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Kritik zum "Tatort: Der Inder"
Der S21-"Tatort" gerät zum Polit-Thriller

"Tatort: Der Inder" dreht sich um Stuttgart 21
"Tatort: Der Inder" dreht sich um Stuttgart 21 FOTO: SWR/Alexander Kluge
Düsseldorf. Mit dem Fall "Der Inder" wagen sich die "Tatort"-Autoren an ein komplexes politisches Thema heran: Stuttgart 21. Drehbuchautor und Regisseur Niki Stein arrangiert den "Tatort" rund um einen Untersuchungsausschuss im baden-württembergischen Landtag, der die politischen und wirtschaftlichen Verstrickungen aufarbeiten soll - und so wird der Fall auch eher zum Polit-Thriller. Von Leslie Brook

Im Stuttgarter "Tatort" kennt sich der Gerichtsmediziner nicht nur mit der Obduktion von Leichen aus, er weiß auch, wie er an sie herankommt, wenn sie in einem Koffer mit Zahlenschloss angeliefert werden. Die Nummernkombination sei immer 000. Werkseinstellung halt, und tatsächlich springt das Gepäckstück auf. Hätte ja auch sein können, dass sich jemand die Mühe macht, den Code zu verändern, wenn er eine Leiche verstecken will.

 

Der "Hä?"-Moment I

Wenn Sie jemandem am Telefon möglichst schnell und prägnant den Polizisten Lannert (Richy Müller) beschreiben wollten, würden Sie ihn dann auch als kräftig charakterisieren? Oder würden Sie nicht einfach sagen, er hat eine große Nase?  Ohne dass  Mira das "Detail" erwähnt, weiß Busso von Mayer (Thomas Thieme) aber offenbar sofort, wer gemeint ist. Darf man die Nase etwa nicht erwähnen?

Der "Hä?"-Moment II

Wieso der eben schon erwähnte Gerichtsmediziner plötzlich eine philosophische Ader entwickelt, weiß auch keiner – nicht einmal die Kommissare, die ihn darauf ansprechen. Ob Ibsen oder Goethe der Pathologe schlaumeiert fleißig zu jeder passenden oder auch unpassenden Gelegenheit.

Der Tourismus-Faktor

Stuttgart wird nicht gerade zum lohnenden Ziel für Reisende erklärt – ganz gleich, ob es bald eine  schnellere Bahnverbindung dorthin gibt – zubetonierter Talkessel, wird die baden-württembergische Landeshauptstadt verunglimpft. Damit verbunden ist auch das beste Zitat des "Tatorts" (nein, es ist nicht Ibsen): "Schauen Sie sich Stuttgart an: ein Drecksloch, ein städtebaulicher Irrtum, ein zubetonierter Talkessel, der von den Abgasen einer ewig im Stau stehenden Blechlawine aufgeheizt wird." (Thomas Thieme als Architekt)

Das zweitbeste Zitat

"Hauptsache unsere Kinder haben später einen schönen Bahnhof" (Lannert)

Unwort im "Tatort"

Kalkmörtelschicht

Dialekt im "Tatort"

Der Schwabe sagt "Inweschtment".

Der wahre Kern

Das Finanzierungsvolumen für Stuttgart 21 als Bahnprojekt entwickelte sich von 2,8 Milliarden Euro zum Zeitpunkt der Baugenehmigung für den Tiefbahnhof (2005) über 4,1 Milliarden Euro im Jahr 2009 bis mindestens 6,5 Milliarden Stand Ende 2012. Von den Gegnern des Projekts werden die Berechnungsgrundlagen genauso bezweifelt wie der Gesamtrahmen der Kosten. Auch im Hinblick auf das Stadtentwicklungsprojekt entzünden sich Proteste an Kostenfragen, die zum Beispiel die von der Stadt Stuttgart gezahlten Kaufpreise für das Gelände betreffen, die Rolle von Investoren bei der Erschließung und Bebauung des Geländes. Die größte Befürchtung der Gegner ist, dass die Flächen durch Korruption und Manipulation vor allem Großinvestoren zur Verfügung gestellt werden, die dort seelenlose Gebäude mit Maximalgewinn erstellen werden.

Den kennt man doch

Thomas Thieme spielte großartig. Ihn kennt man aus "Das Leben der Anderen" , zuletzt spielte er in den Fernsehfilmen "Besondere Schwere der Schuld" und "Mord in Ascheberg".

Großzügiger Sender

Lannert ist mit einem Porsche 911 Targa aus dem Jahr 1975 unterwegs, den Oldtimer hat der SWR für 40 000 Euro angeschafft, berichtete die "Bams". Das Modell entsprach einem Wunsch von Schauspieler Richy Müller, um die Individualität des von ihm gespielten Kommissar zu erhöhen.

Die Landmarke

Dem Stuttgarter Bahnhofsturm, auf dem ein Mercedes-Stern mit fünf Meter Durchmesser prangt, kam am Ende eine unrühmliche Funktion zu: Architekt von Mayer machte Lannert glauben, dass er gleich nachkommt, stattdessen stürzte er sich von ganz oben in die Tiefe.

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