige sind betroffen. Die meisten tauchen freiwillig unter, doch wissen Angehörige oft nicht warum. Nach Schätzungen des Bundeskriminalamtes erledigen sich 50 Prozent aller Vermisstenfälle innerhalb einer Woche, 80 Prozent in Monatsfrist. Nur drei Prozent werden länger als ein Jahr vermisst.

Maria A. durchsuchte nach dem Verschwinden von Karl-Heinz K. die gesamte Wohnung auf Hinweise. Nur eine schwere Lederjacke und Winterschuhe fehlten - obwohl es heiß war. Bei der Polizei konnte niemand Maria A. helfen. Sie wusste, dass ihr Freund die Rheinauen des Niederrheins liebte. Sie fuhr dort von Bucht zu Bucht. Am Abend fand sie ihn, völlig aufgelöst. Karl-Heinz K. hatte geplant, im Wald zu verdursten und zu verhungern. Als seine Freundin ihn am späten Abend sah, brach sie in Tränen aus. "Warum hast Du das gemacht?", fragte sie. Er sagte: "Ich kann nicht so weiterleben." Nach diesem ersten Mal verschwand Karl-Heinz K. noch zwei Mal. Mittlerweile leben Maria A. und Karl-Heinz K. getrennt.

In NRW gelten zum Stichtag 15. Januar 29 Menschen als "dauervermisst". Susanna Deeken-Heusgen, Sprecherin des Landeskriminalamts NRW, nennt weitere Zahlen: Nach 3360 Kindern, 5825 Jugendlichen und 2305 Erwachsenen wurde 2006 in NRW gefahndet. Nur ein Prozent aller Vermisstenfälle sind wirklich Kapitalverbrechen", sagt Jamin. 15 Prozent der Vermissten sind Menschen, die geistig verwirrt sind. Meist verschwinden Menschen in Konfliktsituationen. Ausgebrannte Manager zum Beispiel oder Studenten im Prüfungsstress.

Für die Angehörigen beginnt ein tagtäglicher Kampf, den sie oftmals ohne fremde Hilfe durchstehen müssen. Schließlich kann die Polizei nicht immer eine Fahndung einleiten - zumal jeder Mensch das Recht auf körperliche Bewegungsfreiheit hat. Manche Angehörige engagieren einen Privatdetektiv wie Björn Schultheiss aus Krefeld. "Wenn die Polizei nicht helfen kann, dann suchen Angehörige manchmal bei mir Hilfe", sagt der private Ermittler. Schultheiss reiste vor einigen Jahren einmal ins Amsterdamer Drogenmilieu, um auf Bitten der Eltern eine vermisste Deutsche und ihren niederländischen Freund aufzuspüren. Er fand sie - doch sei die Familie da schon mit den Nerven am Ende gewesen.

Es sind solche Fälle, die Peter Jamin die Verzweiflung vor Augen führt. Er fordert, unterstützt durch Konrad Freiberg, Chef der Polizeigewerkschaft GdP, die Kommunen auf, einen Vermisstenberater einzustellen, der erste Ratschläge geben kann. Der Bedarf wäre da. So werden laut Jamin allein in Düsseldorf pro Jahr 1700 und in Essen 1500 Vermisste registriert. Für einen Vermisstenberater, so heißt es jedoch beim Städte- und Gemeindebund, fehlten derzeit die personellen Kapazitäten.

Wenn man eine Person länger vermisst, dann sei Eigeninitiative beim Suchen manchmal ratsam, sagt Jamin: "Ich habe durchaus schon empfohlen, eigene Suchaktionen zu starten." Seine Ratschläge: Andere Helfer motivieren, eine Landkarte eines abgesteckten Suchbereiches in Planquadrate aufteilen, Flugblätter unter Spaziergängern verteilen. In manchem Fall sei das von Erfolg gekrönt.

Wie in dem Fall einer vermissten Frau, die in einem Erholungsgebiet mit dem Rad im Wald unterwegs war und nicht zurückkam. Die Familie durchkämmte mit 60 Helfern Wald und Wiesen, verteilte Flugblätter. Ein paar Tage später wurde die Mutter im Wald gefunden. Sie war Opfer eines Raubüberfalls geworden - aber sie lebte noch.

Peter Jamin: Vermisst - und manchmal Mord, 176 S., Verlag Deutsche Polizeiliteratur (VDP), 16,90 Euro.

 
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