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Münster
So besiegt man die Aufschieberitis

Münster. Die Prokrastinations-Ambulanz der Uni Münster hilft ihren Studierenden mit Gruppentrainings. Von Isabelle de Bortoli

Jeder kennt es, und jeder hat es schon mal gemacht: Unangenehme Aufgaben einfach auf den nächsten Tag verschieben. Oder auf die nächste Woche. Vor allem unter Studenten ist Aufschiebeverhalten verbreitet. Da wird das Schreiben der Hausarbeit immer weiter hinausgezögert und das Referat auf den letzten Drücker vorbereitet. Doch wann wird aus der Aufschieberitis die sogenannte Prokrastination (lateinisch procrastinare, auf den morgigen Tag verlegen), die ein pathologisches Aufschieben umschreibt?

"Aufschieben an sich ist etwas ganz normales, das kennt jeder von sich", sagt Julia Elen Haferkamp von der Prokrastinationsambulanz der Universität Münster, die den Studierenden Beratung und Hilfe bietet. "Ein Problem wird es, wenn das Aufschieben das Wohlbefinden nachhaltig beeinträchtigt, also zu Leiden und Stress, zu psychischen und körperlichen Problemen führt."

Anstatt zu lernen, lieber im Internet surfen, Serien gucken oder auf Facebook rumklicken: Wer aufschiebt, wendet sich meistens attraktiveren Tätigkeiten zu, die keine Aversionen auslösen. Die Zeit verfliegt schnell, am Ende des Tages ist nichts getan. "Oder man erledigt Dinge, die zwar auch nicht besonders schön sind, aber immer noch als angenehmer als die eigentliche Aufgabe empfunden werden", sagt Diplom-Psychologin Haferkamp. Dazu gehört beispielsweise das Putzen oder das Abarbeiten von Papierkram.

Die betroffenen Studenten klagen über starken Druck, Ängste und eine anhaltend depressiv gefärbte Stimmung. "Schlafstörungen, Magenprobleme und Verspannungen sind ebenfalls häufig", sagt Julia Elen Haferkamp. "Und weil man häufig persönliche Ziele nicht erreicht, sind viele Betroffene demoralisiert, werten sich selbst ab und haben nicht selten Probleme mit ihrem sozialen Umfeld."

Die Prokrastinationsambulanz der Uni Münster hilft ihren Studierenden mit Gruppentrainings und Einzelberatung. "Es geht darum, neue Verhaltensweisen einzuüben und so gestellte Aufgaben durch pünktliches Beginnen und realistisches Planen bewältigen zu können", sagt die Expertin. Eine wichtige Strategie gegen das ständige Aufschieben: Feste Uhrzeiten einplanen, zu denen man arbeitet. "Man legt einen Anfangs- und einen Endzeitpunkt fest", so Haferkamp. "Denn die Betroffenen können Arbeit und Freizeit oft nicht mehr trennen. Ständig spukt ihnen die unerledigte Aufgabe im Kopf herum."

Ist erst einmal ein klares Zeitfenster definiert, sollte man sich auf den Arbeitsbeginn regelrecht einstimmen. Am besten mit einem Ritual: "Ich stelle mir beispielsweise zehn Minuten vor dem Start einen Wecker, koche mir einen Tee und sortiere meine Unterlagen", sagt die Psychologin. "Störungen sollte ich außerdem vermeiden - also am besten W-Lan ausschalten, wenn ich es nicht brauche, und das Telefon stumm schalten."

Wichtig ist auch, eine konkrete Aufgabe festzulegen und das Arbeitspensum realistisch einzuschätzen. "Viele neigen dazu, sich zu viel vorzunehmen. Von dem, was man zu schaffen meint, sollte man 50 Prozent abziehen - dann hat man meistens eine reelle Größe, was man erreichen kann", rät die Expertin.

Die Prokrastinationsambulanz hat im vergangenen Jahr allein rund 300 Anfragen von Betroffenen erhalten, die Hilfe suchten. Auf ihrer Internetseite kann man einen Selbsttest machen und erfahren, ob man beim eigenen Verhalten von Prokrastination sprechen kann.

Info www.uni-muenster.de/Prokrastinationsambulanz

Quelle: RP
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