| 08.05 Uhr

Düsseldorf
Jeder Zweite leidet unter Überstunden

Düsseldorf. Einer Studie des Deutschen Gewerkschaftsbundes zufolge arbeiten 60 Prozent der Beschäftigten regelmäßig länger als im Arbeitsvertrag vereinbart. Das beeinträchtigt die Erholungsphasen. Von Beate Wyglenda

Man arbeitet, um zu leben, und lebt nicht, um zu arbeiten - eine alte Weisheit, die in Deutschland offenbar immer mehr in Vergessenheit gerät. Das legt zumindest eine bundesweit geführte, repräsentative Beschäftigungsbefragung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) nahe. Demnach sind für einen erheblichen Teil der deutschen Beschäftigten überlange Arbeitszeiten zum Normalfall geworden. Jeder Dritte Vollzeitbeschäftigte arbeitet mehr als 45 Stunden in der Woche. Etwa jeder Sechste steht für den Betrieb sogar mehr als 48 Stunden pro Woche parat und überschreitet somit die im Arbeitsgesetz festgelegte maximale wöchentliche Arbeitszeit.

Der DGB schlägt Alarm: "45 Stunden und mehr pro Woche arbeiten - viele Beschäftigte tun das nicht freiwillig", sagt DGB-Vorstand Annelie Buntenbach. ",Arbeiten ohne Ende' gefährdet die Gesundheit und erschwert, Beruf und Privatleben unter einen Hut zu kriegen." Die Studie bestätigt: Mehr als jeder Zweite leidet unter den Überstunden. 60 Prozent der überlang Arbeitenden geben etwa an, dass bei ihnen die Familie und Freunde zu kurz kommen würden. Auch der Anteil derer, die in der Freizeit nicht richtig abschalten können, ist in dieser Gruppe deutlich höher. Hinzu komme, dass Beschäftigte mit Arbeitszeiten von 45 Stunden und mehr häufiger Arbeit mit nach Hause nähmen als diejenigen, die höchstens 44 Stunden wöchentlich im Job verbringen, erklärt Buntenbach. Notwendige Erholungsphasen fielen damit wesentlich kürzer aus.

Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) bestätigt: Mehrarbeit könne zu einer Belastung für den Einzelnen werden. "Die klare Trennung von Job und Privatleben wird aufgeweicht." Ein Risiko sei, dass das Berufliche überhandnimmt.

Die Ergebnisse der Studie sieht Weber jedoch als nicht so dramatisch an: 2014 habe jeder Arbeitnehmer im Schnitt 46,7 Überstunden geleistet. Das ist circa eine Stunde mehr pro Woche. Die Zahl der jährlich geleisteten Überstunden sei damit seit der Wiedervereinigung stabil. Geändert habe sich lediglich, dass ein Teil der Mehrarbeit durch Arbeitszeitkonten flexibler gehandhabt werde. "Flexible Arbeitszeiten sind unverzichtbar, um die Wettbewerbsfähigkeit der Betriebe zu sichern und Beschäftigung zu erhalten", erklärt auch die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände. "Das Arbeitszeitgesetz gibt einen klaren Rahmen vor, an den sich die Arbeitgeber halten."

Für den Arbeitsmarktexperten am arbeitgebernahen Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) Köln , Holger Schäfer, ist die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit bei höher Qualifizierten sogar bewusst fließend. Die Arbeit werde zu einem wichtigen Bestandteil der persönlichen Lebensführung. "Die Menschen mögen ihren Job und machen ihn einfach gern."

Die DGB-Studie bestätigt, dass gerade Beschäftigte in einer Leitungsfunktion Überstunden leisten. Besonders deutlich zeigt sich der Unterschied bei den Arbeitszeiten mit extremer Überlänge. Beschäftigte mit Leitungsfunktion verbringen doppelt so oft 48 Stunden und mehr im Betrieb als einfache Angestellte. Laut Buntenbach aber nicht unbedingt freiwillig. Sie fordert neue Regeln, damit die Beschäftigten ihre Arbeitszeit flexibel und selbstbestimmt gestalten können.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Düsseldorf: Jeder Zweite leidet unter Überstunden


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.