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Kolumne Professorenleben
Geister-Stunde

Es gab einmal eine famose Idee: Mit landesweit, ja bundesweit standardisierten Vergleichsarbeiten (nett abgekürzt als VERA) sollte der einzelne Lehrer in die Lage versetzt werden, sich ein objektives Bild vom Leistungsstand seiner Klasse zu machen. Zentral gesteuert sollten nur Aufgaben und Bewertungsverfahren sein. Die Ergebnisse selbst dagegen sollten ausschließlich der Selbstvergewisserung der Lehrkräfte und der Identifikation von Handlungsbedarf vor Ort dienen. Von Heiner Barz

Auch sollten die VERA-Ergebnisse nicht in die Schulnoten der einzelnen Schüler einfließen. Inzwischen wissen wir, dass in der realen Umsetzung dieser Idee alles ziemlich anders aussieht: VERA-Ergebnisse werden wie Klassenarbeiten benotet, Lehrer trimmen ihre Schützlingen für bessere Tests, Schulen konkurrieren in der "VERA-Hitparade" und manche Schulaufsicht missbraucht VERA als Kontrollinstrument gegenüber den Schulen. Jetzt erreicht die Standardisierung, die Parametrisierung die Hochschulen.

Noch im Januar 2016 will der Wissenschaftsrat seine Empfehlungen zum "Kerndatensatz Forschung" verabschieden. Damit ist zwar keine Hochschule und kein Institut wirklich gezwungen, Forschungs-In- und -Output in vorgegebenen Parametern zu dokumentieren. Allerdings wird der stumme Zwang der Verhältnisse, werden die "Berichtspflichten" und "Steuerungsbedarfe" im Wissenschaftsmanagement dafür sorgen, dass sich die Kennziffernwirtschaft endgültig wie ein unsichtbares Netz über den Wissenschaftsbetrieb legt - ein Netz von simplifizierenden Indikatoren, die nicht nur messen, sondern auch lähmen.

Weil fortan nur noch zählt, was zählbar ist. Kritiker haben sich schon positioniert. So warnt etwa der Vorsitzende des Historiker-Verbandes, dass "viele renommierte Geisteswissenschaftler keine Output-Olympioniken" seien. Wer bei den Parameter-Olympics also ganz oben steht, muss nicht unbedingt wichtige, sondern muss vor allem messbare Forschungsbeiträge abliefern. Am Ende könnte der erhoffte Leistungssteigerungseffekt sich als Leerlaufsteigerungseffekt herausstellen.

Natürlich hat das dann keiner gewollt - aber mancher kommen sehen: "Herr, die Not ist groß! Die ich rief, die Geister, werd' ich nun nicht los."

Quelle: RP
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