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Kolumne: Gesellschaftskunde
Gemeinsame Mahlzeiten sind ein Segen

Sich in Ruhe zu Tisch zu setzen, ist keine Selbstverständlichkeit mehr. Heute sind Wohnküchen in Mode. Das Leben darin ist nicht unbedingt erholsam. Von Dorothee Krings

Gesellschaftliche Veränderungen lassen sich an den unscheinbaren Dingen ablesen. An der Art, wie wir uns zu Tisch setzen, zum Beispiel. Jahrhundertelang war die gemeinsame Mahlzeit mit Tischgebet und festen Plätzen ein gesetztes Familienritual.

Doch Arbeits- und Schulzeiten sind flexibler geworden, die Rollenaufteilung in der Familie auch, und so ist die gemeinsame Mahlzeit nicht mehr selbstverständlich. Familien ringen heute um jede gemeinsame Stunde und verbringen sie nicht mehr zwangsläufig rund um den Mittags- oder Abendbrottisch.

Darum haben sich auch die Wohnungen verändert. Wer erinnert sich noch an die Durchreiche, die früher in vielen Wohnungen die einzige Verbindung zwischen Esstisch und Küche war? Die Durchreiche war ein Zeichen dafür, dass die Sphären des Kochens und des Verzehrs strikt getrennt bleiben sollten.

Der Zubereitung wurde kaum Wert beigemessen, die Küchengeräte waren noch keine edelstahl-glänzenden Statussymbole, sondern dienten dem Gebrauch. Kochen war auch noch nicht das Hobby für geschickte Kenner, mit dem man Eindruck schinden konnte, sondern vor allem eine Tätigkeit, die Gerüche und Geräusche erzeugte. Und davon sollte die Zeit bei Tisch verschont bleiben. Denn die diente ja dem Genuss und der Konversation.

Natürlich klingt das idyllischer, als es oft war, denn es galten strenge Regeln und Hierarchien: Die Manieren mussten stimmen, oft hatte der Hausherr das Wort - und die Hoheit über den Braten sowieso. Bertolt Brecht hat diese Enge in seinem Gedicht "Was ein Kind gesagt bekommt" treffend beschrieben. Es endet mit den Zeilen: "Kartoffeln sind gesund, ein Kind hält den Mund." Klar, dass das irgendwann für Rebellion sorgte und die "Solange du deine Füße unter meinen Tisch stellst"-Kämpfe ausgefochten werden mussten.

Es war also nicht alles besser früher, aber geordneter. Und darum manchmal auch erholsamer. Denn ein klarer Rahmen schafft Gelassenheit. Heute passiert alles gleichzeitig: kochen, essen, leben. Darum sind Wohnküchen in Mode, in denen die unterschiedlichen Sphären des Alltags nicht getrennt sind, jeder kochen und essen kann, wann es gerade passt. Das klingt entspannter, als es ist. Denn den einzelnen Tätigkeiten fehlt es oft an Aufmerksamkeit. Wo alles gleichzeitig geschieht, ist nichts wirklich wichtig. Und das schlaucht.

Die Ruhe für eine gemeinsame Mahlzeit muss heute erkämpft werden, doch sie bleibt ein Segen.

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Quelle: RP
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