| 06.16 Uhr

TV-Show "The Voice of Germany"
Achtung, Verquarkungsgefahr!

Düsseldorf. Wenn die Anmoderation länger ist als der Auftritt, ist das meistens ein Zeichen für eiernde Dramaturgie. Bei "The Voice of Germany" hat man gestern ein bisschen zu sehr auf rührselige Vorstellungsfilmchen gesetzt. Von Anja Rützel

Ein Besuch bei der 90-jährigen Urgroßmutter, ein dramatisches, von der Mutter nicht akzeptiertes Coming Out, ein umständliches Schein-Casting für eine Kandidatin, die angeblich für einen Creme-Werbespot vorsprechen sollte, um mit ihrem Vorsingtermin bei "The Voice of Germany" überrascht zu werden: Mehr Drumherum-Erzählerei als in der gestrigen Folge gab es selten bei TVOG, und das ist keine schöne Entwicklung.

Besonders ärgerlich ist diese Tendenz zur Verquarkung, wenn das Vorstellfilmchen dann länger ausfällt als die Interaktion mit den Coaches. Lin, die Frau aus der inszenierten Creme-Werbung, bekommt die Jury nicht einmal zu Gesicht, weil sich keiner für sie umdreht: "Die Resonanzräume hat sie nicht genutzt", begründet das Andreas Bourani, "Das war vom Körper nicht so angebunden", argumentierte Yvonne Catterfeld.

Egospielchen der Coaches

Das hätte sicher auch die Kandidatin gerne gehört, doch die war da gemäß den neuen Regeln schon längst von der Bühne verschwunden. Angeblich sollten sich die Coaches nicht mehr mit den Nicht-Weitergebuzzerten unterhalten, um mehr Sendungsplatz für noch mehr Talente zu haben, umso ärgerlicher, wenn dieser Platz für unnötig ausführliche Vorstellungen verplempert wird.

Obendrein übertrieben es die Coaches ein bisschen mit ihren Egospielchen. Roter Witzelfaden war eine Wette unter den Jurymitgliedern: Wer keinen Kandidaten in sein Boot holen kann, sollte am Ende der Sendung in einem albernen Kostüm Ballett tanzen. Der Klamauk um diese Albernheit nahm schon sehr viel Zeit ein und wurde, je öfter daran herumgeulkt wurde, nicht gerade lustiger.

Doch es gab auch wieder Auftritte, die einen auch ohne langwieriges Kramen im Privatleben sofort überzeugten. Wie der von Anja, 24, aus Linz, die mit so gewaltiger Bluesstimme "I'd rather go blind" sang, dass Yvonne Catterfeld sich nach der ersten gesungenen Zeile umdrehte und die Sängerin mit einer flammenden Rede in ihr Team manövrierte. Denn die Show wird nicht von Schmonzgeschichten getragen, die man aus anderen Casting-Sendungen ohnehin schon in allen Variationen kennt, sondern von exzellenten Kandidaten.

Striptease von Samu Haber

So wie der schrullige Schlager-Eskalator, der sich plötzlich als grandioser Jazzsänger entpuppte. Der legerst swingende Joel. Stimmen eben, die keine künstliche Sensationalisierung brauchen (wie etwa die 18-jährige Hanna, die Soldatin bei der Bundeswehr ist, NATÜRLICH bei ihrem Schießtraining gezeigt wurde, und dann doch bei den Coaches durchfiel).

Der tollste Auftritt schließlich war der von Claudia, 16 Jahre, die Alicia Keys "No one" sang – das lag natürlich an ihrer fantastischen Stimme, aber mindestens so sehr auch daran, dass sie in einer Sendung voller Klimbim zunächst hinter dem (bislang schmerzlich vermissten) Vorhang sang.

Die vermaledeite Ballettwette musste am Ende dann nach all dem Tamtam doch nicht eingelöst werden: Jeder der Coaches hatte einen neuen Schützling für sein Team abbekommen. Samu Haber tanzte dennoch für den letzten Kandidaten einen Striptease (nur natürlich in der familienfreundlichen, angezogenen Variante). Das war durchaus ulkig anzusehen – man hätte sich freilich in der Zeit durchaus auch noch einen weiteren Auftritt angehört.

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The Voice of Germany 2016: Samu Haber tanzt einen Striptease


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