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Kolumne: Gott Und Die Welt
Wie klein unsere Sorgen doch sind

Was bei der Flüchtlingshilfe alles gelingt, nehmen wir zu oft nur stillschweigend zur Kenntnis. In all unserer Aufgeregtheit ist es darum sinnvoll, auch einmal innezuhalten. Von Lothar Schröder

Nichts spricht dagegen, sich einen Moment des Innehaltens zu gönnen. So ein bisschen Windstille inmitten des seit vielen Tagen ringsum tosenden Meinungsgestöbers über und um Flüchtlinge in unserem Land. Und natürlich auch heute wieder. Dass der Familiennachzug beschränkt wird, kritisiert die Kirche. Dass ehrenamtliche Flüchtlingshelfer Feuerwehrleuten gleichgestellt werden sollen, wünscht das Rote Kreuz. Welche Meinung mehrheitsfähig ist, lesen wir am "Politbarometer" ab. Und mittendrin Schäubles Gerede von der Lawine. Nach Flüchtlingsstrom und Flüchtlingsflut mal wieder eine Natur-Metapher, die wie ein Gottesgericht daherkommt. Apocalypse now. Ein Diktum, das im wahrsten Sinn des Wortes unvergleichlich und damit falsch ist. Weil die Not und die Verzweiflung, die viele Flüchtlinge zur ungewissen Reise drängt, nicht naturgegeben ist. Menschen haben sie verursacht, und Menschen tragen die Verantwortung. Alles Nachrichten für größere Schlagzeilen. Die kleinen spielen sich vor unserer Haustüre ab - mit den vielen Initiativen für Deutschunterricht und Stadtführungen, den Kleider- und Geschenksammlungen inklusive unserer Ratlosigkeit, wenn es bei der Verteilung so handfest zugeht, wie es der Überlebenskampf zuvor lehrte. Inzwischen kennen wir ohnehin alles, was bei den Hilfen nicht oder noch nicht funktioniert. Was aber alles gelingt, nehmen wir wie viele kleine Selbstverständlichkeiten zur stillen Kenntnis. Engagement aber, das in Aufgeregtheit, Parteiengezänk und Hysterie umschlägt, ist dagegen unverbindliches Gehabe und zugleich eine Verhöhnung der wirklich Notleidenden. Wie klein unsere eigenen Sorgen in Wahrheit doch sind! Wie normal unser Leben weiterhin ist! Und wie alltäglich unsere Gedanken: Die Bundesliga-Hinrunde nähert sich dem Endspurt; die Preise für Gänse sind gestiegen, die für Weihnachtsbäume aber stabil und so weiter. Dass Deutschland ein gutes Aufnahmeland ist, denken wir oft. Es dann aber auch zu sagen, trauen wir uns schon nicht, aus latenter Angst vor dem Vorwurf der Naivität.

Einfach einmal innezuhalten, ist kein Stillstand. Manchmal ist Ruhe der geeignete Zustand, wirklich einen Standpunkt einzunehmen.

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Quelle: RP
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