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Berlin
Mythos Raumpatrouille

Berlin. Die TV-Serie um das Raumschiff Orion war vor 50 Jahren ein Straßenfeger und machte Dietmar Schönherr zum Star. Auch wenn aus heutiger Sicht Technik und Story unfreiwillig komisch wirken, besitzt die Reihe ihren eigenen Charme. Von Jörg Isringhaus

Filme, Bücher und Songs altern wie Menschen - manche verwittern überraschend schnell, andere erhalten sich trotz deutlicher Patina juvenilen Charme, einige wenige bleiben scheinbar ewig jung. Die TV-Serie "Raumpatrouille - Die phantastischen Abenteuer des Raumschiffes Orion" gehört in die mittlere Kategorie: was Technik, Kulissen, Storys betrifft, aus heutiger Sicht hoffnungslos veraltet, aber nach wie vor faszinierend anzuschauen. Vor 50 Jahren, am 17. September 1966, startete die Orion zum ersten Mal, samstagabends nach der "Tagesschau". Wegen der bis dato unerreicht hohen Produktionskosten wurden nur sieben Folgen gedreht, trotz des enormen Publikumserfolges. Bis zu 56 Prozent der Zuschauer schalteten ein, "Raumpatrouille" war von Anfang an ein Straßenfeger.

Traf die Serie doch einerseits den Zeitgeist mit Fortschrittsglauben und Atomkriegsangst und zeigte auf der anderen Seite, dass das deutsche Fernsehen zukunftsfähig war - wenn auch arg eingeschränkt. Erst zehn Tage zuvor war in den USA das Raumschiff Enterprise in unendliche Weiten aufgebrochen, da hob hierzulande bereits die Orion ab, um am "Rande der Unendlichkeit" - wo immer das sein mochte - zu patrouillieren. An Bord freilich fungierten Bügeleisen, Wasserhähne und Bleistiftanspitzer als futuristisches Schaltpult, Eisportionierer und Geburtshilfezangen verwandelten sich in Roboterarme, die Astronautenhelme hatten oben eine - jederzeit gut sichtbare - Öffnung, damit sie nicht von innen beschlugen. Aber egal wie pappig die Pappkulissen auch wirkten und ob sprudelnde Alka-Seltzer-Tabletten dem Alarmstart vom Meeresgrund den nötigen Effekt verliehen - die Zuschauer liebten die Orion.

Was auch am Personal lag. Allen voran an Cliff Allister McLane, dem smarten wie sturköpfigen Commander, der sich gerne mit Vorgesetzten anlegte und nebenbei Frauenherzen eroberte. Dietmar Schönherr spielte ihn mit ruppigem Charme und erwarb damit bleibenden Ruhm. In McLanes Sturm gegen autoritäre Strukturen war bereits der Geist der 68er zu spüren, der Drang nach Revolution, nach Erneuerung. Ihm zur Seite stand die zunächst kühle Sicherheitsoffizierin Tamara Jagellovsk, die Eva Pflug so überzeugend gab, dass sie danach bei vielen TV-Produzenten auf die Rolle einer Männer kommandierenden "Emanze" festgelegt war. Zum Team gehörten auch Wolfgang Völz als Witzbold Mario de Monti und Claus Holm als rauer Ingenieur Hasso Sigbjörnson, aber der lässige Weltraumheld war eindeutig McLane. Der schon mal recht unangenehm werden konnte: Als ultima ratio benutzte er gegen seine Feinde, die Frogs, den Overkill, eine planetensprengende Waffe.

Überhaupt herrschte in der Serie ein teils harscher Befehlston, der so gar nicht zur gezeigten Utopie passen wollte, sondern eher zur nicht allzu fernen deutschen Vergangenheit. Einerseits war die Welt in "Raumpatrouille" vereint und der Meeresboden besiedelt, andererseits spionierte der Galaktische Sicherheitsdienst das Personal aus und wurden Feinde einfach ausgelöscht. So bedachten einige Vertreter der damaligen Kulturkritik die Reihe wegen des militaristischen Einschlags mit dem extremen Etikett faschistoid - auch das änderte nichts am Erfolg.

Dietmar Schönherr betonte in Interviews immer, dass man die Serie nicht zu ernst nehmen dürfe und dass sie auch von den Produzenten aus einen humoristischen Unterton gehabt habe. Tatsächlich wirkte manches schon damals eher unfreiwillig komisch, der ungelenke Tanz Rücken an Rücken zum Beispiel im Starlight Casino auf dem Meeresgrund, dem bevorzugten Rückzugsort der Orion-Crew zwischen den Missionen. Oder die Entsprechung zum Warp-Antrieb der "Enterprise": Wenn McLane es eilig hatte, ordnete er kurzerhand den "Rücksturz zur Erde" an. Und schwups, war die Orion wieder heim im Stall.

Quelle: RP
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