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Analyse
Die Grenzen unserer Toleranz

Düsseldorf. Darf man von falscher Toleranz sprechen, wie es mitunter Politiker derzeit tun? Man muss es sogar. Denn wer alles toleriert, auch den Intoleranten, trägt notwendig zum Verschwinden der Toleranz bei. Von Lothar Schröder

Seit diesem Jahr wird jede Meldung über ein Sexualdelikt irgendwo in Deutschland sofort zum Stresstest unserer sogenannten Willkommenskultur. Werden Flüchtlinge verdächtigt? Sind es möglicherweise Nordafrikaner gewesen? Solche Straftaten sind Gift für unsere Bereitschaft, vorurteilsfrei auf Menschen zuzugehen. Solche Straftaten nähren Vorurteile und unsere Geneigtheit, von einem auf alle oder wenigstens viele zu schließen. Dann beginnen wir, unsere Anschauungen zu überprüfen. Und eine Testfrage lautet: Wie tolerant sind wir eigentlich?

Die Politik hat diese Frage zwar nicht beantwortet. Doch gibt es inzwischen klare Voten insbesondere von Unionspolitikern. Julia Klöckner, CDU-Vorsitzende in Rheinland-Pfalz, beklagt frauenfeindliches Verhalten, verlangt eine stärkere Auseinandersetzung mit "muslimischen Männlichkeitsnormen" und konstatiert, dass ein häufig rückwärtsgewandtes, vor allem patriarchalisches Rollenverständnis vieler Flüchtlinge in deutlichem Widerspruch zu unserer aufgeklärten Gesellschaft steht. Am Ende folgt - wie auch bei Klöckners CDU-Parteikollegen Jens Spahn - die Warnung vor einer falschen Toleranz.

Starker Tobak für eine aufgeklärte Gesellschaft, für die die Toleranz ein hoher Wert ist und seit der Ringparabel in Lessings Ideendrama "Nathan der Weise" zur klassischen Ausstattung unserer Ideale gehört. Was lässt sich gegen eine Toleranz sagen, von der es in einer Erklärung der Vereinten Nationen heißt, sie bedeute "Respekt, Akzeptanz und Anerkennung der Kulturen unserer Welt, unserer Ausdrucksformen und Gestaltungsweisen unseres Menschseins in all ihrem Reichtum und ihrer Vielfalt"?

Mensch, Klöckner, Mensch, Spahn! Wie konnte es dann zu solch menschenrechtlich heiklen Aussagen kommen? Aber vielleicht ist diese Frage auch zu schnell gestellt. Denn vielleicht geht es zunächst gar nicht um eine falsche Toleranz gegenüber Fremden, sondern um eine falsche Vorstellung von Toleranz. So hat diese ihrem Wesen nach wenig mit Respekt und kaum etwas mit Moral zu tun. Denn Tolerieren heißt gerade nicht, dass man etwas anerkennt; im Gegenteil: Wer etwas toleriert, duldet etwas, was man im Grunde ablehnt. Dahinter steht die Hoffnung auf einen pädagogischen Effekt: Ich ertrage den anderen in der Absicht, ihn besser zu verstehen.

Es gibt sogar Ethiker, die noch mutiger behaupten, dass Toleriertes etwas sein müsste, das man regelrecht für falsch hält, also moralisch ablehnt. Erst dieser Drahtseilakt sei ein Ausweis echter Toleranz.

Eine solche Haltung verlangt Zivilcourage und die Überwindung der eigenen Position und ist im Extremfall vielleicht sogar ein halsbrecherischer Akt von Selbstverleugnung. Zumindest das verlangt die Toleranz von jedem, der bereit ist, sie zu gewähren: Er muss selbst eine klare Position haben und sich seiner Werte bewusst sein. Die Toleranz verlangt somit eine Selbstauskunft des Tolerierenden. Keine kleine Aufgabe in einer pluralistischen Gesellschaft wie der deutschen, in der es nur wenige allgemeingültige Verhaltensregeln gibt und die sich durch eine große Normenvielfalt auszeichnet.

Die eigene Standortbestimmung ist nur die Voraussetzung. Das eigentliche Problem stellt sich mit der Frage nach den Grenzen von Toleranz. Die ist - keine Frage - bei jeder Straftat überschritten. Diffiziler wird es bei der möglichen Verletzung unserer gesellschaftlichen Grundwerte wie der Wahrung der Gleichberechtigung von Mann und Frau sowie der Freiheit der Meinung und der Religionsausübung.

Natürlich kann es keine grenzenlose Toleranz geben. Man kann Menschen gegenüber, die intolerant sind, nicht tolerant sein. Die Toleranten würden dann nämlich unterdrückt und mit ihnen jede Form und jede Möglichkeit der Duldung. Man muss Toleranz aber aus freien Stücken üben können. Wer diese Chance nicht mehr hat, ist nicht tolerant, sondern machtlos. Der Philosoph Karl Popper hat dies einmal das "Paradox der Toleranz" genannt. Nach seinen Worten führt "uneingeschränkte Toleranz mit Notwendigkeit zum Verschwinden der Toleranz".

Die Freiheit ist die Freiheit des anderen, heißt es so schön einprägsam und zitierfähig bei Rosa Luxemburg. Sollte der andere aber die gewährte Freiheit mit Füßen treten, wäre eine solche Haltung kaum empfehlenswert. Ein bedenklicher Nebeneffekt: Jeder Selbstschutz verändert uns. Wer Intolerante nicht toleriert, wird intolerant und schafft damit die Toleranz ab. Dies ist dann ein weiteres Paradox der Toleranz.

Die vielen Auseinandersetzungen mit fundamentalistischen Weltanschauungen haben im Westen das Unbehagen an der Toleranz wachsen lassen. Immer häufiger werden solche Duldungen nicht nur im Einzelfall, sondern auch prinzipiell kritisiert. Für den Bielefelder Konfliktforscher Wilhelm Heitmeyer ist die Toleranz kaum mehr als eine Art "Alleskleber", ein beliebtes Instrument vornehmlich in Sonntagsreden, die mit dem gesellschaftlichen Alltag wenig zu tun haben. Nach Heitmeyers Worten würden Konflikte mit praktizierter Toleranz bestenfalls geregelt, nicht aber gelöst. Sie müsse daher erweitert werden um Komponenten wie Respekt und Wertschätzung.

Gerne wird die Toleranz zur postmodernen Kardinaltugend erhoben. Und ohne ein Minimum an Toleranz würde unser Zusammenleben nicht funktionieren. Tolerant will jeder sein. Vor allem auf dem Papier. Sich ihr zu stellen, verlangt aber, dass man selbst über eine verlässliche Orientierung verfügt. Die ist in manchen Fragen dieser Tage nicht mehr ganz so leicht. Toleranz deswegen zu verteufeln, wäre das Ende der Aufklärung. Sie aber als grenzenlos zu sehen und zu begreifen, ist das Ende jeder Toleranz.

Quelle: RP
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