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Düsseldorf
Handwerk statt Hörsaal

Düsseldorf. 37 Prozent der Bachelor-Studenten in NRW brechen ihr Studium vorzeitig ab, meldet das Wissenschaftsministerium. Um Studenten, die sich neu orientieren wollen, zu unterstützen, ist in Düsseldorf das Projekt "Move" gestartet. Von Isabelle de Bortoli

Nach den ersten Wochen an der Uni ist die Enttäuschung groß: Unter den Fächern, in die man sich eingeschrieben hat, hatte man sich etwas anderes vorgestellt. Oder: Die Arbeitsbelastung ist einem über den Kopf gewachsen. Seit Monaten hat man keine Prüfungen mehr absolviert, der Abschluss rückt in immer weitere Ferne. Oder: Ein Praktikum hat gezeigt, dass für den Wunschjob ein anderes Fachgebiet wichtig wäre. In Fällen wie diesen denken viele Studenten daran, ihr Studium abzubrechen. Eine Schätzung des Wissenschaftsministeriums NRW aus dem Jahr 2011 geht von einer Abbrecherquote in NRW im Bachelor an Universitäten von durchschnittlich 37 Prozent aus. An Fachhochschulen sollen es 26 Prozent sein.

Um diese Zahl zu reduzieren und den Studierenden eine bessere Beratung rund um eine Neuorientierung zu bieten, ist in Düsseldorf das Projekt "Move! - Den eigenen Weg finden" gestartet. Es zeigt Alternativen zum Studium auf und verbessert die Beratung: Experten aus Verwaltung, Wirtschaft und der Hochschulen in Düsseldorf sind künftig noch besser vernetzt. Die Agentur für Arbeit, Handwerkskammer, Industrie und Handelskammer sowie Universität und Fachhochschule unterstützen eng abgestimmt Studierende, die sich mit der Frage nach dem Abbruch ihres Studiums tragen und um Hilfe bitten. Gemeinsam mit ihnen wird eine Neuorientierung schnell und planvoll angegangen. Das vorrangige Ziel der Beratung ist das Erreichen eines Studienabschlusses. Zeigt sich, dass ein Studium nicht mehr sinnvoll oder möglich ist, wird frühzeitig ein Ausbildungsplatz gesucht. Dabei wird geprüft, ob Studienleistungen angerechnet werden können.

Der erste Weg der Studienzweifler sollte immer in die Studienberatung der eigenen Hochschule führen. "Der Gedanke an einen Studienabbruch ist ein großes Thema in unserer Beratung", sagt Doris Hildesheim, Leiterin des Studierendenservice an der Heinrich-Heine-Universität. "Wir versuchen zunächst in einem Gespräch die Gründe für den Studienzweifel zu klären: Oft hilft ein Coaching, sich das Arbeitspensum besser einzuteilen. Manchmal lohnt es sich auch, dem eigenen Fach noch eine Chance zu geben - gerade wenn die Zweifel einen am Beginn des Studiums beschleichen. Wir sprechen auch darüber, ob vielleicht ein Fachwechsel Sinn macht." Stellt man fest, dass das eigene Fach nicht zum Berufswunsch passt, hilft mitunter schon der Wechsel des Kern- und Ergänzungsfachs. "Durch die engere Kooperation mit der Fachhochschule haben wir nun gemeinsam natürlich auch ein ganz anderes Fächerspektrum anzubieten, zu dem wir die Studienzweifler beraten können", sagt Hildesheim. Und wer den Praxisbezug vermisst, ist vielleicht in einem dualen Studium besser aufgehoben.

Ein Studienabbruch geht oft mit einem Verlust an Selbstvertrauen einher, viele Betroffene stecken in einer Krise. "Ist der Wunsch zum Weiterstudieren nicht mehr da, macht eine Ausbildung Sinn", so Hildesheim. Diese ist eine gute Alternative: "Bewerbungen von Personen mit Studienerfahrung sind bei den Betrieben gerne gesehen", sagt Katrin Kühnast, Geschäftsführerin Operativ der Agentur für Arbeit Düsseldorf. Auch die Handwerkskammer Düsseldorf hält ein spezielles Betreuungsangebot für Studienaussteiger vor. So sind bereits rund zwei Prozent der Auszubildenden im Handwerkskammerbezirk Düsseldorf über einen Studienausstieg in handwerkliche Ausbildung gewechselt - Tendenz steigend.

Zwei dieser Azubis sind Michael Theil und Alexander Bohn. Sie lernen den Fleischerberuf in der Metzgerei Inhoven in Düsseldorf. Bohn hat nach zwei Semestern Archäologie in Münster eine akademische Laufbahn verworfen. "Das ist ein Hobby, kein Beruf. Unter einem Beruf stelle ich mir etwas breit Gefächertes vor. Nicht, dass man acht Wochen lang die Unterschiede im Faltenwurf zwischen assyrischen und babylonischen Gewändern analysiert." Und warum hat er sich ein Handwerk ausgesucht, das im Ranking der gefragtesten Ausbildungsberufe keinen Top-Platz belegt? Bohn: "Ich liebe Fleisch."

Michael Theil hat sein Biologiestudium abgeschlossen. Das Genom, der genetische Bausatz von Lebewesen, fesselt den 29-Jährigen nach wie vor. Auch die funktionelle Anatomie des Menschen und die Widerstandsfähigkeit von Wild- und Kulturpflanzen. Aber: "Trotz spannender Forschungsprojekte wollte ich noch ein Handwerk erlernen. Über mein Spezialwissen kann ich mich nur mit einem sehr kleinen Teil der Bevölkerung austauschen." Nun schätzt er das Feedback seiner Kunden. Und das kreative Arbeiten rund um neue Wurst-Rezepte.

Der ehemalige Student Bohn denkt darüber nach, im Anschluss an die Gesellenprüfung seinen Meister zu machen. "Ich finde gut, dass die Meisterfortbildung direkt angeschlossen werden kann." Für Theil hat sich der berufliche Horizont dank seiner Fleischerlehre "in jedem Fall verbreitert"; die künftigen beruflichen Optionen reichen vom lebensmitteltechnolgischen Zweitstudium über eine Stelle in der Pharmaforschung bis zum Lieblingsszenario: "Lehrer in der Berufsschule". Sein Appell: "Karriere kann nicht nur mit Hochschulabschluss stattfinden - viele Wege führen zum Glück!"

Quelle: RP
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